Guatemala-Stadt/Totonicapán/Sololá. Die dritte Strafkammer in Guatemala hat am Freitag den international stark beachteten Fall gegen vier indigene Autoritäten eingestellt. Luis Pacheco, Héctor Chaclán, Basilio Puac und Esteban Toc waren wegen "Terrorismus" und Mitgliedschaft in einer "kriminellen Vereinigung" angeklagt. Hintergrund waren die Massenproteste 2023, mit denen der Amtsantritt des sozialdemokratischen Präsidenten Bernardo Arévalo durchgesetzt wurde. Pacheco und Chaclán waren im April 2025 verhaftet worden und hatten bis zu ihrer Entlassung in den Hausarrest Anfang August in Untersuchungshaft gesessen (amerika21 berichtete). Toc war im August 2025 (amerika21 berichtete) und Puac im Januar 2026 verhaftet worden (amerika21 berichtete). Beide wurden aber jeweils nach einer ersten Anhörung gegen Kaution in den Hausarrest überstellt.
Pacheco, Chaclán und Puac hatten 2023 dem Vorstand der 48 Kantone angehört, Toc war indigener Bürgermeister in Sololá gewesen. Die indigenen Autoritäten beider Departamentos hatten eine zentrale Rolle in den Protesten und Straßenblockaden gespielt. Zum Zeitpunkt der Festnahmen war Consuelo María Porras noch Generalstaatsanwältin, sie gilt als Gegnerin von Arévalo und Vertraute des sogenannten Paktes der Korrupten. In ihrer Amtszeit gab es zahlreiche Verfahren gegen unabhängige Juristen und Journalisten, die allesamt als konstruiert und fern von Rechtsstaatlichkeit eingeschätzt wurden.
Im April dieses Jahres endete die Amtszeit von Porras, was in Guatemala auf den Straßen gefeiert wurde (amerika21 berichtete). Die Einstellung des Verfahrens auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft wird von den Medien in diesem Zusammenhang eingeordnet, was auch die These bestärkt, dass es sich bei der Kriminalisierung um einen "Racheakt" korrupter Juristen um Porras und den ehemaligen Leiter der Sonderstaatsanwaltschaft gegen Straffreiheit, Rafael Curruchiche, gehandelt hatte. Auch Pacheco erklärte auf Nachfrage von amerika21: "Natürlich hat die Einstellung des Verfahrens mit der Neubesetzung der Generalstaatsanwaltschaft zu tun".
Mit dem Verfahren endet auch ein Präzedenzfall, der die indigenen Autoritäten kriminalisiert und als "Terroristen" diffamiert hatte. So schrieb Plaza Publica in einem Artikel, der Gerichtsentscheid zeige auch, dass die "48 Kantone keine Terroristen sind".
Richter Moto ordnete weiter an, dass sich der Staat innerhalb von 20 Tagen "privat oder öffentlich bei der Junta Directiva der 48 Kantone und bei der Alcaldía Indígena de Sololá entschuldigen müsse". Der Richter sei zu der Auffassung gelangt, "dass beide Organisationen im Zuge der Ermittlungen zu den Protesten des Jahres 2023 als 'kriminelle Vereinigung' bezeichnet und behandelt worden waren", hieß es in einem Artikel von Prensa Comunitaria.
Pacheco war zum Zeitpunkt der Festnahme Vizeminister für nachhaltige Entwicklung innerhalb des Ministeriums für Energie und Bergbau in der Regierung Arévalo. Zurzeit werde geklärt, ob er diesen Posten wieder aufnehme, erklärte Pacheco gegenüber amerika21. Auch Medien hatten schon berichtet, das Ministerium erwarte eine schnelle Rückkehr von Pacheco als Vizeminister. Nach der Festnahme war die Stellung nicht neu besetzt worden.
Das Verhältnis zur sozialdemokratischen Regierung verlief allerdings auch nicht konfliktfrei. Zwar hatte Arévalo wiederholt die Freilassung von Pacheco und Chaclán gefordert, es gab aber auch Kritik, dass es wenig materielle Unterstützung gegegen habe. Pachecos Ehefrau Lidia Tzunum hatte in einem Interview im April, ein Jahr nach der Festnahme allerdings erklärt, kaum Unterstützung und keine "finanziellen Zuwendung" von der Regierung erhalten zu haben. Die Unterstützung mit Lebensmittel und Kleidung sei ausschließlich aus "dem Landkreis organisiert" worden.


