"Kinder von Subversiven"

Rosa Roisinblit, die Vize-Präsidentin der Großmütter der Plaza de Mayo, war zu Besuch in Berlin und berichtet von der Methode des Verschwindenlassens

In Argentinien kennt sie jeder, die "Abuelas de Plaza de Mayo". Seit 34 Jahren kämpfen die mutigen Großmütter, deren Angehörige von den Putschisten des Staatsstreichs 1976 entführt wurden, um ihre verschwundenen Kinder und Enkel. Die Vize-Präsidentin der Vereinigung, Rosa Roisinblit, weilt derzeit in Berlin und berichtete amerika21.de von der Methode des Verschwindenlassens, dem "systematischen Plan des Kinderraubes" und dem "Noble-Fall".

Die heute 92-jährige erinnert sich an die politisch unruhigen Zeiten in Argentinien. In ihrer Schulzeit in den 1930iger Jahren war es Alltag, dass die Lehrer die Schüler mit der Begründung nach Hause schickten, "der Präsident ist heute Nacht gestürzt worden", der Unterricht falle aus. Beim Militärputsch von 1976 jedoch war alles anders. "Niemand hatte sich vorstellen können, dass dieser Staatstreich vom 24. März 1976 sich in einen Staatsterrorismus verwandeln würde", so die gelernte Geburtshelferin. "Jeder der mit der Diktatur nicht einverstanden oder gegen sie war konnte verhaftet werden", blickt Roisinblit zurück.

Der Begriff "Verschwunden" hatte damals längst nicht die Bedeutung von heute. Jedermann ging davon aus, dass "seine geliebten Familienmitglieder nur festgenommen waren, im Gefängnis". Folter gegen Andersdenkende, diese Schreckens-Information ließen die Militärs absichtlich "durchsickern", um im ganzen Land Angst und Terror zu sähen, weiß die energetische Dame, die ihr verschwundenes Enkelkind nach einem anonymen Telefonanruf wiederfand.

Im Ausland spielte die Diktatur den Saubermann. Das Motto lautete "Wir Argentinier sind rechts und menschlich". Erst Aktivitäten von Menschenrechtsorganisationen unter der Führung der Frauen machten auf die Grausamkeiten der Regierung aufmerksam.  "Arbeiter, Gewerkschafter, Studenten, Angestellte, Männer, Frauen und Kinder wurden entführt", berichtet Roisinblit gegenüber amerika21.de. 30.000 Regime-Kritiker tauchten nicht mehr auf, wodurch der Begriff vom "Verschwunden" einen gänzlich neuen, traurigen Sinn erfuhr.

Gelernt habe das Regime von den Deutschen. Die Nazis hatten die perfide Methode des Verschwindenlassens im besetzen Frankreich des Zweiten Weltkrieges erprobt und später exportiert. Auf der berüchtigten Militärschule "American School of the Americas" brachten die US-Amerikaner Generationen von südamerikanischen Putschisten und Polizeichefs die bewährte Terror-Praxis bei.

Aber der Widerstand trug Früchte. "Alle demokratischen Regierungen haben ihren kleinen Teil beigetragen", befindet Roisinblit. Dank der Einrichtung einer zentralen Gen-Datenbank der "Verschwundenen" und einer staatlichen "Kommission für das Recht auf Identität" (CONADI) für die Feststellung von Verwandtschaftsbeziehungen, engagierter Richter, anonymer Hinweise und internationaler Unterstützung wurden mehr als 100 Enkelkinder, die in Gefangenschaft ihrer entführten, oft ermordeten Müttern das Licht der Welt erblickten, wiedergefunden. Auch heute noch sei die Identität und der Aufenthaltsort von geschätzten 400 Opfern vom "systematischen Plan des Kinderraubes" unbekannt. Die unermüdliche Roisinblit sieht "viel Arbeit für die Zukunft".

Was an dieser Einschätzung dran ist zeigt der aktuelle "Noble-Fall". Ganz Argentinien rätselt über die angeblich adoptierten Kinder von Ernestina Herrera de Noble, Inhaberin der mächtigsten argentinischen Mediengruppe "Clarín". Mit juristischen Tricks und viel Medienmacht wehrte sich die Sympathisantin der Putschisten bis zuletzt gegen die richterliche Anordnung einer Blutprobe ihrer Kinder, die heute beide Mitte dreißig sind. Noch sind die Ergebnisse des Tests und der Abgleich mit der Gen-Datenbank nicht bekannt. Für de Noble aber steht schon jetzt fest, warum ihre Kinder keine Beute des Babyraubes sind. In einem persönlichen Gespräch sagte sie der "Abuela de Plaza de Mayo" ganz offen: "Ich adoptiere doch keine Kinder von Subersiven".

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