VW soll Vergangenheit in Brasilien aufarbeiten

Konzernkritiker und Journalisten weisen auf Verstrickungen während der Diktatur hin. Konzern lehnt kritische Anträge bei Hauptversammlung ab

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Homepage von Volkswagen do Brasil
Homepage von Volkswagen do Brasil

Hannover/Brasília. Im Zuge der Aufarbeitung der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) ist nun auch der deutsche Volkswagen-Konzern ins Schlaglicht geraten. Auf der Hauptversammlung des VW-Konzerns vergangene Woche in Hannover forderte der Verein Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre das Unternehmen zu einer Stellungnahme bezüglich der Vorwürfe der Zusammenarbeit mit dem Militärregime auf. Volkswagen sei in diesem Kontext aufgefordert, seine Vergangenheit in Brasilien untersuchen zu lassen.

Bereits im Februar 2014 hatte die brasilianische Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Militärdiktatur beschlossen, den Volkswagen-Konzern auf seine Zusammenarbeit mit dem Militärregime hin zu untersuchen. Dem Automobilunternehmen wird vorgeworfen, mit Spenden die Vernetzung zwischen Militärs und Unternehmen im Vorfeld des Staatsstreiches vom 31. März 1964 und später den Aufbau eines militär-industriellen Komplexes mitfinanziert zu haben, wie das Nachrichtenportal Nodal mit Berufung auf die Wahrheitskommission schreibt.

Die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre beantragten deswegen, den VW-Vorstand nicht zu entlasten. Im entsprechenden Antrag heißt es: "Wir fordern Volkswagen auf, diese Vorgänge umgehend zu untersuchen und aufzuklären, nicht zuletzt angesichts des kürzlichen 50. Jahrestages des brasilianischen Militärputsches. Volkswagen muss sich seiner historischen Verantwortung stellen und sich dazu bekennen." Volkswagen wies den Antrag jedoch als unbegründet zurück.

Dennoch hat sich Volkswagen do Brasil – die brasilianische Niederlassung des Unternehmens – vor der Nationalen Wahrheitskommission in Brasilien zu erklären. Laut Medienberichten ist der Koordinator der Wahrheitskommission, Pedro Dallari, "überzeugt von der Bedeutung, Unternehmer einzubestellen und sie zur Rechenschaft zu ziehen". Für Solaney ist der Moment gekommen, "der Gesellschaft einige der von Unternehmen praktizierten Aktivitäten offenzulegen". Nicht nur der Staat habe Reparationsleistungen zu zahlen, fordert Solaney.

Volkswagen wird im Detail vorgeworfen, im April 1964 Gelder an das Institut für Forschung und Sozialstudien und die Ständige Arbeitsgruppe zur Industrieentwicklung (GPMI) beim Landesverband der Industrie São Paulo überwiesen zu haben. Laut dem Antrag der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, die auf Medienberichte verweisen, ist dieses Geld unter Aufsicht der Militärakademie (Escola Superior de Guerra, ESG) in den Aufbau eines eigenen militär-industriellen Komplexes geflossen. Laut dem Journalisten Antônio Carlos Fon bestand die Aufgabe der GPMI des Weiteren im Aufbau eines Netzwerkes von Militärs zum Sturz des 1961 demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart. Volkswagen do Brasil tauche in den Akten von GPMI als einer der Geldgeber auf.

Neben Volkswagen stehen auf der Liste der Wahrheitskommission demnach auch Unternehmen wir die brasilianische Tageszeitung Folha de São Paulo, der Autozulieferer Monark, Ford und Scania. Bis Ende Mai wird die Wahrheitskommission ihre Untersuchungen abschließen und im November dieses Jahres ihren Abschlussbericht vorlegen.

Die Kritischen Aktionäre bestanden zudem auf einer Erklärung von VW bezüglich des Verkaufs von Wasserwerfern an die brasilianische Militärpolizei. Die Wasserwerfer würden bereits jetzt gegen die WM-kritischen Demonstrationen im Land eingesetzt und zur Niederschlagung friedlicher Proteste verwendet, so der Vorwurf: "Den Verantwortlichen bei Volkswagen kann es nicht verborgen geblieben sein, dass die brasilianische Militärpolizei den Wasserwerfer gegen demokratisch legitimierte Straßenproteste eingesetzt hat." Auch diesen Antrag wies VW als unbegründet zurück.

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