Erneut Massaker in Pazifikregion in Kolumbien

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Die Pazifikstadt Tumaco, in der auch das nächstgelegene Krankenhaus ist, liegt über Wasserwege eine Tagesreise entfernt vom Tatort in Kolumbien
Die Pazifikstadt Tumaco, in der auch das nächstgelegene Krankenhaus ist, liegt über Wasserwege eine Tagesreise entfernt vom Tatort in Kolumbien

Tumaco, Kolumbien. Mindestens 13 Menschen sind bei einem erneuten Massaker in der Pazifikregion von Kolumbien ermordet worden. Zu den Tatvorgängen liegen auch gut eine Woche nach den Ereignissen noch kaum bestätigte Informationen vor. Die Ermittlungen laufen nicht an, weil bisher kaum staatliche Kräfte bis in die kleine Siedlung gelangen konnten. Starke Regenfälle erschweren zudem den Zugang zur betreffenden Region. Zudem sind die Opfer und potentielle Zeugen eingeschüchtert und machen kaum Aussagen zum Vorgang.

Anwohner von Dörfern unterhalb desselben Flusslaufs berichteten am Montag von Leichen im Wasser. Bestätigt sind laut Militärangaben vier erschossene Personen. Weitere Opfer hatten sich laut Aussagen von Zeugen in den Fluss geworfen und sind darin umgekommen, als sie sich vor einem Schusswechsel retten wollten. Zeugen vor Ort berichten amerika21 gegenüber jedoch von bis zu 30 Toten. Viele weitere Menschen seien schwer verletzt. Lediglich eine Frau konnte bisher ins Krankenhaus in die kolumbianische Ortschaft Tumaco gebracht werden.

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Über diesen Fluss ist der einzige mögliche Zugang zum Dorf – diese Boote sind das einzige Verkehrsmittel für die Menschen in dieser Region von Kolumbien
Über diesen Fluss ist der einzige mögliche Zugang zum Dorf – diese Boote sind das einzige Verkehrsmittel für die Menschen in dieser Region von Kolumbien

Sicher ist bisher, dass es am Montag im Morgengrauen in einem Dorf nahe Magüí Payán zu einem Schusswechsel kam. Ein Sprecher der Regionalregierung bestätigte neun Tote durch Schusswunden und vier weitere Leichen, die aus dem Wasser geborgen worden sind. Zwei der Toten sollen per Haftbefehl gesucht worden seien. Allerdings konnte bisher lediglich eine Person offiziell identifiziert werden: Der Aktivist und Vorsitzende der Afro-Autonomieregierung Consejo Comunitario Manos Amigas, Édison Ortiz, wurde tot aus dem Fluss geborgen. Sein Bruder gilt seit dem Vorfall als verschwunden. Viele weitere Personen sind verschwunden. Mindestens 18 Familien sind aus der Region geflohen.

Zunächst berichteten die kolumbianischen Medien recht einheitlich davon, dass die Nationale Befreiungsarmee (ELN) das Massaker verübt habe. Dann wurde von Schusswechseln zwischen ELN und Dissidenten der Farc berichtet und einige Tage später zeichnen viele Medien Paramilitärs oder Drogenbanden verantwortlich. Diese Delegitimationskampagne, die zuvor stets die Farc getroffen hatte, richtet sich nun häufig gegen die ELN. Noch bevor Nachforschungen angestellt worden sind, werden die linke Guerillagruppe ELN oder Dissidenten der Farc für kriminelle Handlungen angeschuldigt.

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Der nächstgelegene Hafen in Magüí Payán, Kolumbien
Der nächstgelegene Hafen in Magüí Payán, Kolumbien

Vom 4. bis 8. Dezember besucht eine Delegation von mehr als 70 zivilen Organisationen die Region, um im Rahmen der Überwachung der Waffenruhe zwischen Regierung und ELN die Tat zu untersuchen. 

Im Dorf Pueblo Nuevo leben rund 80 Menschen in 25 Häusern, bis in die nächste Ortschaft Magüí Payán sind es im Boot über den Fluss 90 Minuten. "Bisher trat sich niemand von hier in das Dorf", sagte der Regierungssprecher aus Magüí Payán gegenüber Medien. Der Ort liegt an einem Flusslauf am Pazifik und kann nur in einigen Stunden in Kleinbooten von der nächsten größeren Ortschaft über Wasserwege erreicht werden.

Erst am 5. Oktober hat die Drogenbekämpfungspolizei mindestens sieben Kleinbauern im Landkreis Tumaco getötet, während diese gegen die Vernichtung von Koka-Feldern protestiert haben. Je nach Quelle waren es bis zu 14 Tote und außerdem 15 bis 50 zum Teil Schwerverletzte. Nachdem die Polizei zunächst die Version verbreitet hatte, dass Farc-Dissidenten für das Massaker verantwortlich seien und der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos versichert hatte, dass "unsere Sicherheitskräfte nicht auf Zivilisten schießen", musste die Regierung angesichts der zunehmenden Beweise gegen die Polizei 102 Polizisten aus Tumaco versetzen.

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