Zahl von drei Millionen Krisenflüchtlingen aus Venezuela ist nicht haltbar

Laut UN führen "Schätzwerte" zu der hohen Zahl Geflüchteter. Tatsächlich rund 1,3 Millionen Venezolaner im Ausland registriert. NGO wertet Facebook-Profile aus

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Auch das Auswärtige Amt nennt die Zahl "über drei Millionen", wenn es um "Krisenflüchtlinge" geht. Nun bestehen Zweifel an dieser Zahl
Auch das Auswärtige Amt nennt die Zahl "über drei Millionen", wenn es um "Krisenflüchtlinge" geht. Nun bestehen Zweifel an dieser Zahl

Caracas/Washington/Berlin. Bei der Anerkennung des selbsternannten venezolanischen Interimspräsidenten Juan Guiadó führen seine Unterstützer vor allem ein Argument an: In Venezuela herrsche eine humanitäre Krise, in deren Folge bereits über drei Millionen Menschen fliehen mussten. Amerika21 hat diese auch vom Auswärtigen Amt mehrfach angeführte Zahl überprüft und herausgefunden: Eine solch hohe Zahl an Geflüchteten ist – zumindest auf Grundlage vorliegender Daten und Aussagen der Vereinten Nationen (UN) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – nicht haltbar.

Für Zweifel sorgt unter anderem die Methodik der Datenerhebung. So hat offenbar eine Nichtregierungsorganisation im Auftrag der UN Facebook-Profile ausgewertet, um das Ausmaß der Emigration aus Venezuela zu erfassen. In der eigens für die Dokumentation von venezolanischen Flüchtlingen eingerichteten Plattform r4v (Response for Venezuelans) der UN findet man entsprechende Dokumente der Nichtregierungsorganisation iMMAP mit Sitz in Washington. Deren Unabhängigkeit ist fragwürdig: Die iMMAP wird unter anderem von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID), der Europäischen Kommission und der Weltbank finanziert. Als eine ihrer Aufgaben nennt sie die "Bereitstellung von Dienstleistungen für Hilfs- und Entwicklungsorganisationen". Man liefere Daten, um "UN-Agenturen und Regierungen faktenbasierte Entscheidungsfindungen zu ermöglichen" und "humanitäre Krisen zu bewältigen".

Die iMMAP, die auch ein Regionalbüro in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá unterhält, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie mithilfe von Marketing Tools Facebook-Profile auswertet. Diese Art der Analyse wurde auch im Fall venezolanischer Migranten vorgenommen. Die Auswertung wird von den UN unter eigener Domain bereitgestellt. Dabei werden alle Venezolaner gezählt, die sich momentan außerhalb ihres Landes aufhalten und gemäß ihrer Facebook-Profile zuvor in Venezuela gelebt haben, sogenannte "Expats". So werden auch Benutzer und Profile gezählt, die angeben – egal wann – in Venezuela gelebt zu haben, sich nun aber in einem anderen Land aufhalten. Mit dieser Methode kommt iMMAP nach eigener Darstellung auf 3,049 Millionen Venezolaner, beziehungsweise "verbundene (Facebook-)Nutzer aus Venezuela", die sich im Dezember 2018 im Ausland aufhielten. Diese Zahl deckt sich mit der von einigen UN-Akteuren genannten Zahl, die von vielen Regierungen wiederholt wird.

In einem Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) vom März 2018 heißt es, "nach Schätzungen (hätten) 1,5 Millionen Venezolaner das Land verlassen". Auch wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen im Laufe des Jahres 2018 erneut deutlich verschärft haben dürften, müsste demnach in den folgenden zehn Monaten noch einmal etwa die gleiche Anzahl dazu gekommen sein.

In der offiziellen UN-Datenbank für die "Situation von Geflüchteten" aus Venezuela werden 393.985 Venezolaner gezählt, die in anderen Ländern Asyl beantragt haben (Stand 31.10.2018) und 958.965 Venezolaner, die sich "mit anderen legalen Aufenthaltstiteln im Ausland befinden" (Stand: 31.12.2018). Das macht in der Summe 1.352.950. Geht man von einer bestimmt nicht zu vernachlässigen Dunkelziffer von Personen aus, die sich in keinem Land haben registrieren lassen, dürfte die tatsächliche Zahl natürlich höher liegen. Jedoch fehlen noch mindestens 1.650.000 Menschen, um die weltweit häufig zitierte Zahl zu erreichen. Vielmehr scheint man bei der Nennung von drei Millionen Flüchtlingen, wie beispielsweise von Seiten des deutschen Auswärtigen Amtes, Migranten mit Flüchtlingen gleichzusetzen. Somit wird nicht zwischen "Freiwilligen Migranten" und "Flüchtlingen" unterschieden. Die UN unterscheidet in den meisten Darstellungen zwischen "refugees" (Geflüchteten) und "migrants" (Migranten).

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Hinzu kommt, dass Venezolaner in der Mehrzahl der Länder Lateinamerikas, in denen sie sich gegenwärtig aufhalten, aufgrund multilateraler Abkommen im Zuge von Regionalbündnissen wie Mercosur oder Unasur relativ problemlos legale Aufenthaltstitel bekommen. Dies führt auch die UN selbst an.

Auffällig ist eine weitere Unschärfe bei der Nennung der Zahl von gut drei Millionen Geflüchteten aus Venezuela. So zählt die UN in einem weiteren Dokument der Plattform r4v unter "Flüchtlinge und Migranten in Not" auch Pendler (107.995) und kolumbianische Staatsbürger (93.447) hinzu. Diese machen in der Summe 201.472 von insgesamt ausgewiesenen 1.114.226 Venezolanern in Kolumbien aus.

Juliana Quintero, Regionalbeauftragte für Medien und Kommunikation der IOM im Regionalbüro für Südamerika, bestätigte auf Nachfrage, dass es sich bei den Zahlen um Schätzungen handle. Es gebe neben offiziellen Zahlen von nationalen Migrationsbehörden auch "andere Quellen". Die Zahl der Venezolaner, die seit 2015 "geschätzt" das Land verlassen haben, liege bei 2,3 Millionen. Vor 2015 hätten bereits 700.000 Venezolaner im Ausland gelebt, so Quintero gegenüber amerika21. Somit konnte auch bei der IOM die Zahl von drei Millionen Menschen, die wegen der humanitären Krise aus Venezuela geflohen seien, nicht bestätigt werden. Über die Rolle von iMMAP bei der Erhebung der Daten war Quintero nichts bekannt.

Laut Daten der Plattform statista.com hat die Bevölkerungszahl Venezuelas zwischen 2016 (Höchststand: 30,71 Millionen) und 2018 (29,19 Millionen) um etwa 1,5 Millionen abgenommen. Das stimmt etwa mit den Angaben der offiziellen Datenbank der UN überein. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat indes auch eine "Flüchtlingskrise" eingestanden. Im Interview mit der britischen BBC sagte er, nach eigenen Zählungen hätten 800.000 Menschen das Land verlassen.

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