Venezuela: Selbstorganisation im armen Stadtviertel Cota 905

Basisinitiative verwandelt Slum in Caracas in einen offenen Raum für Kultur und Gemeinschaft

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Der Graffitikünstler cex_art vor einem seiner Wandbilder in Cota 905
Der Graffitikünstler cex_art vor einem seiner Wandbilder in Cota 905

Caracas hat zwei Verkehrsachsen, die als "Cotas" bekannt sind: die Cota Mil, auch Avenida Boyacá genannt, die am nördlichen Rand der Hauptstadt von Ost nach West entlang des Nationalparks Waraira Repano verläuft, und die Cota 905, oder Avenida Guzmán Blanco, die sich in südlicher Richtung erstreckt. In beiden Fällen bezieht sich der Name auf ihre Höhe über dem Meeresspiegel.

Die Cota 905 wurde 1953 von Marcos Pérez Jiménez eingeweiht. Jahre später begannen venezolanische Familien, in der Umgebung informelle Siedlungen zu errichten. Bis Ende der 1970er Jahre hatten sie sich zu einem komplexen Stadtgebiet entwickelt, dessen schwierige Zugänglichkeit es gewissermaßen vom Rest der Stadt isolierte.

Zwischen 2014 und 2021 übernahmen bewaffnete Banden die Kontrolle über das Stadtgebiet, machten es zum gefährlichsten Viertel der Stadt, terrorisierten die 300.000 Einwohner:innen und sorgten dafür, dass sich nicht einmal die Müllabfuhr dorthin wagte. Täglich hörten wir von Zusammenstößen mit der Polizei oder sogar von einem "besetzten Gebiet", das sich auf benachbarte Viertel ausweitete.

Im Laufe dieser Jahre wechselte die Regierung zwischen Versuchen, mit den Banden zu verhandeln – in dem Bestreben, das Viertel in eine "Friedenszone" zu verwandeln – und einem "harten" Vorgehen gegen die Kriminalität. Es gab Polizeieinsätze im Rahmen der sogenannten Operación Liberación del Pueblo (Operation Befreiung des Volkes, OLP), gefolgt von Razzien der Spezialeinheit FAES. Schließlich wurde 2021 die groß angelegte Operation Gran Cacique Indio Guaicaipuro gestartet, bei der 34 Kontrollpunkte eingerichtet wurden, was wie eine Invasion feindlichen Territoriums durch die Sicherheitskräfte wirkte.

Obwohl niemand die Notwendigkeit infrage stellte, dass die Regierung die Kontrolle über Cota 905 zurückgewinnen musste, löste die Operation Cacique Guaicaipuro heftige Kritik an den Polizeimaßnahmen aus, darunter die Festnahme von Dutzenden jungen Menschen, bei denen sich später herausstellte, dass sie keinerlei Verbindung zu kriminellen Banden hatten. Der Anführer innerhalb der kriminellen Banden des Viertels, Carlos Luis Revete, auch als "El Koki" bekannt, entkam der Operation, wurde jedoch einige Monate später bei einer Schießerei in der Nähe von Caracas getötet.

Seitdem nehmen die Bewohner:innen der Gegend einen Rückgang der Kriminalität und des Drogenhandels wahr. Sie beklagen jedoch, dass die Regierung im Anschluss an ihre Intervention auch andere grundlegende Bedürfnisse angehen sollte: die Straßenreinigung, die Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen, die Beseitigung beschädigter Dächer, die Entwicklung menschenwürdiger Räume für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit sowie die Schaffung lokaler Arbeitsplätze. In erster Linie ging es aber auch darum, nach all den Jahren das Stigma zu beseitigen und den Menschen verständlich zu machen, dass Cota 905 mehr hervorbringt als nur Kriminelle.

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Der Blick auf Caracas von Cota 905
Der Blick auf Caracas von Cota 905

Und doch treten in Venezuela organisierte Gemeinschaften immer dann in den Vordergrund, wenn der Staat einen Schritt zurücktritt. Eine Initiative, die ich kennenlernen durfte, war die von der Gemeinschaft organisierte Kulturtour "Die Cota-905-Tour: Tausend Geschichten, über hundert Wandbilder, eine Route", die das Viertel in eine Kunstgalerie unter freiem Himmel verwandelt.

Dieses Projekt wurde von Jefferson Cárdenas ins Leben gerufen, einem jungen Mann, der unter dem Namen "Gorra" bekannt ist und einige Jahre wegen Diebstahls und Waffenbesitzes im Gefängnis verbrachte, bis ihm eine andere Gruppe zu Hilfe kam: Free Convict, eine venezolanische Hip-Hop-Gruppe, die sich aus ehemaligen Häftlingen und Gefangenen zusammensetzt, die Musik als Mittel zur sozialen Wiedereingliederung und persönlichen Entwicklung nutzen. Tatsächlich haben sich ihm viele dieser Rapper:innen bei dieser neuen sozialen Initiative angeschlossen.

Jefferson trommelte ein paar Nachbar:innen zusammen und begann, Müll wegzubringen, Gestrüpp zu entfernen, zu kehren und Glühbirnen zu installieren. Nach und nach spendeten auch andere Nachbar:innen kleine Mengen Zement oder Farbe, die sie zu Hause vorrätig hatten. Auch einige Nachbar:innen, die sich derzeit im Ausland aufhalten, leisteten ihren Beitrag. Ebenso wie einige Besitzer:innen von kleinen Geschäften aus der Nachbarschaft, vom Besitzer eines 30 Jahre alten Lebensmittelladens, der eine Institution im Viertel ist, bis hin zu neueren Läden wie einer Pizzeria (die ich wärmstens empfehle!) und einer Bäckerei. Unterdessen beschlossen auch Graffiti-Künstler:innen und Wandmaler:innen, ihre Kunst kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Zu Beginn der Tour kostet es etwas Mühe, eine endlose Reihe bemalter Treppen hinaufzusteigen, die von urbaner Kreativität zeugen. Dann entdecken wir inmitten der verwinkelten Gassen Wandmalereien an Mauern und Hausfassaden. Über ein Dutzend Künstler:innen und Kollektive haben mehr als 100 Kunstwerke beigesteuert.

Das Schlüsselwort lautet Selbstorganisation. Die Initiative stützte sich auf Basisorganisationen im Viertel und trug dazu bei, sie wieder zu aktivieren.

Bei der Tour geht es jedoch nicht nur darum, die Aussicht zu genießen. Die Besucher:innen werden von lokalen Historiker:innen begleitet und es gibt spontane Konzerte, Theaterstücke zur Bewusstseinsbildung, traditionelle Spiele, lokale Küche sowie Souvenirs mit positiven Botschaften über Cota 905 zu kaufen. Angesichts des Erfolgs erwägen die Organisatoren, künftig auch Touren bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang anzubieten.

Die venezolanische Regierung, die in den letzten Jahren verschiedene Initiativen in Cota 905 gestartet hat, jedoch ohne große Kontinuität, hat den Erfolg der Tour gewürdigt. Das Tourismusministerium hat sie offiziell anerkannt, und sogar Gruppen ausländischer Tourist:innen sind dorthin gekommen, um sie zu erleben.

Jeffersons Team hat dazu beigetragen, das Gebiet Cota 905 neu zu definieren. Künstler:innen und Musiker:innen kommen mittlerweile hierher, um Musikvideos zu drehen, und nutzen dabei die unglaubliche Aussicht. Die atemberaubendsten Fotos entstehen vom sogenannten "Auge Gottes" aus, einem Ort, der seinem Namen alle Ehre macht und eine Höhe von 1.200 Metern erreicht. Einst nutzten Kriminelle diesen Ort, um die Kontrolle über die Stadt zu behalten, heute ist er eine lokale Sehenswürdigkeit.

Denjenigen, die zögern, Cota 905 zu besuchen, sagt Jefferson ganz klar: "Ich war mit den Polizeieinsätzen nicht einverstanden – es gab zu viele Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften und den Banden. Es war ein Krieg, aber letztendlich musste der Staat etwas unternehmen. Dieses Viertel war ein Problem für ganz Venezuela, aber heute wollen wir Teil der Lösung sein. Wir brauchen, dass diese Initiativen funktionieren, denn es gibt immer noch viele Kinder, die auf eine Chance warten: Früher bekamen sie Funkgeräte, Drogen und Waffen; heute wollen wir ihnen Farbe, Sportbälle und Mikrofone geben. Auf diese Weise werden sie in den Medien als Vorbild und nicht als Tragödie gesehen."

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Die Sanierung eines Basketballplatzes hat den lokalen Sport gefördert
Die Sanierung eines Basketballplatzes hat den lokalen Sport gefördert

Die Gruppe, die bewusst keine ausgeprägten politischen oder religiösen Positionen vertritt, möchte Lebensmittel anbauen, Ausritte anbieten und vieles mehr. "Dieser Berg war verwundet", fährt Jefferson fort. "Mein Bruder wurde hier getötet, aber mein Sohn wurde hier geboren. Wir haben viele Gründe, uns für dieses Viertel einzusetzen. Hoffentlich ermöglichen uns die Behörden einen Hubschrauberflug, damit wir von oben auf alles hinweisen können, was repariert werden muss. Aber bis dahin machen wir mit unserer Arbeit weiter."

Die Geschichte von Cota 905 ist weder einzigartig noch neu. Die Barrios in den großen venezolanischen Städten, allen voran Caracas, mussten schon immer gegen ihre Marginalisierung ankämpfen. Als Chávez an die Macht kam, blieben viele von ihnen auf den lokalen Karten als "Grünflächen" verzeichnet, obwohl dort Hunderttausende Familien in dicht gedrängten Häusern an den Hängen lebten. Und wenn sie als Grünflächen klassifiziert waren, bedeutete das, dass sie weder über öffentliche Dienstleistungen verfügten noch in staatliche Maßnahmen einbezogen waren.

Doch das hat die Menschen nie davon abgehalten, sich zu organisieren, um ihre Rechte zu verteidigen, sich gegen staatliche Gewalt zu wehren und gemeinsam eine Zukunft aufzubauen. Venezolanische Viertel können prekär, feindselig und gewalttätig sein. Doch wenn wir bereit sind, durch sie zu gehen und ihnen zuzuhören, erkennen wir, dass sie auch Orte von tiefer Schönheit und Solidarität sind. Der Kampf geht weiter.

Jessica Dos Santos ist eine venezolanische Chronistin, Journalistin und Hochschuldozentin. Sie hat unter anderem für RT en Español, Radio del Sur, Épale CCS, Venezuelanalysis und Investig'Action gearbeitet.