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Corona-Pandemie hat in Brasilien bereits über 6.000 Tote gefordert

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Verteilung von Schutzmasken an Wohnungslose in São Paulo
Verteilung von Schutzmasken an Wohnungslose in São Paulo

Brasília. Die Zahl der Corona-Toten in Brasilien steigt seit dieser Woche rasant. Über 87.000 bestätigte Fälle und über 6.000 Todesopfer waren der Stand am 1. Mai 2020. Von Journalisten auf die hohen Todeszahlen angesprochen, reagiert der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro (parteilos) mit einem trockenen "Na und? Was soll ich machen?". Die Bevölkerung ist entsetzt über seine Kaltschnäuzigkeit. Kritiker werfen ihm vor, einen Genozid an der armen Bevölkerung in Kauf zu nehmen. Brasilien wird beschrieben als "ein Land, das weint".

Vom 26. Februar an, als der erste Covid-19-Fall im Land bestätigt wurde, hat der Präsident die Krankheit als "kleine Grippe" verharmlost. Wirtschaftliche Einschränkungen lehnte er mit der Begründung ab, Brasilien dürfe "nicht stillstehen". Trotz regionaler Quarantäne ermuntert er die Bevölkerung, weiter zur Arbeit zu gehen, und wünscht sich eine Rückkehr zur Normalität.

Mitte der Woche beschuldigte Bolsonaro Gouverneure und Bürgermeister, die Impulsgeber für Schutz- und Quarantänemaßnahmen waren, verantwortlich für die Zunahme der Coronavirus-Opfer zu sein.

Als Reaktion darauf rechnete João Doria, Gouverneur des Bundestaats São Paulo und möglicher Präsidentschaftskandidat für 2022, in einer Rede vom 29. April hart mit Bolsonaro ab. Er forderte den Präsidenten auf, "aus seiner Blase herauszukommen". Er solle aus seiner kleinen Welt aus Hass aussteigen und Krankenhäuser am Rande des Kollapses besuchen. "Stoppen Sie diese perverse Politik und hören Sie auf, die zu stören, die dafür kämpfen, Leben zu retten", forderte der konservative Doria. Die am schlimmsten von Covid-19 betroffene Region Brasiliens ist der Bundesstaat São Paulo, das wirtschaftliche Herz des Landes sowie die Amazonas-Hauptstadt Manaus.

Harsche Kritik kommt auch von Wilson Witzel von der rechtsgerichteten, evangelikal-fundamentalistischen Partido Social Cristão (PSC), Gouverneur des Staates Rio de Janeiro und selbst an Corona erkrankt. Der Politiker twitterte am 29. April: "Es ist nicht akzeptabel, dass der Präsident die Pandemie und die Tode immer als Kleinigkeit ansieht. Er demonstriert keinerlei Solidarität mit den Familien, die Menschen verlieren, die sie am meisten lieben."

Brasilien ist das sechstbevölkerungsreichste Land der Erde. Die Regierung realisiert keine Massentests an der Bevölkerung. Die Aussichten für den Gesundheitsschutz sind besorgniserregend: Von 48 untersuchten Ländern hat Brasilien die höchste Ansteckungsquote, haben Wissenschaftler untersucht. Jeder kranke Brasilianer steckt aktuell 2,8 andere Menschen an.

Zur Corona-Krise kommt die politische Krise: Jair Bolsonaro ist in die Enge getrieben. Nach der Entlassung des populären und wissenschaftsaffinen Gesundheitsministers ist nun sein Justizmister Sérgio Moro zurückgetreten, eine Ikone der konservativen Brasilianer. Zudem wollte Bolsonaro Alexandre Ramagen als Polizeichef berufen, einen engen Freund seiner Familie. Wegen möglicher Interessenskonflikte hat Brasiliens oberster Richter sein Veto eingelegt. Die Stimmen für ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten werden immer lauter.

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