600 Menschen im Westen Kolumbiens fliehen vor Paramilitärs

Paramilitärs drangsalieren Bevölkerung. Drei Menschen sind verschwunden, eine Leiche ohne Kopf ist aufgetaucht. Streitkräfte in der Kritik

campo-1-el-bagre-1.jpg

Im Zentraldorf von Puerto Claver befinden sich aktuell circa 200 vertriebene Familien
Im Zentraldorf von Puerto Claver befinden sich aktuell circa 200 vertriebene Familien

Medellín. Rund 600 Menschen haben ihre Grundstücke in der kolumbianischen Region Bajo Cauca im Departamento Antioquia verlassen müssen, weil sie von paramilitärischen Gruppen als Guerilla-Helfer bezeichnet und bedroht worden sind. Die meisten Vertriebenen seien Kinder, beklagte einer der Einwohner. Die Flucht haben die ersten Familien vor drei Wochen ergriffen, nachdem die Paramilitärs in einer ländlichen Ortschaft des Gemeinbezirks Puerto Claver viele Stunden lang die Einwohner drangsaliert und drei Männer verschleppt hatten. Die Gemeinde vermutet, dass es sich bei einer später gefundenen Leiche ohne Kopf um einen der drei Verschleppten handelt. Die anderen zwei bleiben noch verschwunden.

Nachdem sich die geflüchteten Familien notdürftig im Seniorenheim vom Dorf Puerto Claver eingerichtet hatten, sind paramilitärische Einheiten mit Lang- und Handfeuerwaffen einmarschiert. Die Männer befahlen, mehrere Häuser zu räumen, und drohten, diese sonst niederzubrennen. Zudem richteten sie in der Zone Straßensperren ein. Transportfahrer und Lebensmittelhändler haben Lieferungen in den Ort eingestellt, weil sie Angst um ihre Sicherheit haben. Im Zentraldorf von Puerto Claver befinden sich aktuell circa 200 vertriebene Familien.

Die Betroffenen werfen den Streitkräften vor, den Aufmarsch der Paramilitärs in Puerto Claver nicht aufgehalten zu haben. Soldaten und Paramilitärs hätten im Ort miteinander gesprochen und seien dann getrennte Wege gegangen. Seit September beobachtet die Friedensorganisation Veeduría Social eine zunehmende "Paramilitarisierung" in Bajo Cauca.

Vertreter der Region hatten mit allen bewaffneten Gruppen ein Abkommen ausgehandelt, laut dem Zivilisten nicht getötet werden, unabhängig davon, ob sie "schuldig oder unschuldig sind". Guerillas, Paramilitärs und Streitkräfte haben im August zugestimmt. Jedoch gibt es seit Dezember Gefechte zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) auf der einen und den paramilitärischen "Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen" auf der anderen Seite. Die Bevölkerung sieht darin eine Eskalation des Krieges, der sie weiter gefährdet.

Inzwischen haben die Farc in einem Kommuniqué mitgeteilt, dass sie "die kriminellen Strukturen und paramilitärischen Banden, die sich gegen die einfachen Leute dieser Regionen verschworen haben, entschieden bekämpfen". Laut der Guerilla-Organisation erpressen die Paramilitärs Geld von Kleinhändlern, Bergleuten und Kokabauern und unterhalten dort "Hackhäuser", in denen Menschen gefoltert und zerstückelt werden. Auch die Behörden hatten in der Vergangenheit bereits über die Existenz solcher Häuser im benachbarten Gemeinbezirk Cáceres berichtet.

Neben dem Koka-Anbau ist Bajo Cauca wirtschaftlich wichtig für den Bergbau. Nationale und multinationale Großunternehmen haben Lizenzen für den Goldabbau. Darunter sind die kolumbianische Gesellschaft Mineros S. A., der australische BHP Billinton-Konzern sowie die US-amerikanischen Unternehmen OTU, Coco Hondo und AngloGold Ashanti.

Es bleibt offen, wann die vertriebenen Familien auf ihre Grundstücke zurückkehren werden. Momentan halten sie dies für nicht realisierbar. Sie hätten nach wie vor Angst, weil es keine Sicherheitsgarantien gebe.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr