Chávez ohne Gegenkandidat?

Ein FTD-Autor unterstellt Venezuelas Präsident Hugo Chávez, er wolle bei der kommenden Präsidentschaftswahl keinen Gegenkandidaten akzeptieren

Aber schön der Reihe nach: eigentlich schreibt FTD-Autor Christian Kirchner in seinem Beitrag "Makabrer Börsenboom in Caracas" über den Kursanstieg in Venezuelas Hauptstadt angesichts der Krebserkrankung von Präsident Hugo Chávez. Im ersten Absatz betont Kirchner zuvorderst, dass die Börse in Caracas ihn "mehr an ein Brettspiel" als an gewohnten Parketthandel erinnere. Nungut, erstmal nichts Ungewöhnliches - die meisten vernünftigen Menschen werden wohl modernen Wertpapierhandel eher als todernste Spielerei statt als sinnvolles Wirtschaften bezeichnen.

Doch warum soll ausgerechnet die Börse im Ölstaat Venezuela mehr Spiel als Handel sein? Der FTD-Wirtschaftsjournalist ist offenbar irritiert, dass dort nicht die Banker mit den größten Geldbündeln die Spielregeln der Zockerei diktieren, sondern der demokratisch gewählte Präsident Hugo Chávez die Regeln bestimmt.

So wird bei Kirchner der Präsident zum "Spielleiter" und er suggeriert, dass Chávez die Aktionäre unfair hintergehe ("der Spielleiter 50-mal würfeln darf") oder sie mit anderen miesen Spielregeln außer Gefecht setze ("hinausgeworfen werden wie eine Plastikfigur in 'Mensch ärgere dich nicht'"). Schließlich endet der Artikel mit dem Vorwurf, dies habe Chávez auch mit politischen Gegenspielern getan:

In Venezuela wurde indes am Wochenende wieder eine Figur herausgeworfen. Ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte, dem zufolge Chávez bei der Wahl im kommenden Jahr einen Gegenkandidaten akzeptieren muss, verwarf der Spielleiter als "wertlos" und "lachhaft".

Doch seit wann akzeptiert Chávez, der hier offenbar mal wieder als scheingewählter Diktator abgestempelt werden soll, keine Gegenkandidaten? Im demokratischen Staat Venezuela gibt es freie Wahlen und damit natürlich auch Gegenkandidaten, selbstverständlich auch bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Somit kann kein Gericht geurteilt haben, dass Chávez einen "Gegenkandidaten akzeptieren muss". Offenbar spielt der FTD-Autor darauf an, dass sich der von den USA dominierte Menschenrechtsgerichtshof auf die Seite des Ex-Bürgermeisters Leopoldo López schlug (amerika21.de berichtete). Dem Oppositionspolitiker war in Venezuela wegen Korruption das Recht der Kandidatur auf öffentliche Ämter entzogen worden. Dies wies der CIDH aktuell zurück. Der Oberste Gerichtshof in Venezuela wird sich nun dem Fall erneut widmen - unabhängig von "Spielleiter" Chávez. Abgesehen davon: mit López wurden im Jahr 2008 über 200 weitere Politiker von Kandidaturen ausgeschlossen - sowohl Oppositionelle wie Funktionäre aus dem Regierungslager.

Unterdessen bereitet sich die vereinte Opposition gegen Chávez auf die Vorwahlen zur Bestimmung eines Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahlen vor. Diese Tatsache will der Autor wohl nicht wahrhaben und offenbart zugleich seine Unwissenheit: denn dem eigenbrötlerischen Rechtsaußen López werden kaum Chancen nachgesagt, diese Vorwahl zu gewinnen. So wird wohl auch ohne den Kandidaten López und trotz dem Gerede von FTD-Autor Kirchner mindestens ein Oppositionsvertreter bei den freien Wahlen im kommenden Jahr gegen Chávez antreten.

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