DruckversionEinem Freund senden

Spiegel-Online mit Rechtspropaganda

Verdrehung und Irreführung im Konflikt zwischen Kolumbien und Venezuela

Spiegel Online veröffentlichte dieser Tage einen Text mit dem Titel "Venezuela und Kolumbien: Kalter Krieg im Regenwald". Der Beitrag strotzt von Verdrehungen und Auslassungen. Die Frage ist, ob eine politische Motivation dahinter steckt. Im Folgenden einige Anmerkungen im Detail:

"Venezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder."

Die Brücken waren Schmugglerbrücken und illegal. Wie würde wohl die deutsche Regierung reagieren, wenn es im Wald zwischen Holland und Deutschland ausgebaute Schmugglerpfade mit Brücken gäbe? Zumal halb Kolumbien von den geschmuggelten billigeren kolumbianischen Lebensmitteln und Benzin lebt? Was für Venezuela einen enormen ökonomischen Schaden bedeutet.

"(...) stimmt Chávez die Venezolaner auf einen möglichen Krieg mit dem Nachbarland ein."

Nein, Chávez wies auf die wachsende Gefahr aus Kolumbien hin und forderte auf, sich auf die Verteidigung der Souveränität Venezuelas vorzubereiten. Währenddessen wird in Kolumbien aber halböffentlich darüber diskutiert man müsse sich, angesichts der eigenen in 13-14 Jahren zu Neige gehenden Erdölvorräte die Vorräte Venezuelas sichern.

"(...) aber die militärische Präsenz der Amerikaner ist eine Provokation - für Chávez und andere südamerikanische Staaten. Bis zu 800 US-Soldaten und 600 amerikanische Zivilisten dürfen in den kommenden zehn Jahren auf sieben kolumbianischen Armee-Stützpunkten eingesetzt werden. Chávez reagiert trotzig: 'Ich rufe nicht zu einem Krieg auf. Wer den Krieg anheizt, ist das Yankee-Imperium. '"

Die US-Militärbasen wurden von nahezu allen lateinamerikanischen Staaten verurteilt und abgelehnt, darunter auch Brasilien und Argentinien. "Trotzig" ist nicht Chávez, sondern wer wie die Autorin des Spiegelbeitrages nicht aus der Geschichte lernen will. Zumal Kolumbien sich offiziell einen "präventiven Erstschlag" offenhält und als Recht vertritt.

"Venezuelas Präsident ist gut gerüstet. Seit Jahren kauft er Waffen in Moskau - Verträge über fünf Milliarden Dollar hat er seit 2005 abgeschlossen. Darunter sind 55 Transport- und Kampfhubschrauber, 25 Kampfflugzeuge und 20 Kriegsschiffe. Erst im September 2009 bestellte Chávez auf seiner Russland-Reise 92 Kampfpanzer, sowie Luftabwehrraketen (…). Doch auch Kolumbien hat sein Militär ausgebaut und verfügt über 254.000 Soldaten."

Die Kampfkraft Kolumbiens ist etwa vier Mal so groß wie die Venezuelas, die US-Streitkräfte, Söldner und weiteren Unterstützer im Land nicht mitgezählt. Selbst mit seinen Militärausgaben liegt Venezuela an siebter Stelle in Lateinamerika.

"Im März 2008 griffen kolumbianische Soldaten ein Lager der Farc-Rebellen in Ecuador an und töteten dabei auch den Vize-Chef der Rebellen. Daraufhin ließ Chávez fast 9000 zusätzliche Soldaten an der Grenze zu Kolumbien aufmarschieren, mobilisierte Panzer-Bataillone und Einheiten der Luftwaffe, der Marine und des Heeres. Pikant: Die Kolumbianer fanden E-Mails, die belegen, dass Chávez seit langem mit der Farc verstrickt ist."

Es handelte sich um einen völkerrechtswidrigen Angriff auf ein fremdes Staatsterritorium der von ALLEN lateinamerikanischen Staaten verurteilt und abgelehnt wurde, während Kolumbien darauf beharrt es jederzeit wieder zu tun. An dem Angriff beteiligt waren auch US-amerikanische Militärmaschinen, die damals im ecuadorianischen Manta stationiert waren. Die Sache mit dem Computer wurde nie nachgewiesen, es handelt sich um eine Behauptung des kolumbianischen Geheimdienstes, nachdem er tagelang in Besitz des Computers gewesen war. Das FBI selbst stellte fest, dass die betreffenden Archive erst nach dem Fund des Computers angelegt bzw. verändert wurden und sie daher völlig untauglich für eine Beweisführung sind und nichts belegen.

Eine Unterstützung für die FARC Seitens Venezuelas konnte nie auf irgendeine Weise nachgewiesen werden. Nachgewiesen und aktenkundig ist hingegen die direkte Verbindung des kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe mit Paramilitärs und Drogenkartellen. Immerhin sind bereits 45 Abgeordnete der Uribefraktion wegen ihrer Verbindungen zu Paramilitärs suspendiert und teilweise auch verurteilt worden. Und noch Anfang der 1990er führten US-amerikanische Geheimdienste Uribe als einen der "wichtigsten 100 Drogenhändler Kolumbiens".

"Im Juli 2009 entdeckte Kolumbien, dass Waffen, die Venezuela von Schweden gekauft hatte, in die Hand von Farc-Guerilleros gelangt waren. Chávez reagierte empört und zog seinen Botschafter aus Bogotá ab."

Ja, denn die Waffen wurden Anfang der 1990er Jahre in Venezuela gestohlen und haben somit gar nichts mit der Chávez-Regierung zu tun.

"Die Spannungen verschärften sich Ende Oktober, als im Grenzgebiet eine Fußballmannschaft entführt wurde. Die zwölf Straßenhändler wurden in Venezuela von Bewaffneten verschleppt, elf wurden hingerichtet. Bis heute ist unklar, wer für die Morde verantwortlich ist. Die politischen Lager beschuldigten sich gegenseitig. Zudem kursierten Gerüchte über Spione des kolumbianischen Geheimdienstes, die in dem Fall ermittelten. Caracas schickte eine Protestnote nach Bogotá."

Klar ist wohl, dass es sich bei den "Straßenhändlern", die allesamt angeblich Erdnussverkäufer waren und sich von ihren "Einnahmen" große Pickups leisten konnten, um Paramilitärs handelte. Diese wurden wohl von einer weiteren Paramilitärgruppierung - ebenfalls aus Kolumbien - entführt und hingerichtet, mit der sie sich in Konflikt befinden (Los Rastrojos und Aguilas Negras kämpfen um Geld und Einfluss sowie die Kontrolle von Drogenschmuggel und anderen Geschäften.

"Am 16. November nahm Kolumbien vier venezolanische Militärs fest, die auf kolumbianischem Territorium in einem Motorboot unterwegs waren, entließ sie jedoch zurück in die Heimat."

Da haben wir aber vergessen, dass im gleichen Zeitraum kolumbianische Geheimdienstler in Venezuela festgenommen wurden, kolumbianische Paramilitärs mit Waffengewalt und Morddrohungen im Grenzgebiet auf venezolanischer Seite 1.000 Läden zum schließen zwangen und auch venezolanische Nationalgardisten erschossen. Nach ihrer und kolumbianischer Logik hätte Venezuela eigentlich das Recht Kolumbien zu bombardieren...

"Ausgerechnet im Ölförderland Venezuela leiden die Menschen zudem unter einer Energiekrise, Wasser und Strom werden knapp."

Weil durch die enormen Entwicklungssprünge der vergangenen Jahre der Stromverbrauch wesentlich stärker angestiegen ist als die Produktion. Übrigens gab es in den vergangenen Wochen auch in Brasilien und Guatemala massive Stromausfälle, das scheint aber nicht zu journalistischen Halluzinationen zu führen.

Das Wasser wiederum ist knapp, weil Venezuela sich der größten Trockenheit seit Jahrzehnten ausgesetzt sieht (während zugleich mittlerweile 94% des Landes an die Trinkwasserversorgung angeschlossen worden sind), ist das auch Chávez' Schuld? Halten sie ihn wirklich für allmächtig?

So schafft es der Spiegel wieder mal alles zu verdrehen und seiner rechtsradikalen Propaganda freien Lauf zu lassen.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr