Deutsche Journalisten in der Geheimkartei der Foltersiedlung Colonia Dignidad

Die Journalistin Gaby Weber berichtet über eine Kartei im Geheimarchiv des Sektenführers Paul Schäfer, in der auch bundesdeutsche Kolleginnen und Kollegen aufgeführt sind

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Karteikarte aus dem Geheimarchiv über den Redakteur des Sender Freies Berlin (SFB), Klaus Schulz
Karteikarte aus dem Geheimarchiv über den Redakteur des Sender Freies Berlin (SFB), Klaus Schulz

Seit Anfang dieses Jahres steht der Öffentlichkeit das über Jahre von dem Sektenführer Paul Schäfer gesammelte Geheimarchiv zur Verfügung. Schäfer hatte jahrzehntelang in der Colonia Dignidad nicht nur die ihm anvertrauten Kinder missbraucht, sondern eng mit den Geheimdiensten zusammen gearbeitet. Dieses Material hatte der chilenische Richter Jorge Zepeda zwischen 2000 und 2005 in der Siedlung beschlagnahmen lassen, darunter die Karteikarten-Sammlung über Freunde und vor allem die Feinde der berüchtigten Foltersiedlung im Süden des Andenstaates: Journalisten, Diplomaten, politische Gefangene, aber auch Militärs.

Ich habe Teile dieses Materials im chilenischen Nationalarchiv gesichtet, darunter die Karteikarten ("fichas"). Gefunden habe ich Kollegen, darunter eine Berliner Gerichtsreporterin, die in diese Sammlung geraten war, weil sie regelmäßig für den Redakteur des Sender Freies Berlin (SFB) Klaus Schulz tätig war, über den die "Kolonie der Würde" eine ausführliche Karteikarte angelegt hatte: Darin ist seine Privatadresse verzeichnet, sein Arbeitsgebiet im SFB und seine Mitgliedschaft in der SPD, ganz verdächtig: "steht links von der Berliner Partei" und "war bereits 1976 verantwortlicher Redakteur bei Anti-Springer-Sendungen".

In Zeiten, als es noch kein Internet gab, muss diese Information von den Sicherheitsbehörden gekommen sein. Der BND unterhielt enge Kontakte zu der Foltersiedlung in Chile. Ins Visier von Paul Schäfer war Schulz geraten, weil er ein Interview mit dem Siegburger Anwalt der Kolonie, Dr. Klassen, bzw. einem Mitglied des "Freundeskreises der Colonia Dignidad" beantragt hatte. Klaus Schulz ist vor vielen Jahren gestorben.

Ich habe häufig für Schulz und seinen "Gerichtstermin" gearbeitet, auch über den in Bonn anhängigen Prozess gegen Amnesty International und den "Stern" wegen Unterlassung der Behauptung, dass die Siedlung ein Folterzentrum des chilenischen Geheimdienstes war. Eigentlich hätte deshalb mein Name bei den "fichas" sein müssen, aber weder ich noch andere Kollegen, die intensiv zur Colonia Dignidad recherchiert haben – Gero Gemballa, Warner Poelchau u.a. –, sind dort verzeichnet. Ich vermute, dass der BND dieses Material säubern ließ, bevor es dem Nationalarchiv zugeführt worden ist.

Ich hatte 1980 den Waffenhändler Gerhard Mertins auf seinem Gut in Buschhof besucht. Er hatte illegal für den Pullacher Dienst Waffen in Krisengebiete verschoben, wurde aber am Ende nicht verurteilt, da ja der Staat bei diesen Transaktionen mitgewirkt hatte. Und er leitete den erwähnten "Freundeskreis der Colonia Dignidad" zusammen mit dem ZDF-Journalisten Gerhard Löwenthal, dem Müncher CSU-Stadtrat Wolfgang Vogelsgesang und dem damaligen deutschen Botschafter in Chile, Erich Strätling. Und später, Ende der achtziger Jahre, vertrat ich bei der Ortsbesichtigung in der Kolonie den beklagten Verlag Gruner und Jahr. Der Schäfer-Günstling, der Arzt Hartmut Hopp, verhinderte, dass ich die Kolonie betreten durfte. Der Mann lebt heute – obwohl in Chile verurteilt – unbehelligt in Krefeld. Auch dieser Umstand lässt auf die "helfende Hand" der Geheimdienste schließen.

Mehrere Zeugen haben von engen Kontakten der Colonia zum BND berichtet. Meine Anfrage nach Aktenzugang – Februar 2009 – lehnte der BND zunächst mit dem Argument ab, dass "sämtliche Unterlagen des BND Verschlusssachen" seien. Nachdem ich Berufung gegen diesen Bescheid eingelegt hatte, bekam ich aus Pullach die Auskunft, dass sämtliche Unterlagen in Sachen Colonia Dignidad an das Bundesarchiv in Koblenz abgegeben worden seien. Diese Unterlagen bestanden aus insgesamt 22 Seiten. Seite 1 war ein "VS Inhaltsverzeichnis zugleich Notvernichtungshandlung und Abgabequittung zu Abgabeverzeichnis 30/2004". Auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke erklärte Ronald Pofalla vom Kanzleramt: "Auch die Bundeswehr kennt solche Notvernichtungshandlungen, wenn zum Beispiel ein Schiff im Sinken begriffen ist und die an Bord befindlichen Geheimdokumente nicht dem Feind in die Hände fallen dürfen".

Derzeit führe ich einen Prozess vor dem Bundesverwaltungsamt Leipzig auf Herausgabe der BND-Akten zur Diktatur in Argentinien und in Chile. Einige Unterlagen habe ich – teilweise geschwärzt – erhalten, der Rest wird hoffentlich von den Richtern freigegeben werden. Die chilenische Regierung hat diese Unterlagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Bundeskanzleramt – als die aufsichtführende Behörde – wird in dem Verfahren in Leipzig nicht müde, eine Sperrerklärung nach der anderen abzugeben. Die Zusammenarbeit der Dienste und die einst zugesagte Geheimhaltung sei bis in alle Ewigkeit absolut unverzichtbar, so das Amt Merkel. Die südamerikanischen Regierungen sehen das offensichtlich anders und haben die Dokumente freigegeben.

Um Spenden für die Prozesskosten wird gebeten:

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