Brasilien / Soziales

Brasilien will mehr Ärzte

Regierung präsentiert Programm zur besseren medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Innenpolitische Auseinandersetzungen sind die Folge

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Logo des Regierungsprogramms Mais Médicos
Logo des Regierungsprogramms Mais Médicos

Brasília. Als Reaktion auf die bei den Protesten im Juni verbreitete Forderung nach einer besseren Gesundheitsversorgung hat Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ein Programm mit dem Namen "Mais Médicos" (Mehr Ärzte) präsentiert. Das Regierungsprogramm sieht Verträge mit 10.000 Medizinern vor, die insbesondere im ländlichen Raum und in den Vororten großer Städte arbeiten sollen. Diese Gebiete sind mit Ärzten strukturell unterversorgt. Falls hierfür nicht genügend brasilianische Ärzte zur Verfügung stehen, wird nach der neuen Regelung die Anwerbung ausländischer Mediziner möglich

Das Programm "Mais Medicos" wurde von der brasilianischen Ärzteschaft sofort nach der Veröffentlichung scharf kritisiert. Ausschlaggebend für die schlechte medizinische Versorgung in Brasilien sei nicht der Ärztemangel, sondern die unzureichende Versorgung von Krankenhäusern und Gesundheitsposten mit Medikamenten und diagnostischen Geräten, hieß es von dieser Seite.

Zuletzt haben die innenpolitischen Auseinandersetzungen um das Programm erneut an Schärfe gewonnen. Demonstrierende Ärzte brachten in mindestens neun Bundesstaaten die medizinische Versorgung zum Erliegen. Es folgten weitere Proteste in Recife im Bundesstaat Pernambuco. Zudem reichten die Ärzteverbände CMF (Conselho Federal de Medicina) und Fenam (Federação Nacional dos Médicos) Zivilklage gegen die zuständigen Ministerien für Bildung und Gesundheit ein, um das Regierungsprogramm "Mais Médicos" zu stoppen. Zwei von fünf laufenden Klagen wurden jedoch bereits von den zuständigen Gerichten abgelehnt.

Nach einer Regierungsstudie fehlen in Brasilien bis zu 50.000 Mediziner, insbesondere in den strukturschwachen Bundesstaaten im Nordosten Brasiliens und im Amazonasgebiet sowie der Peripherie von Ballungszentren wie São Paulo, Belo Horizonte oder Rio de Janeiro. Die Stellen im Landesinneren bieten wenig Spezialisierungsmöglichkeiten und kaum Aufstiegschancen. Auch ist es für Ärzte mit Familie schwer, adäquate Schulen für ihre Kinder zu finden. Insgesamt stehen in Durchschnitt für tausend Einwohner in Brasilien nur 1,8 Ärzte zur Verfügung, deren Verfügbarkeit zudem von Region zu Region sehr unterschiedlich ist. In den Nachbarländern Uruguay und Argentinien ist die medizinische Versorgung mit 3,2 beziehungsweise 3,7 Ärzten für tausend Einwohner deutlich besser. Am besten ist die ärztliche Versorgung in der Region nach wie vor in Kuba mit 6,7 Medizinern auf tausend Einwohner.

Dessen ungeachtet sprechen sich die Interessenverbände der brasilianischen Ärzte entschieden gegen eine vereinfachte Anwerbung ausländischer Mediziner aus. Diese müssten in jedem Fall Sprachkenntnisse nachweisen sowie eine Prüfung ihrer Qualifikation akzeptieren. Ärzte, die nicht in Brasilien studiert haben, müssen bisher eine relativ schwierige Fachprüfung bestehen. Nach den Plänen der Regierung sollten die ausländischen Mediziner diese nicht ablegen müssen und nur in bestimmten Regionen arbeiten dürfen. War zu Beginn der Debatte noch die Anwerbung von kubanischen Ärzten im Gespräch, sollen die ausländischen Ärzte jetzt aus Spanien und Portugal kommen, wo man sich – nicht zuletzt aufgrund der Wirtschaftskrise – interessiert zeigt. Mediziner aus diesen beiden Ländern hätten mehr "Garantien, wenn es um die Spezialisierung geht", so Gesundheitsminister Alexandre Padilha.

Die Associação Brasileira de Municípios (ABM) unterstützt den Vorstoß der Regierung, Ärzte in die ärmsten Regionen des Landes zu entsenden. Es sei richtig, dafür ausländische Fachkräfte anzuwerben, so der Präsident der Organisation, Eduardo Tadeu Pereira, denn "es gibt einen nachweislichen Ärztemangel in Brasilien". Laut ABM sind die vom Interessenverband CFM geforderten Lohnanreize und verbesserten Arbeitsbedingungen allein nicht ausreichend. Gefordert seien auch "Sofortlösungen" – also auch die Anwerbung ausländischer Ärzte. Auch für José Augusto Messias, Medizinprofessor an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro (UERJ), ist die Initiative der Regierung positiv. Sie zeige, "dass im Land der sozialen Ungleichheiten der Zugang zum öffentlichen Gesundheitsversorgung ebenfalls ungleich verteilt ist".

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