Kolumbien / Politik

Die Freunde des Krieges in Kolumbien: Sektierertum und Fanatismus

In diesem für Kolumbien entscheidenden Moment fördern die Freunde des Krieges ein systematisches Wiederaufleben des Faschismus

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Neonazis der Gruppe Tercera Fuerza bei einer Demonstration in Bogotá, Kolumbien
Neonazis der Gruppe Tercera Fuerza bei einer Demonstration in Bogotá, Kolumbien

Auf einigen Wänden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá sind unlängst Botschaften aufgetaucht, die sich gegen den Friedensprozess richten, begleitet von faschistischen Parolen und Symbolen. Auf Mauern in Straßen, Alleen und Universitäten entfaltet sich eine Terrorkampagne gegen Bestrebungen derjenigen, die den Frieden unterstützen und darauf vertrauen, dass es möglich ist, ein anderes Land, das ihren großen Träumen entspricht, für ihre Kinder aufzubauen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die aktuellen Gegebenheiten des Landes Tendenzen für ein Pro und ein Kontra zum Friedensabkommen zeigen, das in Bogotá am 26. November 2016 im Teatro Cólon unterzeichnet wurde. Dieser Umstand ist nichts außergewöhnliches für einen sozialen Rechtsstaat wie dem unseren, wo Dissens und Konsens Platz finden. Außerdem stehen diese sui generis vor einen Prozess der Gerechtigkeit, Wahrheit und Aussöhnung als besondere Herausforderung aller Kolumbianer. Wenn wir die konkreten Tatsachen beachten, können wir jedoch diejenigen nicht ignorieren, die den politischen, sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, bewaffneten und territorialen Konflikt befeuern, der das Land schon jahrzehntelang geißelt ‒ und sich entschieden haben, sich radikal von der Diskussion und dem Dialog zu distanzieren, um sektiererisch den Krieg, die Verwirrung und Ausgrenzung zu unterstützen.

Wenn wir unseren Blick auf die historische Dynamik Kolumbiens richten, so sehen wir, dass diese faschistoiden und chauvinistischen Tendenzen nichts Neues sind; sie tauchen seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf, in einem Moment, in dem die Nation noch ihre Form annahm, nach fast einem Jahrhundert Bürgerkrieg, der die freiheitlichen Ideen fast vollständig zu Grunde richtete. In der Folge wurde als Staatspolitik eine intensive Kampagne der kulturellen Negation aufgebaut, welche die kolumbianischen Eliten mit französischen, britischen und spanischen Einflüssen "ansteckte". Sie lästerten über unser multiethnisches Erbe und gaben zu verstehen, dass die Kultur der Indigenen, Afros, Mestizen oder Mulatten eine unvermeidliche, unreine Plage im Dienste der Höhergestellten sei.

Zwischen den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fügte sich die rückständige kolumbianische Wirtschaft in den Welthandel ein, die sozialen Bewegungen wurden aufgrund der Unzufriedenheit und der wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Spannungen dieser Zeit stärker. Die Intellektuellen jener Epoche, die wenige waren, da der Analphabetismus in der Bevölkerung bei rund 60 Prozent lag, sammelten sich rund um Zeitungen und Szenarien politischer Übereinstimmung, um die antikommunistische Fahne hoch zu halten und den sozialen Unmut, der sich gegen sie richtete, zu verfolgen.

Auf der Basis der Arbeit von José Ángel Hernández können wir aufzeigen, dass sich in diesem Moment rechts von der Konservativen Partei Organisationen der extremen Rechten jeglicher Couleur vermehrten. In Boyacá konstituierte sich die Falange Nacionalista, in Sopó das Centro Derechista, die Legión de Extrema Derecha in Bucaramanga, der Haz de Juventudes Godas und Haz Mujeres Godas in Antioquia und die Acción Nacional Derechista, geführt von Silvio Villegas, Alzate Avendaño und Lodoño. Gleichermaßen entstanden vermehrt Wochenzeitungen, Zeitschriften und Veröffentlichungen mit rechtem Charakter. Als Beispiel: Patria Nueva aus Cartagena, Clarín aus Antioquia und Derechas, die jeden Donnerstag rauskam, herausgegeben von Guillermo Camacho Montoya. El Fascista, geleitet von Simón Pérez Soto, wo unter anderen Silvio Villegas sowie Abel Naranjo Villegas mitarbeiteten. Villegas gab noch eine weitere rechte Publikation heraus: La Tradición; Camisas Negras, das Organ der Legión de Extrema Derecha de Bucaramanga und andere1.

Eine der bekanntesten Gruppen dieser Epoche ist die Legión Organizada para la Restauración del Orden Social (Organisierte Legion für die Wiederherstellung der sozialen Ordnung), bekannter unter dem Akronym Leopardos. Mitglieder dieser Organisation waren einige der oben bereits genannten Personen. Man kann voraussetzen, dass die meisten als Teil der aufblühenden gehobenen Mittelschicht die Mittel für eine mediale Verbreitung besaßen, die entscheidend dazu beitrugen, Großgrundbesitzer, Unternehmer und Angehörige der Sicherheitesbehörden zu erreichen, die die Doktrin des inneren Feindes mit totaler Zustimmung begrüßen würden, die so etwas wie die Neuauflage der antikommunistischen Kampagne im Dienste der USA war.

Während der ersten Jahre der verhängnisvollen Periode, die als La Violencia (Die Gewalt) bekannt ist, wurde das Banner des Antikommunismus verstärkt hochgehalten, um den Kreuzzug gegen den armen und umstürzlerischen Dämon voranzutreiben. Mit dem Signum der "Unabhängigen Republiken" und dem Befehl des "Blut und Feuer" wurden interessante Alternativen der Organisation und Produktion ausgemerzt, was den Aufstand als bewaffnete Opposition zum Faschismus des Staates und der Großgrundbesitzer hervorbrachte. Die paramilitärischen Banden, bekannt als "Pájaros" (Vögel) waren die Antwort auf die Unfähigkeit der Politiker und des Militärs, die erschreckt vom Gespenst des Kommunismus jede populare Ausübung von Grundrechten und Erhebung von Forderungen als Risiko für ihre eigene Existenz ansahen. So wurden Gestalten wie León María Lozano, genannt El Cóndor oder auch Rey de los Pajaros, gedeckt, der für rund 4.000 Morde verantwortlich gemacht wird und ein guter Freund von Gustavo Rojas Pinilla war.

Betrachten wir die 80er Jahre im Rahmen des Friedensprozesses in La Uribe, Meta, kann man den hartnäckigen, faschistoiden Nationalismus sowie den radikalen Katholizismus im Auftreten einiger Gruppen nachverfolgen., wie z.B. die Kolumbianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Eigentum, die die Schaffung paramilitärischer Gruppen begleiteten und als Kuppler zwischen Politikern, Großgrundbesitzern, Mafiosi und Militärs bei ihren antikommunistischen Aktionen unter Beobachtung der USA dienten. Beispiel hierfür ist auch die Landwirtschaftliche Vereinigung der Viehzüchter und Landwirte vom Magdalena Medio (ACDEGAM), die um 1982 von Pablo Emilio Guarín Vera und seinem Berater Iván Roberto Duque gegründet wurde.

Duque wurde später unter dem Namen Ernesto Báez als Chef der Paramilitärs vom Magdalena Medio bekannt und gründete 1989 die Bewegung zum nationalen Wiederaufbau, eine kleine Partei, die ohne Schamgefühl ihren Hass auf soziale Organisationen und Gewerkschaften sowie ihre Verteidigung der "christlichen Werte" bekannt gab. Öffentlich gerühmt wurde die Bewegung durch Organisationen wie die Kolumbianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Eigentum. Diese veröffentlichte ein Buch mit dem Titel "Die legitime Verteidigung auf dem Land in Kolumbien", in dem eine Gruppe von Juristen die Rechte von paramilitärischen Gruppen verteidigt. Duque wurde zum Stadtrat von Puerto Boyacá gewählt und baute von dort aus deine antikommunistische Rednerbühne auf. Im selben Jahr entstand in Bogotá die Hard Core-Band Sin Salida (Ohne Ausweg), in der Raúl Hernández, faschistischer Sympathisant der paramilitärischen Vereinten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC) von seiner musikalischen Aktivität aus eine ultrarechte Kampagne entfaltete.

Gegen Ende 20. Jahrhunderts förderten und fianzierten die AUC im Bündnis mit dem kolumbianischen Staat und mit US-amerikanischen Beratung Gruppierungen der extremen Rechten. Personen wie Juan de Jesus Pimiento waren Geldgeber, der wiederum ein Vertrauensmann von Víctor Carranza und eines der erbarmungslosesten Mitglieder des Bloque Capital der AUC war. Er plante und beging gemeinsam mit den paramilitärischen Kommandeuren Miguel Ángel Arroyave und Ángel Custodio Gaitán die Zerstückelung von 45 Gefangenen, über 200 Morde im Gefängnis Modelo sowie die Entführung und Vergewaltigung der Journalistin Yineth Bedoya.

Juan de Jesus Pimiento, Statthalter von Carranza und Doktor der Philosophie, ist einer der Gründer der Gruppe Tercera Fuerza (Dritte Kraft) und war ein enger Freund von Alfredo Devia. Dieser starb im Mai 2014 unter noch aufzuklärenden Umständen. In ihren Internet-Verlautbarungen erklärt Tercera Fuerza, ein politischer Vorschlag zu sein, der "anerkennt, dass Kolumbien ein Land ist, dessen Boden von verschiedenen Kulturen und ethnischen Gruppen geteilt wird, wo die weiße Rasse eine Minderheit ist. Daher ist es unerlässlich, ein Programm für Eugenik und Rassenschutz aufzustellen, damit sich diese Bevölkerung entwickelt und konsolidiert" 2. Diese Gruppe zählt auf die Unterstützung von Gründungs-Ikonen des kreolischen Faschismus, wie z.B. Juan Forero Navas, Rechtsanwalt mit einer Passion für Hitler und das radikale Christentum und sowie Armando Valenzuela Ruíz, Mitbegründer von Morena3 und guter Freund des Ex-Generalstaatsanwaltes und Politikers Alejandro Ordoñez.

Im Juli 2013 startete die Tercera Fuerza eine Bewegung mit dem Namen Nationalistische Allianz für die Freiheit (Alianza Nacionalista Por la Libertad), an der sich auch der venezolanische Studenten Lorent Saleh4 und der ehemalige Kongressabgeordneten Pablo Victoria beteiligten. Diese Aktivität ist eine der wenigen, die zur Kenntnis gelangen, da die Gesellschaft heute mehr denn je den fanatischen und sektenhaften Ideen den Rücken kehrt und sie somit dazu zwingt ihre Treffen geheim zu absolvieren.

Mehrere bekannte rechte Politiker und Personen wie z.B. Andrés Sepúlveda ("der Hacker") und sein Freund Carlos Arturo Escobar Marín sollen die Figuren hinter Gruppierungen wie Sozialistische Allianz der Patrioten, Nationalsozialistische Vereinigung von Kolumbien, Radikales Nationalistisches Kommando, Agentur der Nationalistischen Nachrichten, Kolumbianischer Faschismus, Anti-Kommunisten Bogotá, Falangistische Alternative Kolumbiens, Bewegung der Nationalen Restauration, Nationalistische Bruderschaft, Nationalistischer Schützengraben, Nationalistisches Schwadron 88, Schwarze Sonne, Hitler-Jugend und Hammer-Skin, Auflehnende Jugend, Konservative Jugend sein.

Faschismus bedeutet permanenter Krieg, Krieg gegen die Aussöhnung, gegen die Wahrheit und die soziale Gerechtigkeit. Unsere Heimat muss sich in der Verschiedenheit widerspiegeln. Je mehr wir uns der Einförmigkeit annähern, desto weiter entfernen wir uns von der Einheit, die gebraucht wird, um unsere pluriethnische, multikulturelle, heterogene, verschiedenartige, sich verändernde, kritische und vor allem menschliche Nation zu bestärken. In diesem für Kolumbien entscheidenden Moment fördern die Freunde des Krieges ein systematisches Wiederaufleben des Faschismus, just wenn der Frieden für alle Kolumbianer greifbar wird ‒ und sie fordern das Recht auf freie Meinungsäußerung ein, das sie mit dem Recht auf freie Diskriminierung verwechseln. Auf Krieg zu bestehen bedeutet, die anderen davon zu überzeugen, dass Kolumbien keinen Frieden verdient.

  • 1. José Ángel Hernández, Los Leopardos y el fascismo en Colombia. In: Historia y Comunicación Social, Nr. 5, 221-227, Universidad Complutense de Madrid, 2000
  • 2. Siehe http://www.semana.com/opinion/articulo/la-herencia-del-nazi/341362-3
  • 3. Anm. d. Red.: Movimiento de Reconstrucción Nacional, ultrarechte Partei, von Paramilitärs gegründet
  • 4. Anm. d. Red.: Lorent Saleh, ein ehemaliger venezolanischer Studentenführer mit Verbindungen zur kolumbianischen Rechten und Paramilitärs. Er stand der Nichtregierungsorganisation Operation Freiheit vor, die sich die "Bekämpfung der Linken auf dem gesamten Kontinent" zum Programm gemacht hat. Im September 2014 von Kolumbien an Venezuela ausgeliefert, da die kolumbianischen Behörden Salehs Aufbau eines Netzwerks von Paramilitärs unterbinden wollten. Wegen Anschlagsplänen und Aktionen zur Destabilisierung des Landes war er in Venezuela bis Mitte Oktober in Haft und durfte dann aus humanitären Gründen nach Spanien ausreisen
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