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16.08.2016 Deutschland / Venezuela / Medien / Politik

Journalisten kritisieren ARD-Anstalt wegen Berichts über Venezuela

Reporter des SWR hatte über Gewalt bei Protesten in Caracas berichtet. Beobachter vor Ort hinterfragen Darstellung über Gewaltausbruch. Sendeleitung verteidigt Bericht
SWR-Journalist Sonnenberg im Gespräch mit oppositionellen Demonstranten in Venezuela

SWR-Journalist Sonnenberg im Gespräch mit oppositionellen Demonstranten in Venezuela

Quelle: ARD/SWR

Berlin/Caracas. Journalisten aus Deutschland und Venezuela haben die Berichterstattung der ARD zu Venezuela erneut kritisiert und der Fernsehanstalt mangelnde journalistische Distanz vorgeworfen. Gegenstand der Kritik ist vor allem eine Reportage des Leiters des ARD-Studios in Mexiko, Peter Sonnenberg, aus Caracas. Der Journalist der ARD-Rundfunkanstalt SWR hatte im Mai von einer Demonstration in der venezolanischen Hauptstadt berichtet. Dabei schilderte er auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten.

Der Kritik zufolge stellte Sonnenberg dabei die Gründe für die Auseinandersetzungen falsch dar (amerika21 berichtete). Im Beitrag, der unter anderem im ARD-Morgenmagazin zu sehen war und bis heute im Netz steht, sagt er: "Im nächsten Moment hören wir Tumult von der Straße. Die Polizei kesselt Studenten ein und im nächsten Moment fliegen Tränengasgranaten auf uns Journalisten und auf absolut friedliche Demonstranten." Die Auseinandersetzung selbst ist nicht zu sehen.

Unmittelbar nach der Ausstrahlung des Berichtes hatten Online-Aktivisten die Bilder aus dem Beitrag Sonnenbergs mit Aufnahmen aus einer anderen Perspektive zusammengeschnitten. Dabei ist zu sehen, was zeitgleich auf der tiefer liegenden Stadtautobahn "Avenida Libertador" geschah: Mehrere Vermummte griffen drei Polizistinnen mit Stöcken und Steinen an und verletzten zwei von ihnen schwer. Daraufhin reagierten die entfernter stehenden Einsatzkräfte mit Tränengasgranaten. Die Ursache der Gewalt ist in der direkten Aufnahme also durchaus anders erkennbar als es Sonnenberg in seinem Bericht darstellt.

Der Zwischenfall bei den Protesten im März war für die venezolanische Innenpolitik bedeutend. Präsident Nicolás Maduro zeichnete die beiden verletzten Polizistinnen Dubraska Álvarez und Génesis Mambié wenige Tage nach den Zusammenstößen mit einem Verdienstorden aus. Mehrere Täter und Hintermänner stehen inzwischen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft behauptet, die Angriffe auf die Polizistinnen seien unter anderen von einem Mitglied der Oppositionspartei Acción Democrática geplant gewesen.

Im Telefongespräch mit amerika21 bestätigte eine der verletzten Polizistinnen, Mambié, den Überfall, wollte sich wegen der laufenden Ermittlungen aber nicht weiter dazu äußern. Die venezolanischen Journalisten Borges Revilla und Diego Sequera vom investigativen Online-Portal Misión Verdad aus Venezuela verwiesen auf Nachfrage auf weitere Hintergründe der Eskalation: Die Organisatoren der oppositionellen Demonstration, aus der Sonnenberg berichtete, hätten die Route spontan und ohne Rücksprache mit den Behörden verändert. Dies habe für eine gereizte  Stimmung gesorgt. "Nach den Angriffen auf die Polizei eskalierte die Lage dann", so Borges Revilla im amerika21-Gespräch.

Die gegensätzliche Darstellung im ARD-Bericht, der auf diese Hintergründe nicht eingeht, hatte auch in Deutschland für Unmut gesorgt. Der Verein "Ständige Publikumskonferenz", bekannt für sein Monitoring der öffentlich-rechtlichen Sender, reichte drei Tage nach Ausstrahlung des Beitrags eine Programmbeschwerde beim verantwortlichen SWR ein. Allerdings ohne großen Erfolg: Nach einem Monat antwortete der Direktor des Senders, Christoph Hauser, man habe den "Sachverhalt sorgfältig geprüft" und könne "keinen Verstoß gegen die Programmrichtlinien des SWR feststellen". Sonnenberg habe "in einer eindrucksvollen Reportage (...) kenntnisreich" über die Krise in Venezuela berichtet. Der Reporter habe über die Auseinandersetzungen "wahrheitsgemäß, vollständig und mit der gebotenen journalistischen Distanz" berichtet, so Hauser weiter.

Von der Polizei eingekesselte Studenten in Venezuela? Diese Szene kommentierte Sonnenberg – ohne sie zu zeigen

Gegenüber amerika21 hatte Sonnenberg seinen Bericht zuvor schon verteidigt, dabei allerdings auch angegeben, die geschilderte Szene nicht gesehen zu haben: "Auf der unteren Straße, auf die sich die Videobilder beziehen, die im Netz kursieren, war Tumult zu hören. Wir wollten sehen, was sich dort abspielt, mussten aber wegrennen, weil Tränengas auf uns geschossen wurde." Sein Team sei über eine Brücke, die über die untere Straße führt, entkommen. "Dort schaute ich was passierte. Die jungen Leute rannten auch vor den Schüssen der Polizei weg, eine Treppe hoch, dort hin, wo wir uns vorher aufhielten, direkt dem vorrückenden Polizeiriegel in die Arme. Und dort wurden sie tatsächlich eingekesselt." Das ist allerdings eine andere Chronologie und Kausalität als im debattierten Beitrag geschildert wird – in dem der Eindruck erweckt wird, die Polizei habe "absolut friedliche Demonstranten" angegriffen.

So sieht es auch der Venezuela-Experte und Politologe Dario Azzellini von der Johannes Kepler Universität im österreichischen Linz. Azzellini hält den Bericht Sonnenbergs für "sehr fragwürdig", denn: "Der Journalist erzählt uns genau das Gegenteil von dem, was er selbst gesehen haben muss. Er spricht von Gewalt der Sicherheitskräfte gegen oppositionelle Demonstranten. Doch die brutalen Angriffe von Oppositionellen auf die Sicherheitskräfte, die sich direkt vor ihm Abspielen, finden keine Erwähnung." Es dränge sich der Verdacht auf, dass hier mit Absicht die venezolanische Regierung negativ dargestellt wurde. Das mag der Autor des Beitrages persönlich so sehen, aber mit Journalismus oder Berichterstattung habe der Beitrag nicht mehr viel zu tun. Azzellini spricht sogar von "manipulativer Meinungsmache".

Der US-deutsche Journalist Gregory Wilpert bezeichnet es mit Blick auf den ARD-Bericht als "Problem, dass internationale Journalisten, die über Venezuela informieren, regelmäßig nur die Sichtweise der Opposition in Venezuela darstellen." Der Bericht Sonnenbergs sei ein typisches Beispiel für diese einseitige Sicht, so Wilpert, der darauf verweist, dass Sonnenberg nur Oppositionelle interviewt.

Der Mitbegründer der Seite venezuelanalysis.com und Mitarbeiter beim US-Portal The Real News verweist darauf, dass bei der Demonstration Polizistinnen von mehreren Demonstranten angegriffen wurden. Der ARD-Bericht schildere dies nicht. "Es kann gut sein, dass der Journalist die Gewalt der Opposition nicht gesehen hatte", so Wilpert dazu: "Dann sollte aber wenigstens nachher eine Richtigstellung stattfinden."


Lesen Sie im Anhang zu dieser Meldung:

  • Dokumentation eines E-Mail-Interviews mit Peter Sonnenberg (SWR) zur Debatte;
  • Antwort des SWR auf eine Programmbeschwerde des Vereins "Ständige Publikumskonferenz", 24. Juni 2016.
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SWR-Journalist Sonnenberg im Gespräch mit oppositionellen Demonstranten in Venezuela
Von der Polizei eingekesselte Studenten in Venezuela? Diese Szene kommentierte Sonnenberg – ohne sie zu zeigen

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