Corona-Pandemie verschärft Krise in Gefängnissen in Lateinamerika

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CIDH-Mitarbeiterin bei einem Besuch in einem Gefängnis in Lateinamerika
CIDH-Mitarbeiterin bei einem Besuch in einem Gefängnis in Lateinamerika

San José u.a. In den Gefängnissen Lateinamerikas spitzt sich die Gefahr für Inhaftierte angesichts der pandemischen Verbreitung des neuartigen Corona-Virus Sars-CoV-2 immer weiter zu. Betroffen ist nun auch Zentralamerika, wo es fast tausend infizierte Häftlinge gibt. Der Peak steht allerdings noch aus, so Beobachter, denn die meisten Gefängnisse in der Region sind maßlos überfüllt und Distanz ist unmöglich.

Lateinamerikanische Staaten haben Gefängnisbesuche ausgesetzt oder eingeschränkt. Die Überbelegung bewegt sich zwischen 30 Prozent im Falle Costa Ricas, dem einzigen Land ohne Covid-19 in Gefängnissen, und über 200 Prozent in Honduras.

Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (Comisión Interamericana de Derechos Humanos, CIDH) fordert eine Reformierung der Justizsysteme, denn eine der Ursachen für die Überbelegung sei die übermäßige Anwendung von Untersuchungshaft. Zudem sollten konkrete Möglichkeiten auf Hafterleichterung geprüft werden, so die CIDH-Vorsitzende Arosemena de Troitiño, unter anderem Hausarrest oder Fußfesseln. Das Drama in den Gefängnissen ist kein kurzfristiges Thema, sondern ein systemisches Problem, das durch die Pandemie noch verschärft wurde.

Besonders stark betroffen ist Kolumbien, wo in einigen Justizvollzugsanstalten über die Hälfte der Insassen infiziert ist. Das Gefängnis in Villavicencio ist mit 867 Infizierten von 1.654 Häftlingen eines der Hauptzentren der Pandemie im Land. Die Infizierten sollen laut Behörden besser versorgt und es soll aktiv nach Neu-Ansteckungen gesucht werden. So sollen die nicht Betroffenen innerhalb des Gefängnisses geschützt werden. Es gibt nur vier Ärzte für alle Gefangenen. In Cartagena sind 241 Infizierte gemeldet. Dort wurden laut Gesundheitsamt 798 Tests durchgeführt, Infizierte werden isoliert und Risikogruppen identifiziert. Händewaschen und Mundschutz sind vorgeschrieben.

In Bezug auf Zentralamerika kritisiert die CIDH-Vorsitzende, dass "die Strukturen der Gefängnisse selbst nicht die minimalen sanitären Maßnahmen erlauben". Die Kommission bewertet die Situation der Gefängnisse besonders in Panama als "kritisch", die Insassen seien von der Atemwegserkrankung Covid-19, die durch den Corona-Virus ausgelöst wird, "unverhältnismäßig stark betroffen". Zurzeit werden Massentests durchgeführt. Offiziellen Angaben zufolge gibt es in Zentralamerika mehr als 25.290 Infektionen und mindestens 680 Todesfälle durch Covid-19, Panama ist mit 320 Todesfällen und 12.131 bestätigten Fällen das am stärksten betroffene Land.

Laut Behörden sind in El Salvador 142 Insassen in vier der 25 Gefängnisse infiziert sowie mindestens vier Wärter. Unter den Erkrankten befinden sich 33 Insassen einer psychiatrischen Abteilung. De Troitiño berichtete von Gefängnissen mit 900 Prozent Überbelegung.

Die honduranischen Behörden haben 30 mit Covid-19 infizierte Häftlinge gemeldet.

In Guatemala gibt es bisher vier Gefangene mit Covid-19, zwei Frauen und zwei Männer, in drei Gefängnissen des Landes. Die Gesamtanzahl beträgt 26.160 Gefangene, von denen 52 Prozent eine Strafe absitzen und 48 Prozent in Untersuchungshaft sind. Laut Behörden sollen infizierte Gefangene in ein Gefängnis in der Hauptstadt verlegt werden.

Aus Nicaragua gibt es keine offiziellen Zahlen über Covid-19-Infektionen in Gefängnissen. Laut Berichten von Angehörigen sollen sich etwa 38 bis 45 Inhaftierte angesteckt haben. Häftlinge haben von vier bis sechs Todesfällen durch die Pandemie berichtet. Einige Gefangene wurden entlassen, weil sie Symptome zeigten.

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