Brasilien / Politik

Der Bolsonaro-Clan und die Miliz von Rio: Verdächtige Nähe

Immer neue Indizien deuten auf Verstrickungen der Präsidenten-Familie mit kriminellen Ex-Polizisten. Verbindungen mit dem Mord an Stadträtin Marielle Franco werden offen diskutiert

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"Wer ließ Marielle ermorden?" Demonstrantin in Curitiba am 14. März
"Wer ließ Marielle ermorden?" Demonstrantin in Curitiba am 14. März

Der Familienclan des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro ist in die Defensive geraten. Bolsonaros jüngster Sohn, Jair Renan (20), hat letzte Woche zugegeben, eine Liebelei mit der Tochter des dringend tatverdächtigen Auftragskillers für den Mord an Marille Franco gehabt zu haben. Ronnie Lessa (48), pensionierter Polizist und mutmaßliches Mitglied von Rios rechter Miliz, ist am 12. März von der Kriminalpolizei wegen Mordverdachts verhaftet worden. Er soll die linke afro-brasilianische Lokalpolitikerin mit vier Kopfschüssen in ihrem Auto getötet haben. Ihr Fahrer, Anderson Gomes, wurde bei dem Attentat ebenfalls getötet

Die Verhaftung von Lessa geschah um vier Uhr morgens in Rios noblem Wohnviertel "Barra da Tijuca". Die genaue Adresse lässt in Brasilien die Gerüchteküche hochkochen, denn der mutmaßliche Auftragsmörder ist ein Nachbar der Bolsonaros. Er wohnt in dem gleichen luxuriösen Hochhaus-Komplex "Vivendas da Barra" in dem der Präsident und sein Sohn Carlos Bolsonaro eine Wohnung haben.

Bolsonaro-Sohn Jair Renan, genannt 04, weil er der vierte Sohn in der Reihe ist, lässt zu seiner, den Vater jetzt kompromittierenden Liebesbeziehung zur Lessa-Tochter, inzwischen verbreiten: "Ich war mit der ganzen Wohnanlage zusammen. Ich erinnere mich nicht mehr gut an das Mädchen". Zu einer Verbindung zu Ronnie Lessa befragt, erklärte Brasiliens Präsident: "Ich erinnere mich nicht an den Typen."

Über Lessas Internet-Recherchen hat die Kriminalpolizei von Rio de Janeiro bereits festgestellt, dass er den Terminkalender Marielle Francos verfolgt und ihre Wege über drei Monate ausspioniert hat. Außerdem fand die Kriminalpolizei Lessas Internet-Recherchen zur Schusswaffe desselben Typs, mit der Franco ermordet worden ist, sowie nach zur Waffe passenden Schalldämpfern, mit einer Abfrage der Preise.

Bei der Hausdurchsuchung bei einem von Lessas Verbindungsmännern in Rio de Janeiro, einem Feuerwehrmann, hat die Polizei 117 Sturmgewehre M16 eines US-amerikanischen Herstellers sichergestellt. Die Waffen sind neu und waren auseinandermontiert. Das ist der größte Waffenfund, der in Rio de Janeiro jemals bei einer Privatperson sichergestellt worden ist.

Wie die brasilianische Presse diese Woche zudem mitteilte, ist sieben Monate nach dem Mord an Franco die Summe von 100.000 Reais als Bareinzahlung auf das Konto von Lessa geflossen. Der mutmaßliche Mörder soll ein bekennender Linkenhasser sein. Zuletzt pflegte er einen aufwendigen Lebensstil mit zwei Autos, Boot – und einer feinen Adresse.

Élcio Queiroz (46), der zusammen mit Lessa verhaftet worden ist, wird beschuldigt, der Fahrer des Mörders gewesen zu sein. Von ihm existiert ein Foto im Internet in einer Umarmung mit dem heutigen brasilianischen Präsidenten. 2015 war Queiroz wegen krimineller Aktivitäten aus dem Polizeidienst entlassen worden.

Die Sympathien des Bolsonaro-Clans für die rechte Miliz von Rio de Janeiro isind belegt. 2003 sagte Jair Bolsonaro bei einer politischren Rede: Weil Brasilien keine Todesstrafe habe, seien Todesschwadronen nützlich und hätten seine Unterstützung. Sein Sohn Flavio beschäftigte einen Kriminellen als persönlichen Chauffeur. Zwei Frauen, Familienangehörige von Milizen, waren in seinem Abgeordnetenbüro in Rio als Mitarbeiterinnen angestellt.

Die Haltung des Bolsonaro-Clans im Mordfall Marielle Franco variiert: Von Schweigen ‒ nach dem Mord am 14. März 2018 war Jair Bolsonaro der einzige der Präsidentschatskandidaten im Wahlkampf, der nicht kondoliert hat ‒ über Geringschätzung und dem Versuch, die Bedeutung dieses Verbrechens herunterzuspielen: "Dieser Mordfall ist wie die anderen 62.000 auch, die wir in Brasilien haben", sagte zuletzt Präsidenten-Sohn Carlos Bolsonaro.

Der bislang mit dem Fall befasste Kriminalkommissar Ginita Lages, der die Verhaftung der dringend Tatverdächtigen aus Sicherheitsgründen zwei Tage vorgezogen hatte, wird indes von dem Fall abgezogen, "um auf eine viermonatige Fortbildung in Italien zu gehen", so Wilson Witzel, der rechtskonservative Gouverneur des Staates Rio de Janeiro.

Weitere Quellen:

https://www.cartacapital.com.br/justica/coaf-identifica-deposito-de-100-mil-para-suspeito-de-matar-marielle/

https://www.revistaforum.com.br/bolsonaro-diz-que-recebeu-ligacao-do-filho-namorei-o-condominio-inteiro-nao-lembro-bem-dela/

https://www.dw.com/pt-br/a-postura-do-cl%C3%A3-bolsonaro-no-caso-marielle/a-47906127

https://www.esmaelmorais.com.br/2019/03/eduardo-bolsonaro-nega-envolvimento-da-familia-com-assassinato-de-marielle-franco/

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