Aufarbeitung: Verschwundene Arbeiterinnen und Arbeiter unter Diktatur in Argentinien

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Die "Kommission zur Wiederherstellung unserer Identität" forscht jetzt zu den verschwundenen Arbeiterinnen und Arbeiter in der Privatwirtschaft
Die "Kommission zur Wiederherstellung unserer Identität" forscht jetzt zu den verschwundenen Arbeiterinnen und Arbeiter in der Privatwirtschaft

Buenos Aires. Eine ministerielle Kommission in Argentinien erforscht die Schicksale Tausender während der zivil-militärischen Diktatur (1976–1983) verschwundener Arbeiterinnen und Arbeiter. Das entsprechende Gesetz wurde bereits im Dezember des vergangenen Jahres aus Anlass des Tags der Menschenrechte im Senat einstimmig verabschiedet. Mit ihm wurde der Wirkungsbereich der sogenannten "Kommission zur Wiederherstellung unserer Identität" vom öffentlichen auf den privaten Sektor ausgedehnt.

Die Kommission wurde im Jahr 2007 zunächst mit dem Ziel gegründet, die Schicksale von Staatsangestellten innerhalb des Bautenministeriums zu erforschen. 2012 wurde ihr Auftrag auf sämtliche Angestellte im staatlichen und staatsnahen Bereich erweitert. Im Zuge dessen konnten bis heute die Biografien von fast 600 Personen ermittelt und über die Website der Kommission der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nun wird sich die Kommission auch den Tausenden verschwundenen Arbeiterinnen und Arbeitern aus der Privatwirtschaft widmen.

Ziel ist die primär symbolische Wiedergutmachung in Form einer offiziellen Anerkennung als Opfer der Militärdiktatur. In Zusammenarbeit mit dem Nationalen Gedenkarchiv werden die Biografien der Verschwundenen ermittelt und dokumentiert. Die Ergebnisse werden danach den nach wie vor erhaltenen Personalakten der jeweiligen Personen angeschlossen und den Angehörigen im Rahmen eines offiziellen Gedenkakts am jeweiligen Arbeitsplatz der Opfer überreicht.

Die Söhne und Töchter der Verschwundenen haben zudem die Möglichkeit, an den früheren Dienststellen ihrer verschwundenen Mütter oder Väter für sich einen Arbeitsplatz zu erhalten. Dieses Angebot haben im öffentlichen Bereich bereits 30 Angehörige angenommen.

Julián Scabbiolo, der Leiter der Kommission, betonte gegenüber der Tageszeitung Tiempo Argentino, es gehe dabei um die Anerkennung eines speziellen Arbeitsrechts, jenem auf Erinnerung: "Die Personalakte repräsentiert die Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter. Es geht darum, sie als Personen, ihren Kampf und ihren Widerstand in Erinnerung zu rufen und auf diese Weise eine Geschichte sichtbar zu machen, die lange Zeit ausgelöscht und verschwiegen wurde."

Während der zivil-militärischen Diktatur wurden rund 30.000 Personen von Einheiten des Militärs, der Polizei und paramilitärischen Gruppen zum "Verschwinden" gebracht. Gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen und Arbeiter waren neben anderen gesellschaftlichen Gruppen besonders von der Verfolgung betroffen.

In den vergangenen Jahren konnten im Zuge von Gerichtsverfahren und Forschungsprojekten zahlreiche Fälle dokumentiert werden, in denen sowohl transnationale Konzerne wie etwa Ford oder Mercedes-Benz als auch nationale Unternehmen wie der Papierhersteller Ledesma oder das Transportunternehmen Veloz del Norte aktiv an der Ermordung und dem Verschwindenlassen von Personen beteiligt waren.

Zur Untersuchung der Verwicklung privater Unternehmen in Verbrechen gegen die Menschheit wurde 2010 innerhalb des Staatssekretariats für Menschenrechte eine eigene Abteilung eingerichtet. Nachdem diese in der Regierungszeit von Präsident Mauricio Macri (2015–2019) finanziell ausgehungert worden war, wurde sie 2020 unter dem aktuellen Präsidenten Alberto Fernández wieder reaktiviert.

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