Kolumbien

Nasa-Indigener prangert in Deutschland Anstieg der Gewalt in Kolumbien an

Indigene Bewegung mit neuen bewaffneten Gruppen konfrontiert. "Farc-Dissidenten" agieren wie Paramilitärs. Militär kooperiert mit Mafias

mayor_guillermo_tenorio_in_deutschland.jpg

Der Älteste Nasa-Indigene Guillermo Tenorio in Deutschland
Der Älteste Nasa-Indigene Guillermo Tenorio in Deutschland

Bogotá/Aachen. Der 70-jährige Mitbegründer des Consejo Regional Indígena del Cauca (Cric, Indigener Regionalrat des Cauca), der Älteste Guillermo Tenorio, hat im Gespräch mit amerika21 von der Zunahme der Angriffe und Mordfälle gegen die indigenen Gemeinden im Departamento Cauca berichtet. Dahinter steckten Paramilitärs, selbsternannte Farc-Dissidenten, Drogenhändler und die Streitkräfte. Tenorio selbst ist nach Deutschland geflohen, zwei Monate nachdem vier Personen auf ihn geschossen hatten. Er konnte sich retten. Todesdrohungen seien zuletzt von den Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC, Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens) gekommen, so der Nasa-Indigene.

Cauca gehört zu den Departamentos mit den meisten Mordfällen an Sozialaktiven. Dort lebten 63 der rund 180 im Jahr 2020 ermordeten Aktivistinnen und Aktivisten landesweit, davon etwa 50 Indigene, dokumentiert das Institut für Entwicklung und Frieden Indepaz.

Die Angriffe gegen die afrokolumbianischen und indigenen Gemeinden im Cauca sind nicht neu. Um die Autonomie ihrer selbstverwalteten Gebiete und ihre Landbesetzungen zu verteidigen, hat die Guardia Indígena (unbewaffneter Zivilschutz) Jahrzehnte lang allen bewaffneten Kräften – auch den staatlichen – die Stirn geboten. Seit dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc-EP) und der Demobilisierung der Guerilla haben jedoch die gewaltsamen Attacken durch paramilitärische Drogenmafias zugenommen.

Die Armeen der Mafias haben den indigenen Lokalverwaltungen (Cabildos) im Norden von Cauca (Acin) den Krieg erklärt, weil diese sich gegen den Marihuana- und Kokaanbau in ihren Selbstverwaltungsgebieten (Resguardos) einsetzen, berichtet Tenorio. In seiner Rolle als Ältester habe er bei lokalen Versammlungen indigene Marihuana-Bauern gewarnt: "Unser Territorium ist heilig. Wie kann es sein, dass ihr es mit Marihuana und Koka bedecken wollt." Extrem problematisch sei, erklärte er weiter, dass die Käufer der Ernten Paramilitärs seien.

Nicht nur Todesdrohungen und Pamphlete von den "Schwarzen Adlern" (Águilas Negras), der AGC und dem mexikanischen Sinaloa-Kartell zirkulieren im Cauca seit zwei Jahren. Auch die bewaffneten Gruppen "Dagoberto Ramos", "Jaime Martínez" und "Carlos Patiño", die sich als Farc-Dissidenten präsentieren, sollen wie paramilitärische Drogenarmeen agieren. Laut Tenorio hätten sie am Anfang den Lokalverwaltungen Unterstützung angeboten. Im Gegenzug sollen sie verlangt haben, den Anbau von Marihuana zuzulassen. Er würde die Existenz der Einheimischen sichern, argumentierten sie. Tenorio beschuldigt die Dissidenten, nach der Ablehnung durch die Gemeinden angefangen zu haben, indigene Anführer zu töten.

Nach Aussage der Regierung haben sie Ende 2019 die 30-Jährige Verwaltungschefin von Tacueyó, Cristina Bautista, und fünf Mitglieder des indigenen Zivilschutzes ermordet. Der nationale Koordinator der Guardia Indígena, Luis Alfredo Acosta, ordnete die Tat Personen zu, die "sich Dissidenten oder Paramilitärs" nennen. Während der Covid-19-Pandemie sollen die gleichen Kräfte im Cauca Ausgangssperren verhängt haben. Sie verkündeten, sie würden alle umbringen, die sich nicht daran halten und feiern oder trinken, heißt es in den Informationen, die Tenorio aus den Gemeinden in Kolumbien bekommt. Trotz der massiven Präsenz des Militärs würden sich die selbsternannten Farc-Dissidenten wie auch die "traditionellen" Paramilitärs frei bewegen.

Nach dem Mord an Bautista hatte Präsident Iván Duque 2.500 Soldaten mehr nach Cauca geschickt. Insgesamt seien 10.000 Armeeangehörige dort stationiert. Doch die Militarisierung stärke nur die Paramilitärs, versichert Tenorio: "Sie agieren aus den Militärstützpunkten heraus." Der indigene Zivilschutz habe sie trotz großer Angst aufgespürt. Wenn sie merkten, dass der Zivilschutz sie umzingelt hat, suchten sie Schutz im Militärstützpunkt, schildert der Älteste.

Er berichtet weiter: Zum Beispiel habe der Zivilschutz vor zwei Jahren festgestellt, dass die selbsterklärten Dissidenten der demobilisierten EPL-Guerilla Paramilitärs waren. Die Guardia Indígena habe sie im Militärbataillon Agustín Codazzi ertappt. Es gebe Informationen darüber, dass die Bewaffneten dort Sprengstoff, Waffen, Munition und Geld bekommen hätten. Die einzige Guerilla, die als solche in der Region agiert, sei die ELN. Die Armee habe sich mit den Dissidenten verbündet, um die ELN zu bekämpfen.

Manchmal agierten die Sicherheitskräfte direkt in paramilitärischen Missionen. Vor einigen Monaten versuchten elf mit Langwaffen ausgerüstete Männer in einem kugelsicheren privaten Kleinlaster, den Verwaltungschef des Selbstverwaltungsgebiets Pitayó zu verschleppen, so Tenorio. Die sofortige Reaktion des indigene Zivilschutzes habe die Entführung verhindert. Einer von den Angreifern habe eine Polizeiuniform und der Rest Militäruniformen getragen. Der Wagen sei später vor einer Polizeistation der Nachbargemeinde gesehen worden.

Der Zusammenhalt der indigenen Basisorganisationen im Cauca bleibt stark, schätzt der Älteste der Nasa ein. Sie würden bei den Besetzungen von Ländereien der Großgrundbesitzer durchhalten. Trotzdem befürchtet Tenorio, dass immer mehr junge Indigene von den bewaffneten Mafias rekrutiert werden könnten und die Kraft der indigenen Bewegung darunter leidet. Die Eskalation der Gewalt anhand der neuen paramilitärischen Drogenarmeen benötige allerdings die Stärkung und den Ausbau einer Guardia Indígena, die auch politisch gut vorbereitet sei, sagt der 70-Jährige Indigene.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr