Krieg gegen Aktivistinnen und Aktivisten in Kolumbien

Die Regionen Bajo Cauca und Cesar sind zwei Beispiele die zeigen, wie weit entfernt Kolumbien vom Frieden ist

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Olga, eine von vielen bedrohten Aktivistinnen in Kolumbien
Olga, eine von vielen bedrohten Aktivistinnen in Kolumbien

Bajo Cauca: Ein Krieg, über den niemand spricht

Editora Antioquia

Zurzeit findet im Gebiet des Bajo Cauca1 ein Krieg statt. Zwei paramilitärische Gruppierungen streiten sich um ein Territorium, in dem bis vor Kurzem Ruhe zu herrschen schien. Mehrere Blöcke der Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) – auch Clan de Golfo genannt – kämpfen um ein Gebiet, das sie sich jahrzehntelang mit den Los Caparrapos, einer anderen paramilitärischen Gruppe, teilten.

Bis zum vergangenen Jahr waren diese beiden Gruppen Partner. Sie führten ihre Aktionen so durch, dass die Grenzen der jeweils andern Gruppe respektiert wurden. Doch verkaufte Los Caparrapos ihre Zone an La Oficina de Envigado2, ein Geschäft, welches dem Clan de Golfo nicht gefiel.

Leidermann Ortíz, ein Journalist aus der Region, der sich mit besagten bewaffneten Gruppen, ihren Verbindungen zu den staatlichen Institutionen und ihren Konflikten auskennt, versichert, dass der oben erwähnte Verkauf der Auslöser für die kriegerischen Auseinandersetzungen war, unter denen die Region jetzt leidet.

In dem umkämpften Gebiet gibt es Gold, Koka wird angebaut und es gibt Laboratorien um lezteres zu verarbeiten. Gleichzeitig ist es ein Korridor, welcher das Valle de Aburrá 3 mit der Küste verbindet und sich zum Transport von Drogen eignet.

Die Auseinandersetzung um dieses Gebiet hat Geschichte: Hier waren Aufständische, wie die bis vor kurzem bestehenden Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), die Nationale Befreiungsarmee (ELN) und paramilitärische Gruppen, wie die Vereinten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC), präsent. Als Letztere sich in den Jahren 2003 bis 2006 offiziell demobilisierten, formierten sich neue Gruppen, die sich dort heute mit Gewalt zu etablieren versuchen.

Aufgrund dieses Krieges steigt die Anzahl der Opfer konstant. Am 15. April dieses Jahres meldete die 7. Division der Streitkräfte in Taraza acht Tote, die durch Gefechte ums Leben gekommen sind. Wenige Stunden danach wurde der Tod zweier Frauen und eines Mannes gemeldet. Die Kämpfe haben noch kein Ende gefunden, unter Umständen auch das Morden nicht.

Zwischen dem 1. Januar und dem 10. April wurden in Antioquía 662 Morde gemeldet, davon 111 im Gebiet des Bajo Cauca. Und obwohl die Kämpfe weitergehen und die Zahl der Toten steigt, werden viele der Toten weder erfasst noch in den Medien erwähnt. Einwohner der Zone versichern, dass in den letzten Monaten verschiedene ermordete Personen einfach verschwunden seien.

Unter den getöteten Personen sind speziell die sieben sozialen Aktivisten zu erwähnen, welche in diesem Jahr in Antioquía ermordet wurden.

Der Krieg zwischen den Gruppen hat diejenigen ausgelöscht, die in ihren Territorien Widerstand leisteten, und diejenigen vertrieben, die sie bewohnten. Mehr als 2.000 Personen sind in Anbetracht der Gewalt in die Zentren ihrer Gemeinden oder nach Medellín geflohen.

Olga4 ist eine von ihnen. Wie viele andere floh sie vor dem Tod, der sie erwartet hätte, wenn sie in ihrer Wohnung geblieben wäre, sagt sie. Olga war eine soziale Aktivistin in ihrer Gemeinschaft: Seit 2008 war sie Vorsitzende des lokalen Aktionsrats (Junta de Acción Comunal) ihrer Nachbarschaft in der Gemeinde Valdivia – bis zu dem Zeitpunkt, als sie gehen musste.

Olga, eine vertriebene Aktivistin

Alles begann eines Samstags nachts, als Olga in ihrem Bett schlief. Als sie Schüsse auf ein Haus, zwei Häuser neben dem ihren hörte, warf sie sich zu Boden. Sie hatten einen Jugendlichen getötet und Olga wurde – in ihrer Eigenschaft als Präsidentin des lokalen Aktionsrats – gefragt, ob sie die Leichenbescheinigung ausstellen könne.

Als sie bei der Polizei vorsprach, wurde sie gefragt, ob sie wisse, wer den Jugendlichen ermordet habe – sie sagte Nein. Die Version, welche zu den AGC gelangte, war eine andere: Sie habe ausgesagt, dass "die Polizei wisse, wer in dieser Zone das Sagen hat und dass diese Personen für den Mord verantwortlich seien".

Der selbe Polizeikommandant bestätigte, dass er gehört habe, dass sie – als Präsidentin des lokalen Aktionsrats – versuchen würde, in ihrer Nachbarschaft Strategien für die Sensibilisierung der Jugendlichen bezüglich des Konsums von Drogen einzuführen. Auch diese Information gelangte denjenigen zu Ohren, welche den Drogenhandel in der Region kontrollieren, und sie gefiel ihnen nicht.

Acht Tage später kamen einige Mitglieder der bewaffneten Gruppe in einen Laden, in welchem sich Olga gerade aufhielt und fragten nach einem Jugendlichen, dem Sohn der Besitzerin. Sie sagte, dass sie nicht wisse wo er sei. Als der Junge zurückkam, erzählte sie ihm, dass er gesucht werde. Er antwortete, dass auch sie gesucht werden, um ein Attentat auf sie zu verüben. Olga sagte dazu nichts, es war nicht ihr Problem.

Als die AGC erfuhren, dass Olga vom einem geplanten Attentat wusste, verhörten sie sie, weil sie sie nicht gewarnt hatte. "Ich arbeite nicht für euch, ich bin eine Community-Aktivistin, ich arbeite mit der Gemeinschaft und für keine Gruppe", antwortete sie.

Im Bajo Cauca haben Aktivisten zwei Optionen: Mit den Gruppen zusammenarbeiten oder Widerstand leisten und die Konsequenzen tragen. Einige Tage später suchte sie ihr Bruder auf, um ihr etwas Wichtiges mitzuteilen: "Du hast ein Problem, sie werden dich töten, du musst gehen".

Olga lief es kalt den Rücken hinunter, die Hände erstarrten, sie fühlte nichts. Sie ging nach Hause und schloss sich mit ihren drei Kindern für drei Tage ein. Ohne Hunger und ohne Schlaf lag sie drei Tage wach im Bett. Ihr Bruder kochte an ihrer Stelle für die Kinder, alles hinter zugezogenen Vorhängen. Sie sprachen nur leise, damit niemand wusste, dass sie hier waren.

Durch eine Unachtsamkeit der Männer, welche ihr Haus überwachten, konnte Olga mit einem Auto entkommen. Das Auto wurde von einer Organisation – deren Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann – zur Verfügung gestellt. Olga und ihre Kinder konnten so aus ihrem Haus entkommen, jedoch ohne Aussicht darauf zurückzukehren. Sie mussten fast alle ihre Habseligkeiten sowie ihre Vergangenheit zurücklassen.

Das Übel der Vertreibung

Der sicherste Ort für viele dieser Vertriebenen ist Medellín. Allein in diesem Jahr sind 3.258 vertriebene Personen aus dem ganzen Departement in der Hauptstadt Antioquías angekommen. 53 Prozent dieser Menschen kommen aus dem Bajo Cauca. Olga, ihre Familie und mehr als 1.830 Personen sind aus dieser Region dorthin geflüchtet.

Die Vertreibung war ein großes Übel für Olga. Bei der Opfervereinigung des kolumbianischen Staates (Unidad para las Víctimas) sagte man ihr, es gebe keine Information und kein Geld und man könne nichts für sie tun. In dem Viertel, in dem sie sich niederließ, wurde ihr 21-jähriger Sohn von der Polizei schikaniert, nur weil er Vertriebener ist. Sie sagten ihm, dass er nur deshalb vertrieben worden sei, weil er ein "Para" sei und dass man die Paramilitärs verschwinden lassen müssen.

Ihr 14-jähriger Sohn verlernte das Lesen und Schreiben, eine posttraumatische Reaktion auf die Vertreibung. Er musste die Schule von neuem beginnen.

Niemand wollte ihr ein Zimmer vermieten, weil sie "Vertriebene" ist und weil bekannt ist, dass die Entschädigungsleistungen, von denen sie die Miete zahlen wird, nicht pünktlich eintreffen. Tatsächlich kommt dieses Geld niemals pünktlich an.

Gemäß dem Gesetz 1448 von 2011 (Opfergesetz) haben Vertriebene alle drei Monate Anspruch auf eine Entschädigungszahlung. Zuletzt hat Olga im November Geld erhalten, danach kam bis zum heutigen Tag (im Monat Mai) nichts mehr.

Sie würde arbeiten, wenn sie könnte, aber sie hat eine 16-jährige Tochter mit Down-Syndrom, die Hilfe beim Essen braucht, beim Toilettengang, beim Waschen und bei fast allen anderen Tätigkeiten. Von Zeit zu Zeit putzt Olga Wohnungen, jedoch nur dort, wo sie ihre Tochter mitnehmen kann. Ohne regelmäßiges Einkommen kann sie keine Miete bezahlen.

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Lebt seit 20 Jahren unter ständigen Bedrohungen durch paramilitärische Gruppen: Guillermo Pérez aus Cesar, Kolumbien
Lebt seit 20 Jahren unter ständigen Bedrohungen durch paramilitärische Gruppen: Guillermo Pérez aus Cesar, Kolumbien

In Medellín fühlt sie sich sicher. Es ist eine große und teure Stadt. Es ist schwer sie dort zu finden, aber es ist auch schwer dort ohne ein Einkommen zu überleben. Weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte musste sie vor drei Monaten in das Haus einer Nichte ziehen, welche für einige Monate im Ausland lebt. Noch bleiben ihr drei Monate, danach muss sie sich eine neue Bleibe suchen.

Soziale Aktivisten: störend für die Mächtigen

Für sie ist es undenkbar nach Valdivia zurückzukehren. Sicher würde sie umgebracht. Ihre Arbeit im lokalen Aktionsrat, im Komitee der Kokabauern, als zivilgesellschaftliche Beobachterin in der Veeduría Ciudadana und als Aktivistin für die Vernichtung von illegalen Pflanzungen, steht im Widerspruch zu den Interessen der AGC und der lokalen Institutionen.

Im Jahr 2008 begann Olga an der Vernichtung von illegalen Pflanzungen in ihrer Nachbarschaft zu arbeiten. Sie selbst zerstörte drei Hektar Koka, welche zuvor den Lebensunterhalt ihrer Familie sicherten. Sie tat dies im Vertrauen in das Nationale Programm zur Substitution illegaler Pflanzungen. Dieses vergibt Zuschüsse, die den Familien helfen sollen, ihren Unterhalt bis zur ersten Ernte nach der Ausrottung der Pflanzen zu sichern. Die Unterstützung kam jedoch nie an, weil die mit der Ausführung des Programms beauftragte Nationale Föderation der Kakao-Bauern (Fedecacao) nur Samen und Werkzeuge zur Verfügung stellte: Das Geld für den Lebensunterhalt der Familien ging verloren.

Trotzdem beteiligten sich 17 Familien an dem Programm und begannen mit der Vernichtung der Koka-Pflanzen. Olga verwaltete die Liste der beteiligten Personen. Als sie noch in Validiva lebte, kamen deshalb Mitglieder der AGC zu ihrem Haus und verlangten die Herausgabe der Liste, was Olga ihnen verweigerte.

Das Komitee der Kokabauern organisierte für die Aktivisten jeder Nachbarschaft der Gemeinde Verhandlungstische, an denen das Sekretariat der Regierung Antioquías, ein Oberst der Polizei von Antioquía und ein Oberst des Militärs teilnahmen. Dieses Gremium traf sich wöchentlich und insgesamt sieben Mal, um mit den Bauern der ganzen Gemeinde die Bedingungen für die Vernichtung der Kokapflanzen zu vereinbaren.

Der Prozess [der Ersetzung der Koka-Pflanzen] verzeichnete gute Fortschritte, bis das Sekretariat der Regierung von Antioquía gegenüber den Medien sagte, dass man sich mit Anführern der Guerilla treffe, um den Prozess der Vernichtung der Koka-Pflanzen zu besprechen. Diese Verlautbarung gefiel der Gemeinschaft nicht: Die Kriminalisierung der Bauernschaft empörte sie und hatte schließlich den Abbruch aller laufenden Verhandlungen zur Folge.

Gleichzeitig hatten einige Familien bereits die Kokapflanzen von ihren Parzellen entfernt und begannen damit Kakao auf den Flächen zu säen, die die kolumbianische Regierung der Gemeinde für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hatte.

Doch ihr Glück währte nicht lange: Der damalige Bürgermeister von Valdivia, Mauricio Gómez, belehnte das Terrain mit einer Hypothek von 80 Millionen Pesos5 und es ist bis heute unbekannt, was mit diesem Geld geschah. Zwar wurden Anzeigen erstattet, welche aber nicht weiter verfolgt wurden. Verlierer waren die Bauern, welche nun auf einem Grundstück Landwirtschaft betrieben, dessen Besitzverhältnisse ungeklärt sind.

Auch ohne die notwendigen Bedingungen und Garantien für die Substitution ihrer Pflanzungen, unterstützte und begleitete Olga diesen Prozess bis sie vertrieben wurde. Dass sie ihre Gemeinschaft dabei anführte und sich für die Ausrottung der Koka-Pflanzungen einsetzte, kostete sie ihr Leben, wie sie es kannte.

Ähnlich wie viele andere Vertriebene aus der Region, sieht sich Olga mit einer unsicheren Zukunft konfrontiert; auf eine vierteljährige Entschädigung wartend, die nicht eintrifft, und mit der Angst, dass diejenigen, die sie töten wollen, sie finden. "Manchmal denke ich, dass ich gerne an einen Ort ginge, an dem niemand mich kennt und wo ich die Tage, welche ich noch vor mir habe, in Frieden leben könnte", sagt sie.

Eckige Klammern: Anmerkung des Übersetzers

Der Beitrag erschien am 6. Mai bei Colombia Informa

Übersetzung: Hans-Peter Schmutz


Departament Cesar: Bedrohung als Dauerzustand

Sascha Jablonski

Seit nun 20 Jahren lebt Guillermo Pérez unter ständigen Bedrohungen durch paramilitärische Gruppen. Der heute 41-Jährige wurde zum ersten Mal 1997 bedroht, als er sich bei der Organisation einer Demonstration gegen das Goldabbauvorhaben eines transnationalen Unternehmens im Departament Cesar engagierte. Er selbst sagt von sich, "ich habe mich nie dazu entschieden ein politische Führungsfigur zu werden". Als Kleinbauer hätten ihn vielmehr die Lebensumstände dazu gebracht, sich sozial und politisch zu engagieren, sowie gemeinsam mit anderen Ideen und Projekte zu entwickeln, um für das Fortbestehen und Überleben in seiner Region zu kämpfen: "Ich stand damals vor der Wahl mich mit der Zerstörung der Umwelt und meiner Lebensgrundlage durch den Bergbau einfach abzufinden, oder etwas dafür zu tun, damit meine Familie eine Zukunft in der Region hat", sagt er heute. Damals entschied er sich dafür nicht einfach klein beizugeben, sondern für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Trotz aller Gefahr hält er bis heute daran fest und sagt, dass er bis an sein Lebensende den Kampf für Gerechtigkeit und ein besseres Leben fortsetzen wird.

Landraub und Paramilitarismus

Das Departament Cesar, in dem Pérez lebt, ist reich an Gold, Silber, Kupfer und vor allem Kohle. Transnationale Unternehmen wie Glencore, BHP-Billiton, Xtrata, Drummond oder Anglo-American betreiben hier Bergbau in großem Stil. Damit werden in Kolumbien Milliarden verdient, meistens mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung: Landvertreibungen, massive Umweltverschmutzungen, Zerstörungen der Sozialstruktur und der ökonomischen Lebensgrundlagen. Die niederländische Nichtregierungsorganisation PAX spricht davon, dass allein im Nordosten von Cesar zwischen 1996 und 2006 3.000 Personen ermordet und mehr als 55.000 gewalttätig enteignet und vertrieben wurden6. Andere Studien gehen von weit höheren Zahlen aus7. Firmen wie Drummond und Glencore haben nachweislich hunderttausende von US-Dollars an die verschiedenen paramilitärische Gruppen gezahlt8. Diese gehen gewaltsam gegen Kleinbauern, Indigene und schwarze Gemeinden vor, um sich das Land anzueignen und den Widerstand gegen ökonomische Großprojekte zu brechen. Zahlen des kolumbianischen Zentrums für Erinnerung (Centro Memoria) und der Nichtregierungsorganisation CODHES zeigen, dass paramilitärische Gruppen auch nach ihrer angeblichen Demobilisierung in den Jahren 2004 bis 2006 im großen Stil Landvertreibungen durchführen9.

Die Tageszeitung El Heraldo spricht in einem Artikel aus dem Vorjahr davon, dass allein im Cesar 315.000 Personen – also rund ein Drittel der Bevölkerung des Departaments – zu Opfern des bewaffneten Konfliktes gezählt werden. Obwohl diese ein Anrecht auf Reparationszahlungen und Wiedergutmachungen hätten wurden bis 2017 gerade einmal 800 Personen entschädigt10.

"Wegen meines Engagements werde ich ständig bedroht"

Seitdem sich Peréz seit den 1990er Jahren in der Kleinbauernbewegung engagiert, sind Drohungen gegen ihn zu einem fast alltäglichen Begleiter geworden. Nachdem paramilitärische Gruppen, toleriert vom kolumbianischen Militär, Anfang der 2000er Jahre massiv in die Departaments Cesar und Bolívar eingedrungen waren, verließ er 2005 zum ersten Mal das Land. Um sich selbst und seine Familie vor den heftigen und permanenten Morddrohungen durch die Paramilitärs des Bloque Norte der AUC11 zu schützen, ging er nach Venezuela ins Exil. Nur selten besuchte er in dieser Zeit seine Familie, die in Kolumbien geblieben war. Bei einem Familienbesuch im Jahr 2007 bestätigte sich auf furchtbarste Weise die anhaltende Lebensgefahr: Paramilitärs, die mitbekommen hatten, dass Peréz sich in der Gegend aufhielt, suchten in der Ortschaft Sudán nach ihm. Als sie ihn nicht auffinden konnten, gingen sie zu seinem Haus, mit der Absicht seinen dreijährigen Sohn zu entführen. Während seine Frau mit einem der Paramilitärs stritt, um dies zu verhindern, erschoss ein anderer das Kind. Niemals, sagt Peréz, werden seine Frau und er über diesen Mord hinwegkommen: "Dass war das schlimmste Ereignis in meinem Leben".

Trotz der Ermordung seines Sohnes entschloss sich Peréz im Jahr 2010, nach fünf Jahren Exil, zu seiner Familie zurückzukehren: "Die Liebe zu meiner Familie war größer als die Angst", erzählt er. "Meine jüngste Tochter kannte mich fast nur von Bildern". Er zog wieder zurück in die Provinzhauptstadt Valledupar, wo er sich in verschiedensten sozialpolitischen Initiativen engagierte. Beim Arbeitskreis der Opfer von Staatsverbrechen (Movice) setzt er sich seitdem für Wiedergutmachungen für die Opfer staatlicher Gewalt ein. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Rückgabe illegal angeeigneter Flächen an Vertriebene, weshalb er in der Bewegung der Arbeiter, Bauern und Gemeinschaften des Cesar (MTCC) aktiv ist. Doch das ist nicht ungefährlich: Forderungen nach Landrückgabe stoßen in Kolumbien - dem Land mit der weltweit größten Binnenlandvertreibung und der größten Landkonzentration auf dem amerikanischen Kontinent12 - auf massiven Widerstand der Eliten. Während Urteile zur Landrückgabe von staatlichen Behörden nicht umgesetzt werden, dh. die verurteilten Verbrecher oftmals weiterhin im Besitz der Flächen bleiben, werden die Landbesetzungen zur Rückaneignung mit schärfster Repression beantwortet, wie 2016 in der Nähe von Valledupar geschehen. Dort wurden die Aktivisten teils für Monate in Untersuchungshaft genommen, berichtet Peréz - und das obwohl sie Land besetzt hatten, dass die Behörden wegen illegaler Aneignung beschlagnahmt hatten.

Aufgrund der ständigen Konfrontation mit Gewalt, Bedrohungen und staatlicher Repression, hat Peréz darüber hinaus damit begonnen sich im Rahmen der Sozialen Runden Tische für den Frieden (Mesas sociales para la paz) für einen gerechten und dauerhaften Frieden einzusetzen. Seiner Meinung nach wird es jedoch ohne Reparationen, ohne die Einbeziehung der Bevölkerung und ohne grundlegende soziale Veränderungen keinen nachhaltigen Frieden geben. Anhand seiner eigenen Biografie wird sichtbar, wie weit Kolumbien noch heute vom Frieden entfernt ist. "Mehr als 300 ermordete Aktivisten seit Unterzeichnung des Friedensvertrag", sagt er, „zeigen dies überaus deutlich“.

Seit 2015 wird Peréz wieder massiv bedroht. Regelmäßig erhält er Kurznachrichten und E-Mails, in denen er aufgefordert wird die Region sofort wieder zu verlassen. Sollte er dem nicht nachkommen, so drohen die Paramilitärs damit seine Kinder und seine Frau zu ermorden: "Wir werden dich zuerst zum Weinen bringen. Dann werden wir kommen um dich zu töten". Mehrfach wurde Peréz in der jüngsten Zeit von bewaffneten und vermummten Männern auf Motorrädern bedroht, zuletzt geschehen im Dezember 2017. Anfang Januar 2018 verließ er deshalb erneut seine Familie, um sich für drei Monate in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá zu verstecken. Aufgrund mangelnder Unterstützung durch staatliche Stellen, fehlender finanzieller Mittel und Schutzzugeständnisse kehrte er im März wieder zurück.

Keine Veränderung in Sicht

Doch in Valledupar zu bleiben kommt für ihn nicht in Frage: "Mit jedem Tag, den ich hier bin riskiere ich umgebracht zu werden und bringe meine Familie in Gefahr", berichtet Peréz ernüchtert. Vom Staat erwartet er sich keinerlei Schutz, denn in den zuständigen Behörden seien sie weder Willens seine Sicherheit zu gewährleisten, noch gegen diejenigen vorzugehen, die für die Bedrohungen und Morde verantwortlich sind. Dies bestätigt auch die Ombudsstelle13.

Die staatlichen Behörden in Cesar lassen verlauten, dass es unmöglich sei die Autoren der Bedrohungen auszumachen, weshalb es von 2014 bis heute auch zu keinem einzigem Ermittlungsresultat kam. Die mangelnde Ermittlungsbereitschaft ist nicht verwunderlich. Wie die Stiftung Frieden und Versöhnung (Paz y Reconciliación) es ausdrückt, ist der Cesar eine "Hölle" von Kartellen und Paramilitärs. Familienklans wie die Gneccos14, die für Paramilitarismus und Korruption bekannt sind, dominieren seit fast drei Jahrzehnten die Politik im Cesar. Zwar verbüßen ehemalige Gouverneure und Senatoren des Klans Haftstrafen, indes werden ihre Nachfolger (Familienangehörige oder Zugehörige des Klans) jedoch erneut im zukünftigen Kongress als auch in der Landesregierung vertreten sein15. Hinzukommt, dass die Klans und Kartelle mit ihrer Macht enormen Einfluss auf Justiz, Polizei und Militär ausüben, und diese in das Geflecht der Para-Politik einbinden. Aufgrund diesen Umstandes, ist es sehr unwahrscheinlich das sich an der Menschenrechtssituation im Cesar sobald etwas ändern wird.

Peréz wird nicht aufhören sich für Frieden, Menschenrechte und soziale Reformen in Kolumbien einzusetzen. Aber er denkt, dass ihm zurzeit nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen einen Platz in einem der internationalen Schutzprogramm für bedrohte Aktivisten zu bekommen und das Land zu verlassen. Nur so könne er die Sicherheit für seine Familie und sich selbst garantieren. Sollte ihm das nicht gelingen, sagt er, dann "werden schreckliche Dinge passieren", da ist er sich ganz sicher.

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