Britische Unterstützung für Destabilisierung in Venezuela aufgedeckt

Regierung Großbritanniens plante bereits für eine Zeit "nach Maduro". Ölvorkommen in umstrittener Grenzregion zu Guyana wichtiger Bestandteil der Pläne?

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Der britische Außenminister, Dominic Raab, traf sich mit Juan Guaidó im Januar in London
Der britische Außenminister, Dominic Raab, traf sich mit Juan Guaidó im Januar in London

London/New York. Die Regierung Großbritanniens hat offenbar seit längerem Destabilisierungsversuche gegen Venezuelas gewählte Regierung unterstützt. Ein Dokument, das die britische Nachrichtenseite The Canary publik machte, enthüllt die Existenz einer "Einheit zum Wiederaufbau Venezuelas" (Venezuela Reconstruction Unit) im Außenministerium des Landes.

Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte anschließend gegenüber dem Online-Magazin, dass die Einheit "im Herbst 2019 gegründet wurde, um die Beteiligung des Vereinigten Königreichs an den internationalen Bestrebungen zu koordinieren, Antworten auf die schreckliche wirtschaftliche und humanitäre Lage in Venezuela zu geben". Der Vorsitzende der Einheit ist John Saville, der Großbritannien von 2014 bis 2017 als Botschafter in Venezuela vertrat.

Saville war im Januar 2020 maßgeblich an der Organisation eines Besuchs des venezolanischen Oppositionspolitikers Juan Guaidó in London beteiligt, wo dieser auch mit Außenminister Dominic Raab und weiteren hochrangigen britischen Funktionären und Diplomaten zusammentraf. Guaidó rief sich im Januar 2019 selbst zum "Interimspräsidenten" von Venezuela aus und versucht seither, mit Unterstützung mehrerer Staaten ‒ darunter die USA, mehrere EU-Staaten und rechtsregierte Länder Lateinamerikas ‒ die gewählte Regierung von Präsident Nicolás Maduro zu stürzen.

Großbritannien erkannte Guaidó Anfang Februar 2019 als "verfassungsmäßigen Interimspräsidenten" Venezuelas an, akkreditierte eine von ihm entsandte "Botschafterin" und sprach sich fortan für einen Sturz der Regierung Maduro aus. Die Existenz einer eigenen Einheit im Außenministerium, die darüber hinaus Pläne für einen "Wiederaufbau" des südamerikanischen Landes schmiedete, war jedoch bisher nicht bekannt.

"The Canary" enthüllte gleichzeitig auch eine Reihe von Korrespondenzen zwischen Guaidós "Botschafterin" in Großbritannien, Vanessa Neumann, und Vertretern des Außenministeriums. In einer Nachricht vom 30. Mai 2019 bat Neumann um ein Treffen mit Entwicklungshilfeminister Rory Stewart und stellte "Unterstützung für britische Geschäfte beim Wiederaufbau Venezuelas" in Aussicht. Bereits im Juli 2019 drängte sie zudem "so schnell wie möglich" auf ein Treffen mit Außenminister Raab.

Schon am 9. Mai hatte die Guaidó-Vertreterin kurz vor einem Auftritt beim Fernsehsender BBC den Amerika-Beauftragten im Außenministerium, Hugo Shorter, um öffentliche Unterstützung nach der Festnahme von Guaidós "Stellvertreter", Edgar Zambrano, in Venezuela gebeten. Kurz darauf erhielt sie die schriftliche Bestätigung: "Der Außenminister hat soeben einen Tweet zur Unterstützung von Edgar Zambrano abgesetzt."

Der Chef der Lateinamerika-Abteilung im britischen Außenministerium, Nigel Baker, versicherte Neumann in einer weiteren E-Mail die "Unterstützung für Juan Guaidó". Dies geschah ein paar Wochen nachdem Guaidó zusammen mit einigen desertierten Soldaten einen militärischen Putschversuch in Caracas gestartet hatte, der allerdings kläglich scheiterte.

Neumann war im vergangenen September zudem in die Schlagzeilen geraten, nachdem ein mitgeschnittenes Telefongespräch zwischen ihr und Guaidós Beauftragtem für internationale Angelegenheiten, Manuel Avedaño, veröffentlicht worden war. Darin empfiehlt sie, die venezolanische Forderung nach Rückgabe des Gebiets Esequibo vom Nachbarstaat Guyana aufzugeben, um im Gegenzug eine entschiedenere Unterstützung Großbritanniens für einen Regierungswechsel in Venezuela zu erhalten. Die rund 160.000 Quadratkilometer große Region Esequibo liegt im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Guyana und wurde 1899 nach einem umstrittenen Schiedsgerichtsurteil dem britischen Kolonialreich einverleibt. 1966 wurde das Urteil durch das "Genfer Abkommen", das von allen beteiligten Parteien unterzeichnet wurde, annulliert. Aufgrund unterschiedlicher Auslegungen des Abkommens kam es bisher aber nicht zur Rückgabe des Gebiets an Venezuela, obwohl dies eine konstante Forderung der venezolanischen Diplomatie ist.

Der Konflikt um Esequibo hat sich in den letzten Jahren erneut zugespitzt, nachdem die Regierung Guyanas dem US-Ölkonzern Exxon Mobil eine Genehmigung zur Ausbeutung von Erdölvorkommen in dem Gebiet erteilte, das nach wie vor von Venezuela beansprucht wird. Exxon hatte 2016 die Entdeckung "signifikanter" Erdölvorkommen vor den Küsten Guyanas bekannt gegeben. Die von Neumann auf Druck der britischen Regierung angeregte Aufgabe dieser Position durch Guaidó führte zu Anschuldigungen durch Venezuelas Generalstaatsanwaltschaft. Sie bezichtigte Guaidó, Avedaño und Neumann im Namen einer "nicht existierenden Regierung" eine "illegale Verhandlung" über Venezuelas Souveränität zu führen.

Die neuen Enthüllungen von "The Canary" wurden auch auf diplomatischer Ebene aufgenommen. Venezuelas Vertreter bei den Vereinten Nationen, Samuel Moncada, verurteilte am Mittwoch die Komplizenschaft Großbritanniens bei den Operationen gegen sein Land. "Die britische Regierung versucht, sich Vorteile für ihre Geschäfte zu verschaffen für den Fall, dass Trump sein Kolonialregime in Venezuela durchsetzt", schrieb Moncada über den Kurznachrichtendienst Twitter. Er wies zudem erneut darauf hin, dass Großbritannien auch venezolanische Goldreserven bei der Bank of England im Wert von rund 1,2 Milliarden britischen Pfund blockiert und an Guaidó übergeben hat.

Zudem bestellte Venezuela den Geschäftsträger der britischen Botschaft in Caracas, Duncan Hill, ins Außenministerium ein, wo er sich gegenüber Außenminister Jorge Arreaza erklären musste.

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