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15.05.2016 Venezuela / Politik / Wirtschaft

"Die Regierung versteht das Wesen dieser Krise nicht"

Der Ökonom Victor Álvarez über die wirtschaftliche Lage in Venezuela und notwendige Maßnahmen zur Überwindung der Krise
"Die Saat des Erdöls". Mit den Einnahmen von PDVSA werden die staatlichen Sozialprogramme finanziert

"Die Saat des Erdöls". Mit den Einnahmen von PDVSA werden die staatlichen Sozialprogramme finanziert

Quelle: pdvsa.com

Welches sind die dringlichsten Maßnahmen, um aus der Krise herauszukommen?

Die Regierung hat immer noch einen Handlungsspielraum für die Einführung eines Programms zur ökonomischen Stabilisierung mit sozialem Wohlstand, mit Maßnahmen, die positive Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hätten. Sie kann den Benzinpreis an einen realistischen Wert anpassen1, das Wechselkurssystem vereinheitlichen und staatliche Importe zugunsten der nationalen Produktion ausrichten. Sie kann Verteidigungsausgaben reduzieren, um prioritär in Gesundheit und Sicherheit zu investieren; sie kann Devisenzahlungen an Brasilien, China, den Iran etc. für erbrachte Infrastrukturleistungen neu regeln; mit über 50 Prozent Erlass externe Schulden zurückkaufen, externe Schulden neu verhandeln und somit die Zahlungen in den Jahren 2016 und 2017 entlasten. Und sie kann die ineffizienten direkten Subventionen durch direkte Subventionen für arme Haushalte ersetzen.

Einige Ökonomen haben kritisiert, dass sich die Regierung beim Ergreifen von Gegenmaßnahmen zu viel Zeit gelassen hat und dass, selbst wenn sie heute sofort angewendet werden, eine Überwindung der Krise nicht einfach sein wird. Sieht es für Venezuela wirklich so düster aus?

Ökonomische Maßnahmen, die nicht rechtzeitig ergriffen werden, haben, auch wenn sie richtig sein mögen, nicht mehr dieselbe Wirkung. Die Verzögerung schränkt sie ein und kann den gewünschten Effekt aufheben. Es ist wie beim Krebs, der zwar diagnostiziert, aber nicht zeitnah und nicht auf die richtige Art und Weise behandelt wurde, und dessen Schäden dann irreparabel sein können. Das entstehende wirtschaftliche und soziale Chaos kann dann eine Krise der Regierbarkeit auslösen, die zu politischen Veränderungen führt.

Glauben Sie angesichts der Inaktivität der Verantwortlichen gegenüber der aktuellen tiefgreifenden Krise, dass die Regierung auf das Chaos setzt? Nutzt jemandem eine soziale Explosion?

Die Regierung versteht das Wesen dieser Krise nicht. Sie verwechselt sogar Inflation mit Spekulation und reagiert auf Preissteigerungen mit Einsatzkommandos, Geldstrafen und Gefängnis, als ob es sich hierbei um eine Straftat handeln würde. Sie schafft es nicht, den Zusammenhang anzuerkennen zwischen makroökonomischen Verwerfungen, Rechtsunsicherheit, Arbeitskonflikten und dem Rückgang der Produktionsinvestition und der schwerwiegenden Knappheit, von der die Bevölkerung betroffen ist. Sie versteht nicht, dass die Finanzierung des Haushaltsdefizits mittels der ungedeckten Emission von Banknoten die Inflation begünstigt.

Die Opposition setzt auf diese Inaktivität, damit sich die Situation weiter verschlechtert und sie in Wahlen Kapital aus der sozialen Unzufriedenheit schlagen kann. Sie hat daraus bereits bei den Wahlen am 6. Dezember saftige Dividenden erzielt und hofft jetzt auf weitere Zugewinne bei den Gouverneurswahlen. Auf eine finale Schlacht zu setzen bedeutet aber, einen sozialen Konflikt zu provozieren, der in einer tiefgreifenden Krise der Regierbarkeit enden kann. Was auf dem Spiel steht ist nicht die Kontinuität der Regierung, sondern die Lebensfähigkeit der Nation.

Warum hat man Ihrer Meinung nach die ökonomischen Maßnahmen nicht rechtzeitig ergriffen? Welche Konsequenzen hat die Verzögerung?

Die Regierung ist in einschränkenden Überzeugungen gefangen. Sie schreibt den nötigen ökonomischen Maßnahmen volksfeindliche Auswirkungen mit den daraus resultierenden politischen Kosten zu. Sie gelangt nicht zu der Erkenntnis, dass das eigentlich Volksfeindliche die Beibehaltung einer Reihe rigoroser Kontrollen und ineffizienter Subventionen ist, die dem Volk, das sie zu verteidigen vorgibt, überhaupt nicht zugutekommen. Im Gegenteil werden diese von den Mafias der Spekulanten und Korrupten ausgenutzt, die skandalöse Vermögen angehäuft haben, indem sie sich die perversen Anreize zunutze machen, die diese Verirrungen und Fehler der Wirtschaftspolitik bieten.

Halten Sie die Vereinheitlichung der Wechselkurse für notwendig?

Die Vereinheitlichung der Wechselkurse ist das einzige, was die Regierung vor ihrem fiskalischen Schiffbruch retten kann. Machen wir uns nichts vor, die Angaben bezüglich der Erfüllung der Zielvorgaben bei den Steuereinnahmen sind durch die Inflation verzerrt. Im Jahr 2015 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um über acht Prozent gesunken sein und viele Firmen schlossen mit Verlusten und werden somit keine Steuern bezahlen. Die alles verzehrende Inflation hat auch dazu geführt, dass eine wachsende Zahl an Kauf- und Verkaufgeschäften ohne Rechnung getätigt wird, um der Abgabe einer Mehrwertsteuer zu entgehen. Die einzige Option der Regierung, um dieses Steuerloch zu stopfen, ist es, die Dollars teurer zu verkaufen.

Wie hoch müsste der Wechselkurs sein und warum?

Der Wechselkurs stellt ein Verhältnis zwischen zwei Währungen dar, in diesem Fall zwischen dem Bolívar und dem US-Dollar. Die Regierung wird nach Augenmaß abwerten, aber als technisches Kriterium für die Annäherung an eine neue Währungsparität könnte der implizite Wechselkurs dienen, bei dem die Geldmenge ins Verhältnis zu den Devisenreserven gesetzt wird. Bei einer Differenz mehr als des 150-fachen zwischen dem offiziellen und dem Schwarzmarktdollar wird ein niedriger Wechselkurs weiterhin eine Versuchung für Renditejäger darstellen, die immer einen Weg finden, an billige Dollars zu kommen um sie dann teuer weiterzuverkaufen. Eine Vereinheitlichung nahe am Wechselkurs des Simadi2 würde, obwohl dieser immer noch nur 20 Prozent des Schwarzmarktkurses betrüge, bereits ausreichend Bolívares in die Kassen spülen, damit PDVSA3 Gehälter und Schulden bezahlen kann.

Was kostet PDVSA die Produktion eines Barrels Öl?

Dazu gibt es keine aktuellen Daten, aber laut dem letzten Jahresbericht von 2014 belaufen sich die durchschnittlichen Extraktionskosten auf 18 US-Dollar pro Barrel. Preise von 25 US-Dollar pro Barrel und eine PDVSA, die gezwungen ist, zu Wechselkursen von 6,30 bzw. 13,50 zu verkaufen, bringen die Gold-Eier legende Henne um. Bei einem Wechselkurs von 6,30 bekommt das Unternehmen für ein 159-Liter-Fass à 25 US-Dollar umgerechnet 157,5 Bolívares und somit weniger als einen Bolívar pro Liter. Wenn es die Petro-Dollars zu 13,50 wieder verkauft, bekommt es 337,5 Bolívares und somit 2,12 Bolívares pro Liter. Zu den vom Außenhandelszentrum Cencoex oder von Sicad4 angewandten Wechselkursen reichen die Einnahmen der PDVSA nicht aus, um gleichzeitig die Gehälter der über 140.000 Mitarbeiter, ausstehende Zahlungen an Lieferanten und weitere Geschäftspartner, Unterstützungen sozialer Programme und Abgaben an den Fiskus zu leisten. Daher muss sich das Unternehmen bei der Zentralbank verschulden, die zum Ausgleich des staatlichen Haushaltsdefizits wiederum dazu gezwungen ist, ungedeckt Unmengen an Geld zu drucken, was zum Hauptfaktor der Inflation geworden ist.

Eine nächste Tilgungsrate wird fällig und manche sprechen sich für die Refinanzierung der Schulden aus. Andere sagen, man solle nicht zahlen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Venezuela muss zahlen. Aber vorher muss man einen Kassensturz vornehmen und schauen, ob das Land überhaupt zahlen kann, ohne auf das hauptsächliche Ziel zu verzichten, nämlich die Reaktivierung der Produktion zur Überwindung der Versorgungsmängel, die so viel Unbehagen in der Bevölkerung hervorrufen. Gemäß Daten der Organisation Erdölexportierdender Staaten (Opec) förderte PDVSA im Jahr 2015 2,9 Millionen Barrel pro Tag (bpd). Um die Nettoeinnahmen in Devisen errechnen zu können, muss zunächst der nationale Konsum in Höhe von 750.000 bpd abgezogen werden. Wenn man die Lieferungen an Kuba, Alba und Petrocaribe einstellen und die Lieferungen an China auf 300.000 bpd beschränken würde, blieben somit 1.850.000 bpd für den Export. Wenn man nun mindestens den im Haushalt 2016 veranschlagten Preis von 40 Dollar pro Barrel erzielen würde, betrügen die Einnahmen 27,01 Milliarden Dollar.

Um jedoch einen größeren Rückgang des BIP zu verhindern, belaufen sich die wesentlichen Importe weiterhin auf 25 Milliarden Dollar, während im Jahr 2016 die fälligen Kapital- und Zinsbeträge von externen Schulden bei über zehn Milliarden Dollar liegen. Die Regierung muss sich mit ihren Kreditgebern zusammensetzen und ihren Willen zusichern, die Schulden mittels neu festgelegter Rückzahlungsmodalitäten, die sich an den Ölpreisentwicklungen ausrichten würden, zu begleichen.

Müssen wir uns an den IWF wenden?

Achtung, was ich gesagt habe, bedeutet nicht, dass das Land unausweichlich auf eine Zahlungsunfähigkeit zusteuert und im System des IWF zugrunde gehen muss. Der Regierung bleibt immer noch Spielraum, um den Ölpreisverfall zu kompensieren, sofern sie Kooperationsabkommen im Energiebereich neu ausrichtet, die Verteidigungsausgaben senkt, mit über 50 Prozent Erlass ablösbare externe Schulden zurückkauft und Devisenzahlungen für erbrachte Infrastrukturleistungen an Brasilien, China, den Iran etc. neu vereinbart. Sollte das nicht reichen, muss sie sich mit ihren Kreditgebern zusammensetzen und ihren Willen zur Begleichung der Schulden zusichern, allerdings unter der Voraussetzung der Neugestaltung der Zahlungsmodalitäten. Dies käme beiden Seiten zugute, da man somit einen Zahlungsausfall verhindert, der den Kurs venezolanischer Staatsanleihen pulverisieren würde, die dann sicherlich von den bereits über Venezuela kreisenden Geierfonds aufgekauft würden. Will sich die Regierung nicht in die Hände des IWF begeben, muss diese Option von einem Basisprogramm zur ökonomischen Stabilisierung flankiert werden. Außerdem muss ein hochrangiges Verhandlungsteam eingesetzt werden, das die Kreditgeber durch Vertrauensgewinn dazu bewegt, auf eine Flexibilisierung der Rückzahlungsmodalitäten auf Grundlage der Entwicklungen des Erdölmarkts einzugehen.

Es heißt, dass der Spanier Alfredo Serrano Mancilla Präsident Nicolás Maduro in wirtschaftlichen Fragen berät. Was meinen Sie dazu? Halten Sie die Analyse des Präsidenten bezüglich der Wirtschaft für zutreffend?

Das Land braucht wirkliche Experten, die das Wesen des Problems verstehen, ausgebildete und besonnene Profis, die keine Überzeugungen verfolgen, die auf veralteten Ideen aus verstaubten Wirtschafts-Pamphleten beruhen. Es braucht ein Wirtschaftsteam, das eine gemeinsame Vision hat, mit einem soliden Fundament an Kriterien, das Kohärenz in der Aktion sichert, damit alle den Karren in dieselbe Richtung schieben.

Soll die Wechselkurskontrolle aufgehoben werden?

Die Wechselkurskontrolle wurde aus ökonomischen Gründen eingeführt, ist aber zu einem Instrument politischer Macht verkommen. Nach 13 Jahren ist es unleugbar, dass sie nicht die gewünschte Wirkung erzielt hat. Die Devisenflucht hat zugenommen: wegen der perversen Anreize für überhöhte Abrechnungen von Importen, zu niedrigen Abrechnungen von Exporten und die Briefkastenfirmen, die die Nation betrügen. Auch die Dollar-Touristen wurden durch diese verhängnisvollen Stimulationen dazu verlockt, günstige Dollars zu erwerben, um sie teuer weiterzuverkaufen. Die Kontrolle konnte auch die internationalen Reserven nicht verteidigen und heute gibt es nicht genügen Rücklagen, um die wesentlichen Importe abzudecken und externe Schulden zu bedienen. Damit nicht genug, hat die Kontrolle des Wechselkurses nicht zur Wahrung der Kaufkraft der Währung geführt und der ehemals "Starke Bolívar"5, der mit so viel Bombast eingeführt wurde, ist jetzt zerfallen. Wenn du andere Ergebnisse willst, musst du die Dinge anders angehen. Hinsichtlich derart desaströser Ergebnisse muss man die Bedingungen schaffen, um zunächst das System der verschiedenen Wechselkurse zu vereinheitlichen und dann zur Flexibilisierung des Kurses übergehen.

Der IWF hat für das Land eine Inflation von 700 Prozent für das Jahr 2016 vorausgesagt. Ist das möglich?

Gemäß der veralteten Daten, die die Zentralbank gerade veröffentlicht hat, beträgt die bis September hochgerechnete Inflation im Lebensmittelbereich 254 Prozent. Die weltweit untersuchten Fälle von Hyperinflation haben drei ähnliche Eigenschaften: 1) Ein wiederkehrendes und wachsendes Staatsdefizit, 2) seine Finanzierung mittels ungedeckter Bargeldemissionen und 3) geringe Spareinlagen in nationaler Währung aufgrund der schnellen Entwertung.

In Venezuela sind also die Bedingungen für eine Hyperinflation gegeben. In den vergangenen acht Jahren betrug das Staatsdefizit mehr als zehn Prozent des BIP und für 2016 ist es sehr wahrscheinlich, dass es 20 Prozent übersteigt. Die Finanzierung dieses wachsenden Defizits geschieht durch Bargeldemissionen ohne entsprechende unterstützende Maßnahmen seitens der Zentralbank, wodurch Inflation entsteht. Und bei Zinssätzen, die die Inflation nicht kompensieren, ziehen die Leute den Erwerb von Gütern oder den Kauf von US-Dollar auf dem Schwarzmarkt vor, statt zu sparen.

Hat sich die venezolanische Wirtschaft während der "Bolivarischen Revolution" noch stärker zu einer Rentenökonomie entwickelt?

Das Erbgut einer Rentenökonomie trägt pathologische Potenziale in sich, die die bolivarische Regierung weder vorherzusehen noch zu verhindern im Stande war. Ebenso wie die Regierungen der Vierten Republik verfiel sie den Reizen des Rentismus und versanken am Ende im Fluch des Überflusses. Sowohl die kapitalistische Rentenökonomie wie auch der sozialistische Neo-Rentismus haben sich auf die außerordentliche politische, wirtschaftliche und soziale Macht gestützt, die die Kontrolle der Erdöleinnahmen verleiht.

Der sozialistische Neo-Rentismus ist ein Herrschaftsmodell, das auf der Nutzung der Erdölrente basiert, um soziale Investitionen zu finanzieren und ein Klientel-Netzwerk zu schaffen, das seiner Unterstützung dient. Aufgrund des Produktivitätsrückganges und der Unfähigkeit neue Arbeitsplätze zu schaffen, verschärfte dieses Modell die Rolle des bürokratischen Staates als klientelistischer Arbeitgeber, der die Arbeitskräfte funktionalisiert und sich unterwirft. So sichert man die Herrschaft durch ein System aus Belohnungen und Bestrafungen, um sich der Loyalität politischer Gefolgsleute zu versichern, Sympathien zwiespältiger Gruppierungen zu erkaufen und Gegner zu bestrafen oder einzuschüchtern.

Wie würden Sie die aktuelle Situation des Produktionsapparates des Landes beschreiben? Kann man ihn wiederherstellen?

Der Produktionsapparat ist durch die Überschwemmung mit Importen, die mit günstigen US-Dollar getätigt wurden, hinweggefegt worden. Durch die Petro-Dollar-Spritze in den nationalen Umlauf entstand eine Nachfrage, die durch den schwachen lokalen Produktionsapparat nicht bedient werden konnte. Bei der Wahl zwischen produzieren oder importieren entschied sich die Regierung für den einfachen Weg, das zu importieren, was im Inland mit Anstrengung und Beständigkeit produziert werden müsste. Mit dem Einbruch der Erdölpreise geriet die Wohlstandsfantasie in die Krise. Weil man nicht auf einen soliden Produktionsapparat bauen kann, ist es unmöglich, die Güter, die nicht mehr importiert werden können, durch nationale Produktion abzudecken. Und seine Wiederbelebung kann nicht von einer Regierung in Angriff genommen werden, die strikte Haushaltskürzungen vornehmen muss. In einem von Rechtsunsicherheit und Arbeitskämpfen geprägten Umfeld fließen auch keine Privatinvestitionen.

Wer sind die Schuldigen an dem Zusammenbruch? Welchen Anteil an Verantwortung trägt der verstorbene Präsident Hugo Chávez am aktuellen Chaos?

Im Jahr 2010 feierte Präsident Chávez den Rückgang des BIP um 5,8 Prozent als "die Totenwache des Kapitalismus". Chávez entgegnete denjenigen, die in diesem Rückgang das Scheitern der Regierung sahen: "Die Ökonomie, die in Venezuela zusammenbricht, ist die kapitalistische." Aber die kapitalistische Ökonomie zu zerstören ohne zugleich eine effiziente sozialistische Ökonomie aufzubauen, endete damit, das Land auf dem schnellsten Weg in diesem Teufelskreis aus Knappheit, Hamsterkäufen, Spekulation und Inflation versinken zu lassen, der die ganze Bevölkerung quält.

Eine echte Revolution ist ein Prozess kreativer Zerstörung: sie zerstört das alte und schlechte und ersetzt es durch neues und besseres. Aber die Bevölkerung, die heute unter Knappheit, Spekulation und Inflation leidet, ist zu dem Schluss gekommen: "Wenn diese Katastrophe der Sozialismus ist, bleibe ich lieber beim Kapitalismus". Es wird viel Zeit brauchen bis die einfachen Leute wieder an den Sozialismus als Weg hin zu einer Gesellschaft ohne Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Exklusion glauben. Dies geschah bereits in den Ländern des sogenannten Sozialismus des 20. Jahrhunderts, aber die chavistische Avantgarde hat daraus nichts gelernt. Chávez regierte mittels Maßnahmen, die den Erdölrentismus verstärkten. Zu glauben, dass die Erdölpreise ewig steigen würden, führte zur Gründung des Fonden6 um die gesamten Erdöleinnahmen zu investieren, anstatt einen Teil im Fonds für Makroökonomische Stabilisierung (FEM) zu sparen, so wie es Artikel 321 der venezolanischen Verfassung vorschreibt.

Norwegen, das vor 50 Jahren eines der wirtschaftlich ärmsten Länder Europas war, ist zu einem der egalitärsten der Welt geworden. Anstatt Fonds zur Re-Investition überschüssiger Reserven oder aller über den im Haushalt veranschlagten Preis pro Barrel erzielten Erdölmehreinnahmen zu gründen, schuf Norwegen Fonds, um Geld zu sparen und für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Das Land erzielt eine große nationale Vereinbarung und führte eine Regel ein, nach der die Regierung nicht mehr als vier Prozent – das Äquivalent der zu erwartenden Erträge des Sparfonds – zur Vervollständigung des Haushalts abschöpfen kann, der sich hauptsächlich aus Steuern und nicht aus dem Erdöl speist.

Wie bewerten Sie ihre Arbeit bei der CVG 7? Was waren Ihre Fehler und Erfolge? Warum sind sie aus dem Amt geschieden?

Ich war in den Jahren 2005 und 2006 Minister und die Ergebnisse kann man anhand der überprüften Jahresabschlüsse dieser Industrien bewerten. Mit Ausnahme von Alcasa8 haben alle Gewinne gemacht. In diesen zwei Jahren haben wir das Werk zur Reinigung von Eisenerz für das neue Stahlwerk zur Herstellung von speziellem Edelstahl in Gang gebracht. Wir haben auch die Projekte wie nahtlose Rohre für die Öl- und Petrochemieindustrie, die Fabrik für Schienenbau und Metallgerüste für das Wohnungsbauprogramm und das Aluminiumwalzwerk aufgebaut, um nicht länger Stahl ohne Wertschöpfung zu exportieren; wir haben den Entkörnungsbetrieb für Baumwolle für die Textilindustrie geschaffen sowie eine Holzverarbeitungsanlage, um die Schwarzkiefernwälder zu nutzen. Diese Projekte wurden beschlossen, um Sozialprogramme territorial in den Gebieten des Eisens, Aluminiums und der Diamanten zu konzentrieren, als kleine Städte, die rund um diese neue Generation der Grundstoffindustrien wachsen würden. Bedauerlicherweise wurden diese Projekte lahmgelegt und abgebrochen. Die Betriebe der Basisindustrien sind heute von Bürokratismus, Pseudo-Syndikalismus und Korruption, die die Versuche der Arbeiterkontrolle sabotiert haben, besetzt und zerstört. Ihr Niedergang beschleunigt sich durch die Energiekrise, die sie einer strikten Rationierung unterwirft, was ihr Produktionsniveau erheblich beeinträchtigt. Dazu kommen die häufigen Führungswechsel, die die Fabriken der schlechten Leitung von Personen unterstellen, die weder fachlich noch für die Leitung ausgebildet sind.

Wegen eines Gesundheitsproblems, das mit Komplikationen verbunden war, musste ich ein Jahr in die Reha und bat darum, dass sie mich meines Amtes entheben. Und ich habe mir geschworen, nie wieder den Alptraum dieser höfischen Intrigen zu erleiden, die die Minister und ranghohen Regierungsmitarbeiter aushalten.


Víctor Álvarez ist Ökonom, ehemaliger Minister für Grundstoffindustrie und Bergbau, sowie Autor des Buches: "Venezuela: ¿Hacia dónde va el Modelo Productivo? Del Estado burocrático al Estado comunal y Claves para la Industrialización Socialista" (Venezuela: Wohin entwickelt sich das produktive Modell? Vom bürokratischen zum kommunalen Staat, Schlüssel zur sozialistischen Industrialisierung).

  • 1. Parallel zur Veröffentlichung des Interviews wurde im Februar der Benzinpreis erhöht: https://amerika21.de/2016/02/144941/massnahmen-gegen-krise
  • 2. Das Wechselkurssytem Simadi (Sistema Marginal de Divisas) wurde im Februar 2015 eingeführt und sollte US-Dollar frei von staatlicher Kontrolle in Banken und Wechselstuben zur Verfügung stellen, wobei der Kurs einzig durch Angebot und Nachfrage bestimmt würde. Hauptziel war, Spekulationsangriffe auf den Bolívar einzudämmen und den illegalen Dollar-Verkauf zu eliminieren. De facto war aber auch der Kurs des Simadi bei etwa 200 Bolívares pro US-Dollar festgesetzt und der Zugang sehr restriktiv. Im März dieses Jahres wurde das Wechselkursregime erneut reformiert und Simadi durch "Dicom" ersetzt (siehe http://venezuelanalysis.com/news/11883). Seitdem ist der Dicom-Kurs kontinuierlich gestiegen und liegt derzeit bei etwa 400 Bolívares.
  • 3. Staatliches Erdölunternehmen Venezuelas
  • 4. Verschiedene, inzwischen nicht mehr aktuelle Wechselkurse von 6,30 bzw. ca. 13,50.
  • 5. Im Rahmen einer Währungsreform im Jahr 2008 wurde die venezolanische Landeswährung zur Unterscheidung in "Bolívar Fuerte" (Starker Bolívar) umbenannt.
  • 6. Nationaler Entwicklungsfonds. Wurde 2005 geschaffen und aus einem Teil der staatlichen Erdöleinnahmen gespeist, im Jahr 2011 waren es rund 25 Prozent aller Einnahmen aus dem Ölexport
  • 7. Corporación Venezolana de Guayana. Staatliche Bergbau- und Industrie-Gesellschaft für das wirtschaftliche Zentrum um Ciudad Guayana im Bundesstaat Bolívar.
  • 8. Das Aluminiumwerk Alcasa war das zweitgrößte Unternehmen des Landes nach dem Öl-Produzenten PDVSA und schreibt seit Jahren rote Zahlen. Siehe: Wild-West-Methoden in der Aluminiumproduktion.
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