Corona-Pandemie: Lage in Lateinamerika immer dramatischer

Laut WHO Region nun weltweites Epizentrum. Situation in Brasilien eskaliert. Auch Chile steuert auf Katastrophe zu. Proteste in Ecuador

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Wie hier in Chile muss in Lateinamerika noch sehr viel getan werden, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen
Wie hier in Chile muss in Lateinamerika noch sehr viel getan werden, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen

Brasilía et alt. Während in vielen europäischen Ländern die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus deutlich abgenommen hat, steigt sie in den meisten lateinamerikanischen Ländern noch immer besorgniserregend stark an. In Brasilien kamen zuletzt täglich rund 20.000 nachgewiesene Infektionen und 1.000 Tote hinzu (insgesamt nun etwa 390.000 Infektionen und 25.000 Tote). Auch in Peru (129.751 Infektionen, 3.788 Tote) und Mexiko (74.560 Infektionen, 8.137 Tote) flacht die Kurve weiterhin nicht ab. In Chile (77.961 Infektionen, 806 Tote) kommt das Gesundheitssystem immer weiter an seine Grenzen. Gestern kamen rund 4.000 neue Fälle hinzu, der bisher höchste Zuwachs an einem Tag. Lateinamerika sei nun "ohne Zweifel" das Epizentrum der Pandemie, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am gestrigen Dienstag. Hier ein Überblick über einzelne Entwicklungen der vergangenen Tage:

Vor der ungebremsten Entwicklung in Brasilien scheint auch die US-Regierung langsam Respekt zu bekommen: Ab diesem Mittwoch dürfen keine Flugzeuge aus dem südamerikanischen Land mehr in den USA landen und keine Personen mehr in die USA einreisen, die in den vorherigen 14 Tagen dort waren. Brasilien hatte am Montag erstmals mehr Todesfälle pro Tag als die USA zu vermelden (807 zu 620). Am stärksten betroffen von der Ausbreitung des Virus sind die indigenen Gemeinschaften. Bei ihnen ist laut der Vereinigung Stimme der indigenen Völker Brasiliens (APIB) die Mortalität doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Bei 980 offiziell bestätigten Fällen und 125 Toten in Folge einer SARS-Cov-2-Infektion liegt die Sterberate dort bei 12,8 Prozent. Im Rest des Landes beträgt sie rund 6,2 Prozent (zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei etwa 4,6 Prozent). Präsident Jair Bolsonaro setzt ungeachtet der ungezügelten Ausbreitung des Coronavirus seine Bäder in der Menge von Anhängern jedoch weiter fort. Am Sonntag hatte es erneut mehrere Demonstrationen gegeben, die sich gegen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen richteten.

Auch wenn die offizielle Mortalitätsrate in Ecuador ähnlich ist, müssen die Berichte der letzten Monate aus Guayaquil anderes befürchten lassen. Eine Analyse der New York Times hatte vor einigen Wochen ergeben, dass die Todesrate in Ecuador 15-mal höher liegen dürfte, als die offiziellen Zahlen besagen. Zwischen 1. März und 15. April sollen im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre 7.600 mehr Menschen gestorben sein. Noch immer suchen in Guayaquil Angehörige ihre verstorbenen Verwandten. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von Kühlcontainern, in denen noch über 130 nicht identifizierte Leichen aufbewahrt werden. Offiziell gab es in Ecuador bis gestern "nur" 3.203 Tote bei 37.355 bestätigten Infektionen.

Trotz der momentan extrem angespannten sozialen Lage verschärfte die Regierung ein weiteres Mal ihre Sparmaßnahmen. Darum und wegen der offensichtlich nach Meinung vieler Bürger verfehlten Corona-Krisenpolitik war es in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder zu heftigen Protesten gegen die Regierung von Präsident Lenín Moreno gekommen. Human Rights Watch kritisierte die dabei von der Polizei ausgeübte Gewalt gegen Demonstrierende nun scharf. Innenministerin María Paula Romo verteidigte das Vorgehen und kritisierte ihrerseits, dass in Zeiten der Pandemie überhaupt protestiert würde. Trotz nach wie vor kritischer Bedingungen will die Regierung ab 1. Juni bereits wieder kommerzielle Flüge erlauben.

Da Corona-bedingt in den letzten zwei Monaten in Lateinamerika kaum mehr Flüge stattgefunden haben, meldete nun die chilenische Airline Latam in den USA Konkurs an. Zwar sollen die Flüge nicht umgehend eingestellt werden, aber die Auswirkungen auf die bisher rund 70 Millionen Passagiere pro Jahr und die 70 Flugzeuge der Airline dürften auf dem Kontinent bald zu spüren sein. Vor rund zwei Wochen erst hatte die kolumbianische Airline Avianca Konkurs angemeldet.

Auch Chile kommt nach Aussage von Präsident Sebastián Piñera dem Kollaps des Gesundheitssystems immer näher. Es sei "sehr beansprucht, sehr herausgefordert und sehr gestresst". Das Krankenhaus El Carmen in Maipú nahe der Hauptstadt Santiago hat den Kollaps bereits erreicht: Seit Montag müssen die Ärzte dort entscheiden, welchen Patienten sie aufgrund des Mangels an Beatmungsgeräten eine Behandlung noch ermöglichen können und welchen nicht. Die Situation dort sei mittlerweile "dramatisch", erklärte eine Ärztin gegenüber der Zeitung El Mostrador. Der chilenische Gesundheitsminister Jaime Mañalich musste gestern eingestehen, dass sich das Coronavirus weitaus schlimmer ausgebreitet habe als angenommen. Auch die Minister für Infrastruktur und Energie (Alfredo Moreno und Juan Carlos Jobet) haben sich mittlerweile infiziert.

El Salvador hat indes eine Vielzahl von Covid-19-Erkankungen in Gefängnissen zu vermelden. Mindestens 36 Insassen aus zwei Einrichtungen wurden positiv getestet.

Um eine gemeinsame Strategie für den Umgang mit der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf Lateinamerika zu entwickeln, treffen sich an diesem Donnerstag in einer virtuellen Konferenz Abgeordnete aus Mexiko, Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Ecuador, Uruguay, Panama, Costa Rica und Kuba. Initiiert wurde das Treffen von der Parlamentspräsidentin aus Mexiko, Laura Rojas, und ihrem Amtskollegen aus Argentinien, Sergio Massa.

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