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05.01.2017 Ecuador / Politik

Emir Sader: Intellektuelle in Lateinamerika müssen politische Verantwortung übernehmen

Die zentrale Konfrontation in der Region läuft zwischen den progressiven und den konservativen, neoliberalen Kräften
Bei der Präsidentschaftswahl im Februar 2017 entscheidet sich, ob Ecuador seinen progressiven Weg fortsetzt

Bei der Präsidentschaftswahl im Februar 2017 entscheidet sich, ob Ecuador seinen progressiven Weg fortsetzt

Appell an die lateinamerikanischen Intellektuellen zur politischen Verantwortung

In der Schlussphase der Kampagne für die Präsidentschaftswahl in Ecuador – eine Wahl, bei der sich entscheidet, ob das Land seinen progressiven Weg fortsetzt oder ob es sich den Regierungen der neoliberalen Restauration anschließt – hat eine Gruppe von Intellektuellen aus Lateinamerika und anderen Kontinenten ein Manifest mit einer Kritik an der Regierung Rafael Correas hinsichtlich der Umweltpolitik im Amazonasgebiet lanciert1.

Jenseits der Berechtigung ‒ oder nicht ‒ der Kritik, jenseits der ‒ geringeren  oder größeren ‒ Bedeutung des Themas geht es um die Zukunft des Landes. Auf der einen Seite steht die Kandidatur von Lenin Moreno, unterstützt von Alianza País und Rafael Correa. Auf der anderen Seite der reichste Banker des Landes, Guillermo Lasso.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, was die jeweiligen Kandidaturen bedeuten. Es kann keinen Zweifel daran geben, außer mit einem hohen Maß an Unredlichkeit, dass der eventuelle Sieg des Oppositionskandidaten die Zerstörung der großen Fortschritte bedeuten würde, die Ecuador in diesem Jahrhundert erreicht hat und darüber hinaus auch die Zerstörung des Amazonas und der Völker die dort leben.

Es kann keinen Zweifel daran geben, außer mit offener Heuchelei, dass jede Aktion, die die Regierung von Präsident Correa schwächt, Stimmen für die rechte Opposition bringt – der einzigen Opposition, die in Ecuador und den anderen Ländern Lateinamerikas mit progressiven Regierungen Kraft hat; jede derartige Aktion trägt zur Zerstörung all des Erreichten bei und spielt eindeutig der ecuadorianischen Rechten in die Hände.

Sie kann nur das Produkt einer irrigen Konzeption der Ultra-Linken sein, laut der die progressiven Regierungen gestürzt werden müssen, indem man sich mit wem auch immer zusammenschließt, damit diese Kräfte irgendeine Möglichkeit haben, irgendeinen politischen Raum zu besetzen. Eine abenteuerliche Position. Es genügt, nach Argentinien und Brasilien zu schauen, um festzustellen wie die Niederlage der progressiven Regierungen den Raum für die schlimmsten Rückschritte in der jüngsten Geschichte dieser Länder geöffnet haben, einschließlich beim ökologischen Thema, das diese Intellektuellen vorgeblich verteidigen.

Es ist an der Zeit, dass die Intellektuellen, die öffentlichen Einfluss haben, politische Verantwortung übernehmen, wenn sie sich nicht endgültig der Rechten angleichen und auftreten wollen, als spielten sie das Spiel der konservativen Restauration in Lateinamerika. Dafür werden sie öffentlich als Mitverantwortliche für diese Rückschritte verurteilt werden.

Das ökologische Thema von der hauptsächlichen Auseinandersetzung zwischen progressiven und konservativen, neoliberalen Kräften in Lateinamerika zu trennen, bedeutet, auch gegen die eigene These zu handeln, die sie angeblich verfechten. Von dieser großen Konfrontation hängt die Zukunft unserer Länder und des Kontinents selbst ab. Von ihr hängen die sozialen Rechte des Volkes, die Rechte auf Arbeit und Lohn, der Schutz der Umwelt, die Souveränität oder Unterwerfung unserer Länder ab.

Wenn sie nicht als jene erscheinen wollen, die die Rechten stärken, welche auf Rache gegen die erkämpften Rechte durch das Volk in diesem Jahrhundert aus sind, sollten sie keine sektoralen Forderungen vorbringen, sie müssen diese Themen der Hauptkonfrontation unterzuordnen wissen, die die Zukunft unserer Länder bestimmt; nur so können sie weiterhin als progressive Intellektuelle gelten und nicht als freie Schützen, die gegen jene Kräfte schießen, die der Schutzwall gegen die grausame konservative Gegenoffensive sind, die die Rechte heute in den Ländern entfaltet, die den Mut hatten, den Interessen und Kräften der lateinamerikanischen Rechten die Stirn zu bieten.

An die Unterzeichner des Manifestes aus anderen Regionen der Welt richte ich diesen Appell gar nicht, weil sie sicherlich unsere konkrete Situation nicht kennen und sich der Konsequenzen nicht bewusst sind. Aber zumindest bitte ich sie, sich diesen Aufrufen nicht anzuschließen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie sich dieses Verhalten auf die zentralen politischen Auseinandersetzungen in unseren Ländern auswirkt.

Links sein heißt heute, sich denjenigen Kräften anzuschließen, die den Versuchen der konservativen Restauration Widerstand entgegensetzen, welche jetzt schon Argentinien und Brasilien verwüsten und auch Ecuador treffen könnten; es heißt, die Kandidatur Lenin Morenos zu unterstützen. Sich bewusst oder unbewusst an der Schwächung der Regierung Rafael Correas zu beteiligen, bedeutet, die drohende Rückkehr des Neoliberalismus zu dulden.

Emir Sader ist ein brasilianischer Soziologe libanesischer Herkunft. Er ist Professor für Soziologie an den Universitäten von São Paulo und Rio de Janeiro. Seit August 2006 ist Sader Exekutivsekretär des Consejo Latinoamericano de Ciencias Sociales (Clacso)

  • 1. Zahlreiche Intellektuelle aus Lateinamerika, Europa und den USA haben am 21. Dezember 2016 in einem offenen Brief an Präsident Correa gegen den "Mega-Bergbau" im Amazonasgebiet protestiert, das von den indigenen Shuar bewohnt wird. Sie warfen der Regierung zudem eine "Hetzjagd" auf Indigene und Umweltschützer sowie "extraktivistische Gewalt" vor.

    Vorausgegangen war ein Angriff bewaffneter Mitglieder der Shuar-Gemeinschaft in der Amazonas-Region Morona Santiago auf das Lager von Minenarbeitern der chinesischen Firma Explor Cobres. Dabei starb ein Polizist, sieben weitere Angehörige der Sicherheitskräfte wurden verletzt. Die Regierung Correa hatte daraufhin einen 30-tägigen Ausnahmezustand in dem Gebiet ausgerufen. Wenige Tage später entführten Mitglieder der Shuar-Gemeinde Sarayaku elf Soldaten der ecuadorianischen Streitkräfte und hielten sie zwei Tage fest. Die Shuar verteidigen nach eigenen Angaben das Land ihrer Ahnen und wehren sich vehement gegen Bergbauprojekte auf ihrem Territorium. Die Umweltschutzorganisation Acción Ecológica hatte sich mit den Aktivisten solidarisiert und sie unterstützt. Daraufhin leitete das Umweltministerium eine Untersuchung ein, um zu überprüfen, ob die Organisation wegen Anstiftung zur Gewalt aufgelöst wird

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