Brasilien / Wirtschaft

Ford-Belegschaften in Brasilien wehren sich gegen Werksschließungen

12.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze werden vernichtet. Konzern nennt als Gründe wirtschaftliche Instabilität und Unsicherheit in der Politik

brasilien_ford-_werk_taubate._schliessung_1-21.jpg

Proteste gegen die Schließung des Ford-Werkes in Taubaté (São Paulo)
Proteste gegen die Schließung des Ford-Werkes in Taubaté (São Paulo)

São Paulo. Mehrere Tausend Ford-Arbeiterinnen und -Arbeiter demonstrieren seit der Bekanntgabe der Werksschließungen vor den Fabriken gegen den Rückzug der Firma aus Brasilien. Die ersten Proteste fanden in Camaçari im Landesinneren von Bahia statt, wo das Unternehmen 1997 eine Niederlassung eingerichtet hatte. Diese war seinerzeit infolge einer Politik steuerlicher Investitionsanreize eröffnet worden.

Der US-Multi und weltweit fünftgrößte Autohersteller Ford Motor Company hatte unlängst seinen Rückzug aus dem Produktionsstandort Brasilien angekündigt. Man verfolge einen globalen Umstrukturierungsprozess, in dessen Rahmen die Produktion in den Werken Camaçari und Taubaté sofort eingestellt werde. Noch einige Monate lang würden Ersatzteile hergestellt, um die Lagerbestände für diesen speziellen Markt zu unterstützen, erklärte der Konzern.

Das Unternehmen will nur sein Entwicklungszentrum für neue Produkte in Bahia, seine Teststrecke in Tatuí bei São Paulo und seinen regionalen Hauptsitz in São Paulo beibehalten. Die Kunden könnten weiterhin mit dem Vertriebsservice, den Ersatzteilangeboten, Reparatur- und Garantiebetrieben rechnen.

Julio Bomfim, Präsident der Metallarbeitergewerkschaft von Bahia, erklärte bei den Protesten vor den Werkstoren: "Die Führungskräfte von Ford haben uns gesagt, dass die Entscheidung des Unternehmens auf die wirtschaftliche Instabilität und die Unsicherheit in der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zurückzuführen sei." Bomfim fügte hinzu, dass Fords Beschluss ein "Verbrechen" gegen 12.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze sei. Er forderte eine Untersuchung der Staatskredite und Steuervergünstigungen, die dem Unternehmen gewährt wurden.

Der Gouverneur von Bahia, Rui Costa, von der Arbeiterpartei PT kritisierte die Regierungen von Michel Temer (2016-2018) und des amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro, die Politik der finanziellen Anreize für Industrieunternehmen im Land aufgegeben zu haben.

"Es gibt keine Planung. Was haben wir in den letzten fünf Jahren getan, um die Investitionen in Technologie und Industrialisierung zu erhöhen? Nichts. Wir sind damit zufrieden, ein riesiges Agrarunternehmen zu werden", sagte Costa.

Ihnen gefällt, was Sie lesen?

Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit, regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen.

Ihr amerika21-Team

Präsident Jair Bolsonaro wies Vorwürfe zurück, er habe das Geschäftsumfeld für Ford verkompliziert: "Vor drei Jahren kündigte Ford an, dass in den USA keine weiteren Personenkraftwagen mehr produziert werden. Heute ziehen sie sich aus Brasilien zurück. In Wahrheit wollten sie unsere Subventionen wie seit vielen Jahren, sie wollten die Subventionen erneuern, um weiterhin Autos zu bauen." Ford erhielt jährlich vier Milliarden US-Dollar an Förderungen aus dem brasilianischen Staatshaushalt.

Mit dem Rückzug aus dem südamerikanischen Land werden für den Konzern außerordentliche Kosten in Höhe von 4,1 Milliarden Dollar kalkuliert. Rund 2,5 Milliarden Dollar für Entlassungen und Entschädigungen, und weitere 1,6 Milliarden Dollar durch die Minderung von Steuergutschriften und Abschreibungen.

Ford gab bekannt, Brasilien zukünftig mit Fahrzeugen zu beliefern, die aus Argentinien, Uruguay und Drittländern kommen. Die in diesen Ländern noch vorhandenen Lagerbestände an Ka-Modellen sowie das Modell Ecosport sollen regional ausverkauft werden. Im Jahr 2020 wurden aus diesen Modellreihen nur noch 10.217 bzw. 7.453 Autos verkauft, weit weniger als in den Vorjahren.

Die Arbeitslosenzahlen schnellen in Brasilien in die Höhe. Waren es unter Dilma Roussef noch rund sieben Prozent, so verdoppelten die Präsidenten Temer und Bolsonaro die Zahl auf 14 Prozent. Die Pandemie wirkte dabei als Beschleuniger, doch auch das von beiden Regierungschefs vehement vertretene neoliberale Wirtschaftskonzept mit seiner verringerten internen Kaufkraft und einer Strategie der De-Industrialisierung wirken sich extrem negativ aus.

Im Westen des Bundesstaates Bahia befindet sich die sogenannte neue Agrargrenze Brasiliens mit einer der höchsten Wachstumsraten des Landes. Hier wird das durch Waldbrände dem Amazonasgebiet abgerungene Land in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr