Solidarität gegen kommende Hungersnot in Guatemala

Vor allem Kinder gefährdet. Viel selbstorganisierte Hilfe in der Bevölkerung. Dennoch breitet sich Hungerkrise aus. Planungsunsicherheit durch schnell wechselnde Anordnungen der Regierung

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Die olla comuitaria in Quetzaltenango verteilt Essen an Bedürftige
Die olla comuitaria in Quetzaltenango verteilt Essen an Bedürftige

Guatemala-Stadt. Die Regierung von Guatemala hat nach nur drei Tagen eine erneut verhängte Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie teilweise wieder aufgehoben. Unterdessen warnt Unicef vor einer weiteren Verschlimmerung der Lage für Kinder unter fünf Jahren.

Am vergangenen Donnerstag hatte Präsident Alejandro Giammattei eine Ausgangssperre für das Wochenende und Einschränkungen für die darauffolgende Woche verkündet. Nur kleine Läden in den Armenvierteln (tiendas de barrios), vergleichbar mit Kiosken, durften für drei Stunden öffnen. Aufgrund der kurzfristigen Ankündigung bildeten sich am Freitag lange Schlangen vor den Kiosken.

Nachdem erst kurz zuvor die Maßnahmen gelockert wurden und ein Großteil der Menschen wieder ihrer Arbeit nachgehen konnte, holten die neuen Verordnungen die Menschen wieder zurück in die Corona-Realität.

Am Sonntagabend änderte Giammattei seine Anordnungen wiederum. Märkte und Supermärkte dürfen diese Woche Montag bis Freitag zwischen 6 Uhr morgens und 16 Uhr geöffnet werden. Am Wochenende gibt es eine ganztägige Ausgangssperre.

Dieses Hin und Her der Regierung erschwert eine Planung in der Krisensituation. Auch Selbsthilfeinitiativen wie etwa die ollas comunitarias, die "Küchen für alle", müssen sich darauf einstellen, kurzfristig ihr Hilfsprogramm umzustellen.

Die sich anbahnende Hungersnot wird von Zahlen des Zentralamerikanischen Institut für Finanzstudien gestützt. Laut einer Studie von 2019 lag die Zahl der chronisch unterernährten Kinder 2014/15 bei 46,5 Prozent, davon litten 16,6 Prozent unter schwerer Unterernährung. Oxfam ermittelte 2019 in ihrem Report über sieben Gemeinden in Chiquimula und Baja Verapaz eine chronische Unterernährung von 67,8 Prozent bei Kindern unter fünf Jahren. Guatemala liegt mit dieser hohen Zahl im weltweiten Vergleich auf Platz 6 und in Lateinamerika auf Platz 1.

Wenn man die Zahlen ethnisch aufteilt, leiden durchschnittlich 61,2 Prozent der Kinder Indigener an Unterernährung. Hier zeigt sich die im Durchschnitt schlechtere ökonomische Stellung der indígenen Bevölkerung. Auch liegt der Anteil in ländlichen Gebieten weit höher als in städtischen: 53 Prozent auf dem Land im Gegensatz zu 34,6 Prozent in der Stadt sind unterernährt. Dazu gibt es eine Kindersterblichkeit von 34 Prozent, die u. a. durch Mangelernährung ausgelöst wird.

Die Coronakrise verschärft diese Situation weiter. Im ganzen Land werden weiße Fahnen aus dem Haus gehängt oder hungernde Menschen stehen an der Straße und zeigen damit ihre Not an. Ein Teil des Problems liegt an der ökonomischen Struktur und der hohen Anzahl im informellen Sektor arbeitender Menschen. Wer täglich um das notwendige Geld für den Tag arbeiten muss, kann keine Rücklagen bilden.

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Weiße Fahnen als Zeichen des Hungers
Weiße Fahnen als Zeichen des Hungers

Im Warnsystem für Hungersnöte von FEWS NET ist ein Korridor von der mexikanischen bis zur honduranischen Grenze bereits seit April als Krisengebiet eingestuft worden.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) warnte nun vor einer weiteren Verschlimmerung der Lage für Kinder unter fünf Jahren. Es errechnete drei Szenarien, wie die Todeszahlen von Kindern durch die Belastung des Gesundheitssystems durch Covid-19 weiter steigen könne. Die Zahlen reichen von 798 bis 3.782 mehr toten Kindern und 58 bis 309 toten Müttern.

Hilfe vom Staat kommt nur schleppend voran. Die Armee wurde angewiesen, Lebensmittelpakete zu verteilen, von denen etwa eine Million Menschen profitieren sollen. Ob es eine einmalige Aktion ist oder ob regelmäßige Hilfen folgen, bleibt abzuwarten. Ebenso, ob die Hilfspakete den Bedürftigen wirklich zugutekommen.

Inzwischen entstehen überall Komitees, die mit den ollas comunitarias jeden Tag Essen an zentralen Punkten in den Städten verteilen, so in Guatemala Stadt, Quetzaltenango, Antigua, Santiago, Atitlan, Santa Cruz del Quiché und San Juan Chamelco. Die "Küche für alle" in Quetzaltenango geht in die dritte Woche und verteilte schon in der ersten Woche knapp 1.500 Essen an Bedürftige.

Diese Initiativen entstehen aus der Gesellschaft heraus, gesponsert werden sie durch Fundraising-Kampagnen und Lebensmittelspenden. Viele Ehrenamtliche arbeiten jeden Tag mehrere Stunden, um das Essen zuzubereiten und zu verteilen. Freitags bereiten sie Lebensmittelpakete für das Wochenende vor, da von der Ausgangssperre auch die olla comunitaria und andere Hilfsorganisationen betroffen sind. Viele weitere Beispiele zeigen darüber hinaus eine neu entstehende Solidarität zwischen Menschen verschiedener Klassen. Diese ist notwendig, da es nur eine Frage der Zeit ist, wann sich die Situation weiter zuspitzt und die Verzweiflung und der Hunger überhandnehmen.

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