Wegen Folter verurteilter Ex-General in Chile auf Kaution freigelassen

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Seit fast 46 Jahren warten die Opfer der Folter in Chile auf Gerechtigkeit
Seit fast 46 Jahren warten die Opfer der Folter in Chile auf Gerechtigkeit

Santiago de Chile. Der 72-jährige Juan Emilio Cheyre, ehemaliger Armeegeneral und Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres, ist gegen Kaution freigelassen worden. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, während der Militärdiktatur an der Folter von 24 politischen Gefangenen beteiligt gewesen zu sein.

Cheyre wird beschuldigt, in seiner Funktion als Unteroffizier in La Serena direkt an mehreren Folterungen beteiligt gewesen zu sein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben mehr als 100 Zeugen in der Sache ausgesagt, die Anklage basiert aber lediglich auf den Zeugenaussagen von 24 Betroffenen. Demnach hat Cheyre unter anderem Gefangene misshandelt und Scheinhinrichtungen durchgeführt. "Ich erkenne eine Stimme, die von Cheyre, mit dem ich am Tag vorher geredet hatte. Er sagte mir ich solle mich hinknien und ich merke, dass sie mir eine Waffe an den Kopf halten. Der Sand auf dem Boden war feucht, ich dachte das war das Blut meiner Freunde. In diesem Moment haben sie eine Hinrichtung simuliert: Sie banden meine Arme hinter meinem Rücken fest, sie hängten mich an etwas wie einem Balken", so beschreibt Luis Ravanal Martínez in einer der Zeugenaussagen die Folter. In den Zeugenaussagen werden auch sexuelle Misshandlungen, Elektrofolter und andere Formen der Folter genannt.

Zusammen mit Cheyre sind auch die ehemaligen Militärs Ariosto Lapostel, Jaime Ojeda und Mario Larenas Carmona angeklagt. Für Empörung sorgte Ojeda, der beim Verlassen der Polizeistation in Richtung der Presse brüllte: "Die linken Terroristen gewinnen hier. Die linken Terroristen sperren mich ein."

Cheyre wurde bereits im vergangenen Jahr wegen Beihilfe zum Mord von 15 politischen Gefangenen zu drei Jahren und einem Tag Hausarrest verurteilt. Im Fall der Todeskarawane (Caravana de la Muerte) in La Serena war er verantwortlich für die Kaserne, in der die Morde stattfanden. Gegen dieses Urteil hat Cheyres Verteidigung Einspruch eingelegt. Die Todeskarawane war eine Militäraktion direkt nach dem Putsch von Augusto Pinochet im Jahr 1973. Militärs waren durch die Regionen Chiles gezogen und folterten Gefangene, ermordeten sie oder ließen sie verschwinden. Insgesamt fielen dieser Militäraktion mindestens 97 Gefangene zum Opfer.

Im Jahr 2016 sorgte Cheyre für Empörung, als er sich als Beobachter des Friedensprozesses in Kolumbien entsenden lassen wollte.

Er war von 2002 bis 2006 Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres. Vor seiner ersten Verurteilung war er als "General des Nie Wieder" (Nunca más) bekannt, weil er im Gegensatz zu anderen hochrangigen Militärs die Verantwortung der chilenischen Streitkräfte für Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur anerkannte.

Bei der Festnahme Anfang Februar sagte Nicolás Barrantes, eines der Opfer: "Wir warten seit 46 Jahren auf die Festnahme dieser Kriminellen. Es war ein beschwerlicher, leidvoller Weg, aber wir sind glücklich."

Die Freilassung gegen die Kaution von gerade einmal einer Million Pesos (rund 1.300 Euro) sorgte für Protest.

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