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05.07.2017 Mexiko / Politik / Wirtschaft

Bergbau, "Narcos" und indigene Gemeinden in Mexiko

Mit dem Bergbau und dem "Narco-Bergbau" werden die autochthonen Völker Opfer einer neuen Kolonialisierung
Sein Konzern wurde um 198 Kilo Gold erleichtert: McEwen Mining-Chef Rob McEwen, hier bei der Mines and Money-Konferenz in London (2015)

Sein Konzern wurde um 198 Kilo Gold erleichtert: McEwen Mining-Chef Rob McEwen, hier bei der Mines and Money-Konferenz in London (2015)

Quelle: Mines and Money
Lizenz: CC by-nc 2.0

Rob McEwen ist ein wohlhabender kanadischer Unternehmer. Er ist Direktor und Haupteigentümer des Bergbaukonzerns McEwen Mining. Die Gesellschaft tätigt beträchtliche Investitionen in Mexiko. Ewen ist der hundertreichste Mann Kanadas und glaubt ungebrochen an den Wert des Goldes. Im April 2015 erlitt er einen harten Schlag. Ein Kommando überfiel das Bergwerk El Gallo 1, das in der Gebirgsregion von Mocorito im Bundesstaat Sinaloa liegt, und raubte 198 Kilo Gold. Die Diebe nahmen auf diese Weise 8,4 Millionen US-Dollar mit sich. Es handelte sich um den größten Goldraub in Mexiko und dem Gewicht der Beute nach war es der viertgrößte Goldraub in der Geschichte.

"Wenn wir irgendwo sondieren wollen, fragen wir sie erst"

Zwei Tage später gab McEwen dem kanadischen Fernsehsender Business News Network ein Interview. Ohne Umschweife bekannte er: "Die Kartelle sind dort aktiv. Normalerweise haben wir ein gutes Verhältnis zu ihnen. Wenn wir irgendwo sondieren wollen, fragen wir sie erst, und sie sagen dir: 'Nein, aber kommt in ein paar Wochen wieder und wir beenden unsere Arbeit'". Diese Erklärungen entfachten eine intensive Polemik. Drei Tage später machte McEwen einen Rückzieher und entschuldigte sich für das "Missverständnis", dass "unter den mexikanischen Medien den völlig falschen Eindruck geschaffen hat, wir hätten in regelmäßigem Kontakt mit kriminellen Elementen ihrer Gesellschaft gestanden".

Das Vorkommnis ist alles andere als ein isolierter Zwischenfall. Es zeigt die komplexe Beziehung, die sich in Mexiko zwischen den Bergbaufirmen und dem organisierten Verbrechen etabliert hat. Eine Beziehung mit mehreren Facetten: die offene Zusammenarbeit zwischen beiden Geschäftsbereichen, die Wandlung von Drogenhändler in Bergbau-Unternehmer und die Erpressung und Beraubung der Gesellschaften durch die Kartelle. Drogenhändler und Bergbauunternehmer teilen sich Territorien und Transportrouten ihrer Produktion.

Viele Bergbaulagerstätten befinden sich in Regionen, in denen Schlafmohn und Marihuana angepflanzt wird oder befinden sich an Orten, an denen chemische Drogen "gekocht" werden. Sie haben jeweils ihre eigenen Privatarmeen und Sicherheitsleute. Manchmal pflegen die Bergbau-Unternehmer einen "verständnisvollen" Umgang und eine Zusammenarbeit mit den Auftragsmörder, die in entlegenen Gebirgsregionen operieren.

Narcos „säubern“ Territorien für Bergbauunternehmen

Die "Narcos" übernehmen die Aufgabe, das Gelände zu "säubern", damit die Unternehmen dann Mineralien ausbeuten können. Sie entvölkern Gemeinden oder stimmen die mit der Bergbauförderung nicht einverstandenen Bewohner um. An nicht wenigen Orten erheben sie im Einverständnis mit den Unternehmer eine "Kooperationssteuer" von den Arbeitern, damit diese im Bergwerk arbeiten dürfen. Von den Dorfgemeinden wird ein Anteil an den Regalien verlangt, die die Bergbau-Unternehmen den Gemeinden für ihre Niederlassung vor Ort zahlen müssen. Das organisierte Verbrechen hat im Bergbau ein florierendes Betätigungsfeld gefunden. Sei es, um Gewinne zu waschen, die Ergebnis des Drogenverkaufs sind oder als eine Form, die eigenen Geschäfte zu diversifizieren. Nebenbei erhält das organisierte Verbrechen auf diese Weise gesellschaftliche und politische Legitimität.

In Michoacán entsendeten die "Tempelritter" vollbeladene Schiffe mit Eisen nach China. "Die Familie", das Kartell, aus dessen Schoß die "Tempelritter" hervorgingen, war bereits 2010 in diese Aktivität eingestiegen. Laut einem ihrer Geldwäscher, der ein Jahr später verhaftet worden war, hatten sie über drei Gesellschaften 1,1 Millionen Tonnen Eisenerz für einen Preis von 42 Millionen US-Dollar nach Fernost exportiert. In Coahuila stiegen die "Zetas" erfolgreich in jener Kohleregion ein, durch die sowieso eine Transportroute für Kokain in die USA führte. Sie setzten sich dort fest, indem sie die Ausbeutung kleinerer Kohleminen und -wäschen kontrollierten. Im Jahr 2012 wurde geschätzt, dass dieses Geschäft ihnen 20 bis 22 Millionen US-Dollar einbrachte.

"Versicherungspolicen gegen die Drogenmafia" für Bergbaumultis

Im Oktober 2014 wurde der Bergbau-Unternehmer José Reinol Bermea Castillo in der Stadt Sabinas ermordet. Bermea Castillo war eng mit der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) in Coahuila verbandelt und wurde zudem beschuldigt, eine der prominenten Figuren des regionalen "Narco-Bergbaus" zu sein. Die Bergbaugesellschaften beschweren sich, dass das organisierte Verbrechen einen unlauteren Wettbewerb führt sowie ihre Arbeiter erpresst, diese eine "Arbeitsberechtigung" zahlen lässt und entführt.

Laut der Bergbaukammer Mexikos (Camimex) gehört die Branche zu den anfälligsten gegenüber dem organisierten Verbrechen. Die Unternehmen wenden zwei bis vier Prozent ihres Budgets für Sicherheitsfragen auf. Aber Bergbaukonzerne wie First Majestic investieren noch mehr in Sicherheit und bewaffnetes Wachpersonal, nämlich zehn Prozent. Andere Unternehmen haben ihre Tätigkeiten in Mexiko eingeschränkt oder lehnen es ab, in diesem Land zu investieren.

Autochthone Völker werden Opfer einer neuen Kolonialisierung

Wie der Analyst Simón Vargas aufzeigt, sind die erlittenen wirtschaftlichen Verluste so beträchtlich, dass die großen Bergbaumultis bereits über "Versicherungspolicen gegen die Drogenmafia" verfügen. Die von der Firma Marsh Brockman und Schuh verkauften Policen bieten für Mexiko Deckungssummen bis zu 25 Millionen US-Dollar für solche Verluste an.

Aber über die Modalitäten hinaus, die das komplexe und perverse Verhältnis zwischen Drogenmafia und Bergbaugesellschaften annimmt, ist eine Tatsache fundamental: der schreckliche Schaden, den kleinbäuerliche Gemeinden allgemein und die indigenen Gemeinden im Besonderen durch beide erleiden. Ihre Böden, Territorien und Naturressourcen werden von den Einen wie den Anderen brutal geplündert, zerstört und ausgebeutet. Mit dem Bergbau und dem "Narco-Bergbau" werden die autochthonen Völker Opfer einer neuen Kolonialisierung.

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