Tote bei Landprotesten in Paraguay

Mindestens 16 Menschen bei Polizeiaktion gegen Bauernbewegung im Norden des Landes gestorben

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Landlose in Paraguay
Landlose in Paraguay

Asunción. Ein seit Jahrzehnten in Paraguay schwelender Konflikt um Land hat am Freitag zum wohl schwersten Massaker in der jüngsten Geschichte der Agrar-Nation geführt. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sondereinheiten der Polizei und landlosen Bauern sind im Verwaltungsbezirk Canindeyú nach Angaben des Innenministeriums mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen. Neun der Todesopfer wurden offiziellen Angaben zufolge als Mitglieder der Landlosenbewegung "Nationale Liga der Zeltbewohner" identifiziert.

Sieben der allesamt durch Schusswaffen getöteten Männer, darunter auch der Kommandeur der Spezialeinheiten, seien Polizisten. Zudem habe es hunderte Verletzte gegeben. Noch am Sonnabend suchten Anwohner und Polizei den Tatort nahe der brasilianischen Grenze nach Toten ab. Dabei seien in einem Abstand von zehn Metern zwei erschossene Bauern entdeckt wurden.

Am Freitag morgen war ein über 200 Mann starkes Spezialkommando in Ybyrá Pytá eingerückt, einem abgelegenen Distrikt rund 380 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Asunción. Auftrag war die richterlich angeordnete Räumung von privatem Landbesitz. Seit Wochen ist das zuletzt in ein "Waldschutz-Gebiet" umgewidmete Areal von über einhundert Bauernfamilien besetzt. Sie erkennen den Privatbesitz nicht an, das ihrer Darstellung nach unrechtmäßig erworbene Land sei öffentliches Eigentum. Nach ersten Versuchen des Dialoges zwischen Polizei und Bauern sei die Lage schließlich eskaliert. Medienberichten zufolge waren die Besetzer mit Pistolen und Sturmgewehren bewaffnet.

Eigentümer Blas Riquelme, der die Polizei angefordert hatte, ist in Paraguay kein Unbekannter. Der konservative Ex-Senator der Colorado-Partei und ehemalige Chef von Paraguays Handelskammer ist Profiteur der Diktatur. "Die Gewalt auf dem Land ist Ergebnis der ungleichen Bodenverteilung", sagt der Politanalyst Alfredo Boccia. Dass heute 20 Prozent der fruchtbarsten Ländereien einer kleinen Clique von Großbauern wie Riquelme gehört, sei ein Erbe der Diktatur Alfredo Stroessners. Mit Unterstützung des Westens regierte der Anti-Kommunist das Sechs-Millionen-Einwohnerland von 1954 bis 1989 während des gesamten Kalten Krieges. Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern erkaufte sich auch das Familienimperium der Stroessners die Loyalität der europäisch-stämmigen Elite durch großzügige Landgeschenke, auch an unzählige Altnazis. Von rund 40 Millionen Hektar Land – so ein Bericht der Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Diktatur von 2008 – wurden fast 6,75 Millionen Hektar Land unter der Hand verteilt.

Nach dem Sturz von Hardliner Stroessner 1989 durch machtbewusste Wegbegleiter, ganz vorne dabei Riquelme, und nach einer 15-jährigen Alleinherrschaft der Klientelpartei "Partido Colorado" wanderten erneut Millionen Hektar in Großbauernhand. Allein eine Million Hektar riss sich "Soja-König" Tranquilo Favero unter den Nagel. Die Ikone der Großgrundbesitzer ist Prototyp paraguayischer Monokultur-Sojawirtschaft. Schlagzeilen machte der bekennende Stroessner-Fan Favero zuletzt mit seinen Empfehlungen zur Lösung von Land-Streitigkeiten: "Bei den Landlosen sind Mittel der Diplomatie sinnlos. Sie müssen behandelt werden wie die Frau eines Gauners, die nur durch Schläge gehorcht."

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