29 Millionen mehr Arme in Lateinamerika infolge der Corona-Krise erwartet

Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik legt neuen Bericht vor. Plädoyer für mehr Integration

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Die Cepal prognostiziert 29 Millionen mehr Arme in Lateinamerika durch die von der Covid-19-Pandemie ausgelöste Krise
Die Cepal prognostiziert 29 Millionen mehr Arme in Lateinamerika durch die von der Covid-19-Pandemie ausgelöste Krise

Santiago. In diesem Jahr könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Lateinamerikas durch die von der Covid-19-Pandemie ausgelöste Krise um 5,3 Prozent zurückgehen. Dies geht aus einem Bericht der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) hervor. Die Armutsrate wird demnach um 4,4 Prozentpunkte und die Zahl der Armen von 186 Millionen im Jahr 2019 auf 214,7 Millionen ansteigen.

"Die Auswirkungen von Covid-19 werden die größte Rezession hervorrufen, die die Region seit 1914 und 1930 erlebt hat. Es wird ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet, mit schwerwiegenden Folgen für Armut und Ungleichheit", sagte Alicia Bárcena, Cepal-Exekutivsekretärin, bei der Vorstellung des Berichts "Die Bewertung der Auswirkungen von Covid-19 und Überlegungen zur Reaktivierung".

Bárcena bekräftigte, dass die Region dringend Zugang zu finanziellen Ressourcen benötigt. Dafür sei eine "flexible Unterstützung" seitens multilateraler Finanzorganisationen wichtig, verbunden mit kostengünstigen Kreditlinien, Schuldendiensterleichterungen und möglichem Schuldenerlass.

Lateinamerika müsse, um Einfluss auf "die neue globale Wirtschaft in der Ära nach Covid-19" zu nehmen, eine stärkere regionale Integration in der Produktion, beim Handel, der Technologie und im Sozialen erreichen. "Die Koordinierung unserer Länder in makroökonomischen und produktiven Fragen ist entscheidend, um die Bedingungen der neuen Normalität auszuhandeln. Dies ist dringend angesichts der gegenwärtigen Krise und auf mittlere Sicht. Es geht um die Finanzierung eines neuen Entwicklungsstils mit Gleichberechtigung und ökologischer Nachhaltigkeit", betonte sie. Ein integrierter Markt mit 650 Millionen Menschen könne zudem "eine wichtige Versicherung gegen Angebots- oder Nachfrageschocks sein, die außerhalb der Region entstehen".

Südamerika werde mit einem Rückgang des BIP um 5,2 Prozent am stärksten betroffen sein, während es für Zentralamerika etwa 2,3 Prozent sein werden, prognostiziert Cepal.

Auf die südamerikanischen Länder werde sich der "Rückgang der Aktivitäten in China stark auswirken, das ein wichtiger Markt für ihre Exporte ist". So gingen etwa in Brasilien, Peru und Uruguay bislang mehr als 20 Prozent der Ausfuhren an die Volksrepublik, in Chile mehr als 30.

Zudem entsteht der gesamten Region auch durch den Rückgang der Rohstoffpreise erheblicher wirtschaftlicher Schaden.

Das am stärksten betroffene Land werde Venezuela mit einem Rückgang des BIP um 18 Prozent sein. Für Argentinien und Ecuador sieht die Cepal eine Schrumpfung um 6,5 Prozent voraus, für Paraguay dagegen nur um 1,5 Prozent.

In Brasilien werden es geschätzt 5,2, in Mexiko 6,5 Prozent sein. Beide Länder sind stark von der Unterbrechung der Wertschöpfungsketten betroffen, da sich dort die größten Fertigungssektoren in der Region befinden.

Was die zentralamerikanischen Länder angeht, weist der Bericht darauf hin, dass "der Rückgang des Tourismus und die Verringerung der Aktivitäten der USA, dem wichtigsten Handelspartner sowie der größten Quelle ausländischer Direktinvestitionen und Rücküberweisungen in diese Länder, sehr negative Auswirkungen haben werden“.

Für die karibischen Volkswirtschaften werde sich vor allem der Rückgang in der Nachfrage nach Tourismusdienstleistungen bemerkbar machen.

Die Cepal schätzt, dass die Arbeitslosenquote in der Region bei etwa 11,5 Prozent liegen wird, was einem Anstieg von 3,4 Prozentpunkten gegenüber 2019 (8,1) entspräche. Die Zahl der Arbeitslosen in der Region werde 37,7 Millionen erreichen, das sind 11,6 Millionen mehr als 2019 (26,1 Millionen).

Hierbei werden die Länder der Karibik am stärksten betroffen sein, da mehr als 50 Prozent der Beschäftigten im Tourismussektor tätig sind.

Laut dem UN-Bericht wird die Armutsquote in Lateinamerika und der Karibik im Jahr 2020 um 4,4 Prozentpunkte von 30,3 auf 34,7 Prozent und damit die Zahl der Armen von 186 Millionen im Jahr 2019 auf 214,7 Millionen ansteigen ‒ also um fast 29 Millionen Menschen. Die extreme Armut wird um 2,5 Prozentpunkte von 11 auf 13,5 Prozent zunehmen, was 16 Millionen Menschen mehr entspricht.

Vor diesem Hintergrund wies Bárcena darauf hin, dass die von den Ländern im Zusammenhang der Corona-Krise getroffenen Maßnahmen im wirtschaftlichen Bereich "durch eine Erweiterung des fiskalischen Spielraums verstärkt werden müssen".

Es sei zudem notwendig, das Integrationsmodell der Region und die Alternativen für eine Reaktivierung angesichts der strukturellen Veränderungen, die in der Globalisierung und der Welt nach Covid-19 eintreten werden, neu zu überdenken, fügte die Cepal-Exekutivsekretärin hinzu.

Mitte April hatte der Internationale Währungsfonds für Lateinamerika einen Rückgang des BIP um 5,2 vorausgesagt, was nahezu der Prognose der Cepal entspricht.

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