Guatemala / Soziales

Die medizinische Situation in Guatemala in der Corona-Pandemie

Die Pandemie trifft im Fall Guatemala auf ein Land, das strukturell nicht darauf vorbereitet ist, eine medizinische Notlage adäquat zu handhaben

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Auf Anordnung von Guatemalas Präsident ist das Tragen von Mundschutz ab dem 13. April Pflicht
Auf Anordnung von Guatemalas Präsident ist das Tragen von Mundschutz ab dem 13. April Pflicht

Guatemala, "das Land des ewigen Frühlings", ist auch einer der von der Corona-Pandemie betroffenen Staaten. Langsam aber stetig erhöht sich die offizielle Zahl der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen. Bis heute (11. April) sind 130 Menschen infiziert, davon gelten 19 als geheilt und drei sind verstorben.

Erst am 13. März trat der erste offiziell gemeldete Fall auf. Seitdem hat sich einiges getan. Von einer Ausgangssperre zwischen 16 und 4 Uhr morgens, über die Schließung aller Schulen, Universitäten und anderer Bildungseinrichtungen bis dahin, dass gut die Hälfte der Bevölkerung in den Städten Mundschutz trägt1.

Das Virus ist bereits in vielen Departamentos nachgewiesen worden, besonders im Hochland und an der Pazifikküste sowie in der Hauptstadt. Dabei muss man allerdings beachten, dass keine umfassenden Tests durchgeführt werden. Bis 20. März wurden gerade einmal bis zu 450 durchgeführt und dabei 12 positiv , bei einer Kapazität von 10 bis 12 Tests pro Tag. Dem Gesundheitsministerium (MSPAS) standen vor drei Wochen aber auch nur 2.500 Tests zur Verfügung. Seit dem 5. April hat Guatemala 44.000 Corona-Testkits und ganze 56 Beatmungsgeräte. Derzeit können 200 Proben pro Tag analysiert werden.

Nun wird die Diskussion um die Verwendung der Tests geführt. Die Vorschläge reichen von "flächendeckend" bis zu der Idee, nur das medizinische Personal zu testen. Auf eine Bevölkerung von etwas mehr als 16 Millionen Einwohnern ist aber auch die erhöhte Testkapazität erschreckend gering. Es wird sich damit leider weiter zeigen, dass das Virus eben doch einen Unterschied macht zwischen Personen und Staaten mit finanziellen Möglichkeiten und solchen ohne.

In ganz Lateinamerika bewegt sich der Preis eines Coronavirus-Tests zwischen 30 und 120 US-Dollar, abhängig vom jeweiligen Land und ob er privat oder in einem staatlichen Labor durchgeführt wird. Dieser Preis macht es für viele Staaten der Region unmöglich, massenhaft auf Corona zu testen, weshalb unter anderem das Zentralamerikanische Integrationssystem (SICA)an seine Mitgliedsstaaten Tests spendet.

Die Corona-Pandemie trifft im Fall Guatemala auf ein Land, das strukturell nicht darauf vorbereitet ist, eine medizinische Notlage adäquat zu handhaben. Im Durchschnitt kommen auf einen Arzt 2.500 Einwohner. In Huehuetenango gibt es nur einen Arzt für 5.000 Menschen, in Chimaltenango sogar nur einen für 10.000. Im Vergleich: in Deutschland kommen auf einen Arzt im Durchschnitt 211 Einwohner. In Brandenburg, in der über eine mögliche Unterversorgung diskutiert wird, liegt die Arztdichte bei 249 Einwohnern pro Arzt.

Dazu kommt, dass das Gesundheitssystem Guatemalas dreimal weniger medizinisches Personal (wie etwa Pflegekräfte) hat als vergleichbare andere Ländern wie Belize oder Bolivien. Ebenfalls gab es seit den 1970er Jahren keine Erweiterung der medizinischen Infrastruktur. Sie ist auf die Bevölkerung von 6,5 Milionen Einwohnern ausgelegt, heute sind es aber, wie erwähnt, etwas über 16 Millionen. Das spricht ebenfalls für eine massive Unterversorgung der Bevölkerung. Szenarien wie man sie aktuell in Guayaquil, Ecuador, sehen kann (amerika21 berichtete), scheinen daher nur eine Frage der Zeit zu sein.

Dabei gilt es zu beachten, dass zur gewachsenen Bevölkerung noch das Stadt-Land-Gefälle hinzukommt. Ländliche Gegenden besitzen im Vergleich zu den urbanen weniger medizinische Infrastruktur und sind noch stärker finanziell benachteiligt. So zum Beispiel Sololá und Totonicapán: In beiden Departamentos werden nur 24 Quetzal (rund 3 Euro) pro Person pro Quartal in das Gesundheitswesen investiert2, was im Vergleich mit dem Departamento Guatemala 6-mal weniger und mit Izabal 10-mal weniger ist. Zudem sind beide Departamentos mit am stärksten von Unterernährung und Armut betroffen. Dies kann die Menschen in ihrer Genesung schwächen.

Wichtig zur Eindämmung des Virus sei das häufige Händewaschen und das Abstandhalten.

Ein paar Fakten, die diese Strategie konterkarieren: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu fließend Wasser im Haus. Nur 59 Prozent der Guatemalteken besitzen dieses Privileg. 44 Prozent der Bevölkerung leben in Häusern mit nur einem Schlafzimmer. 45 Prozent haben keine an die Kanalisation angeschlossene Toilette. 11 Prozent teilen ihre Toilette mit anderen Familien. Diese Zahlen sprechen gegen eine häusliche Quarantäne, nur Personen der Mittel- oder Oberschicht können sich dieses Privileg der „sozialen Isolierung“ überhaupt erlauben.

Dazu kommt noch der große Anteil an Menschen, die im informellen Sektor arbeiten und daher wenig bis keine Möglichkeit haben, zu Hause zu bleiben. Denn für diese Gruppe, die in Guatemala an die 70 Prozent der erwerbstätigen Personen ausmacht, bedeutet keine Arbeit auch kein Geld für Essen, Wohnen etc.

Neben der erwähnten geringen finanziellen Zuwendung in Sololá und Totonicapán gilt das Gesundheitssystem in ganz Guatemala als unterfinanziert und wird nur zum Teil vom Staat getragen. Insgesamt gibt das Land nur 2,4 Prozent des BIP für das Gesundheitssystem aus3. 52,2 Prozent der Kosten für das Gesundheitssystem werden privat bezahlt, zum Beispiel durch die Zuzahlung zu Medikamenten, notwendigem Equipment wie Rollstühle etc. oder für medizinische Leistungen, die nicht mehr in öffentlichen Krankenhäusern angeboten werden4.

Die zwei größten Krankenhäuser, Hospital Roosevelt und Hospital San Juan de Dios, erhalten 44 Prozent der öffentlichen Mittel, die übrigen 42 Krankenhäuser die andere Hälfte der Mittel des Gesundheitsministeriums. Beide Kliniken befinden sich in der Hauptstadt, dem am dichtesten besiedelten Ort des Landes, wodurch sich eine stärkere Finanzierung erklären lässt. In der Metropolregion Guatemala-Stadt leben ungefähr 5 Millionen Menschen, also fast ein Drittel aller Guatemalteken. Die IGSS (Instituto Guatemalteco de Seguridad Social) deckt nur 13 Prozent der Bevölkerung ab, das entspricht etwa 2 Millionen Personen.

Die Unterfinanzierung der 44 Krankenhäuser im ganzen Land, die veraltete Infrastruktur, die auf die Hälfte der Bevölkerung ausgelegt ist, lässt Schlimmstes erwarten. Sollten Guatemalteken gezwungen sein, private Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu müssen, dann laufen viele Gefahr, ihr Budget, das kaum für Essen, Bildung und Wohnen reicht, für ihre Gesundheit ausgeben zu müssen. Das in einem Land, in dem etwa nach Information der Weltbank 15 Prozent unterernährt sind und das einen Welthungerindex (WHI) von 20,6 aufweist und damit auf Platz 72 von 117 aufgeführten Staaten steht.

Die aufgeführten Zustände in Guatemala zeigen, dass die ankommende Welle an Infektionen mit dem neuen Erreger SARS-CoV-2 schwer zu kontrollieren ist und zu einem Desaster führen kann.

  • 1. Auf Anweisung von Präsident Alejandro Giammattei ist das Tragen von Mundschutz ab dem 13. April Pflicht
  • 2. MSPAS: "Financiamiento y gasto en salud. Guatemala periodo 2016–2017"
  • 3. MSPAS: "Análisis del financiamiento de la salud en Guatemala, periodo 1995 - 2014", Guatemala September 2015
  • 4. MSPAS: "Financiamiento y gasto en salud. Guatemala periodo 2016–2017"
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