Mexiko / Politik

Mexiko wagt zweite Verhaftung des Sohnes von Drogenboss "El Chapo"

Die Operation forderte 29 Tote und 35 Verletzte. Neben Guzmán wurden 21 weitere Personen festgenommen. Zunächst keine Auslieferung an die USA geplant

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5 Millionen Dollar Belohnung : US-Fahndungsplakat für "Die Maus" (El Ratón) Ovidio Guzmán López
5 Millionen Dollar Belohnung : US-Fahndungsplakat für "Die Maus" (El Ratón) Ovidio Guzmán López

Mexiko-Stadt. Drei Jahre nach seiner ersten Festnahme, die nur wenige Stunden anhielt, ist Ovidio Guzmán López in Culiacán erneut verhaftet und in das Gefängnis von Altiplano überführt worden. Der Sohn der Führungsfigur des Sinaloa-Kartells, Joaquín "El Chapo" Guzmán, wurde in Culiacán, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Sinaloa aufgespürt.

Die Operation, so das Verteidigungsministerium, das die Einsatzkräfte stellte, war das Ergebnis einer sechsmonatigen Überwachung. Der Zugriff soll erfolgt sein, als der Gesuchte in einem gepanzerten Autokonvoi des Kartells angehalten wurde.

Die Verhaftung Guzmáns forderte 29 Tote ‒ 19 mutmaßliche Kriminelle, zehn Angehörige der Streitkräfte ‒ und 35 Verletzte. Neben Guzmán wurden 21 weitere Personen festgenommen. Dies gab Verteidigungsminister Luis Cresencio Sandoval während der morgendlichen Pressekonferenz von Präsident Andrés Manuel López Obrador am Freitag bekannt. Bei den 35 durch Schüsse Verletzten handele es sich um Soldaten, die in verschiedenen Krankenhäusern medizinisch versorgt würden. Der Minister betonte, dass es bisher keine Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben hat, obwohl die Mitglieder der kriminellen Organisation mit bewaffneten Angriffen auf verschiedene Ziele sowie mit Straßenblockaden und dem Verbrennen von Autos auf die Festnahme reagiert haben.

López Obrador versicherte, dass die Ordnungskräfte während der Operation zur Verhaftung von Guzmán "verantwortungsvoll gehandelt haben, um die Zivilbevölkerung zu schützen", damit es keine unschuldigen Opfer gebe.

Guzmán wurde an Bord eines Hubschraubers in die Haft überführt, während die Behörden zur Ablenkung ein gepanzertes Fahrzeug auf dem Landweg schickten, das von einem Konvoi des Verteidigungsministeriums und der Nationalgarde begleitet wurde.

Nach der ersten Festnahme im Jahr 2019 ließen die Behörden Guzmán wieder frei, um eine Welle der Gewalt einzudämmen, die die bewaffneten Kräfte des Drogenkartells als Vergeltung entfesselt hatten. Präsident López Obrador ordnete seinerzeit den Abbruch der Operation an, weil er die damit verbundenen Opfer als nicht zu rechtfertigen ansah.

Auch dieses Mal versuchte das Sinaloa-Kartell Druck aufzubauen, um einen ihrer wichtigsten Anführer wieder frei zu bekommen.

Die Angst von jenem 19. Oktober 2019, als Guzmán festgenommen wurde und wieder freigelassen werden musste, kam den Einwohnern am Donnerstag, mehr als drei Jahre später, wieder in Erinnerung. Das Feuer von AK-47-Gewehren, der Rauch brennender Autos in den Straßen wiederholten sich.

Über Radio und Fernsehen wurde die Bevölkerung davor gewarnt, das Haus zu verlassen. Der Schulunterricht wurde ausgesetzt. Buslinien stellten ihre Linien ein und auch andere öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr.

Die Hauptstadt von Sinaloa wurde regelrecht belagert. Brennende Autos, Schießereien, Plünderungen von Geschäften und Supermärkten. Schießereien mit großkalibrigen Waffen sowohl im Stadtgebiet als auch in der ländlichen Region von Culiacán. Die Bundestruppen griffen auch von Flugzeugen und Hubschraubern aus ein.

Blockaden mit brennenden Autos und Anhängern wurden auch in der Nähe der Kaserne der 9. Militärzone und des Militärkomplexes am nördlichen Ausgang der Stadt beobachtet. Stunden nach Beginn der Operation zur Festnahme des Sinaloa-Kartellmitglieds dauerte die Gewalt an. Sie griff auf andere Gemeinden über. Es gab Berichte über einen Aufstand im Aguaruto-Gefängnis.

In der folgenden Nacht waren die Straßen der Hauptstadt wie ausgestorben und mit rauchenden Trümmern gefüllt. Nur Karawanen von PKW und Motorrädern mit Bewaffneten oder Fahrzeuge mit Sicherheitskräften waren unterwegs.

Nach zwölfstündigen Zusammenstößen erklärten die staatlichen Behörden, sie hätten die Situation in Culiacán wieder unter Kontrolle. Zugleich forderten sie aber die Bevölkerung auf, die ganze Nacht über in den Häusern zu bleiben.

Der Gouverneur von Sinaloa, Rubén Rocha Moya, kündigte über die sozialen Netzwerken an, dass alle Behörden ihre Dienste wieder aufnehmen würden.

Die Regierung bezeichnet die Verhaftung von Guzmán als "einen durchschlagenden Erfolg gegen die oberste Führung" des Kartells. Ein leitender General betonte, dass die Aktion "das loyale und institutionelle Engagement der mexikanischen Armee, der Nationalgarde" und weiterer Sicherheitskräfte "für die öffentliche Sicherheit bestätigt". Diese Fragestellung ist eines der größten Themen in Mexiko.

Ovidio Guzmán gilt als einer der wichtigsten Anführer des Sinaloa-Kartells. Auch die US-Regierung will ihn vor Gericht bringen und hatte seit Dezember 2021 eine hohe Belohnung für Informationen ausgesetzt, die zu seiner Verhaftung führen. Seit 2019 ersuchten die USA um seine Auslieferung, weil sie ihn für den Hauptschmuggler des synthetischen Opioids Fentanyl in ihr Land halten. Für das US-Justizministerium ist "Ovidio Guzmán López ein hochrangiges Mitglied des Sinaloa-Kartells" und habe zusammen mit seinen Brüdern Alfredo, Joaquín und Iván die "Kommando- und Kontrollfunktionen" der Organisation inne. Gegen die Brüder laufen in den USA 21 Verfahren wegen Drogenhandels.

Mexikos Außenminister Marcelo Ebrard schloss jedoch aus, dass der Festgenommene sofort an die USA ausgeliefert wird. Das entsprechende Verfahren werde nach dem von den mexikanischen Gesetzen vorgegebenen Zeitrahmen ablaufen. Zudem sei auch in Mexiko ein Gerichtsverfahren gegen Ovidio Guzmán anhängig, fügte Ebrard hinzu.

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