Ecuador: Kann die Regierung die Medikamentenkrise lösen?

Gesundheitsministerin verspricht Beschaffung der fehlenden Medikamente. Medikamentenknappheit ist Ausdruck einer systemischen Krise, warnt die ecuadorianische Ärzt:innenkammer

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Ecuadors Gesundheitswesen hat gravierende Engpässe bei der Versorgung mit Medikamenten. Die medizinische Krise geht jedoch weit darüber hinaus.
Ecuadors Gesundheitswesen hat gravierende Engpässe bei der Versorgung mit Medikamenten. Die medizinische Krise geht jedoch weit darüber hinaus.

Quito. María José Pinto, Vizepräsidentin und Gesundheitsministerin von Ecuador, hat am zweiten Weihnachtsfeiertag versichert, dass bis März 2026 die Engpässe in der Versorgung mit Medikamenten durch Großeinkäufe gelöst werden sollen. Die Regierung hatte bereits im September den Ausnahmezustand für die Beschaffung von Medikamenten ausgerufen, als bekannt wurde, dass viele Krankenhäuser nur ein bis zwei Drittel der nötigen Medikamente vorrätig haben.

Darunter befinden sich auch Mittel wie Insulin oder Morphin, ohne die grundlegende Funktionen der Krankenversorgung nicht erfüllt werden können. Trotz des Ausnahmezustandes ließ sich die Situation jedoch bislang nicht in den Griff bekommen.

Ende November kam es in der Hafenstadt Guayaquil zu einer Demonstration, die sich gegen den Mangel an Insulin richtete. Ungefähr zur selben Zeit warnte die Nationale Beobachtungsstelle für schwerwiegende Krankheiten, dass aufgrund der Engpässe "das Leben Tausender Patienten gefährdet" sei. Wenige Tage später verlängerte die Regierung den Ausnahmezustand.

Pinto zufolge befindet sich der Gesundheitssektor jedoch nicht in einer allgemeinen Krise, auch wenn es "einzelne Krisenbereiche" gebe. Neben den Medikamentenengpässen würden unter anderem mehr Ärzt:innen ihren Abschluss im Land machen als eingestellt werden könnten, während nur 40 Prozent der Auszubildenden in der Krankenpflege ihre Prüfungen bestehen würden. Vor allem aber seien Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft ein Problem. Das Gesundheitswesen sei einer "der korruptesten Bereiche", erklärte die Ministerin in einem Interview.

Auch die ecuadorianische Ärzt:innenkammer benennt Korruption als zentrales Problem. Auf X verlangte der Verband, dass die Krankenhausleitungen in den Händen von "integren, fachkundigen und ethisch handelnden Fachleuten" liegen solle anstelle einer "Verwaltungsmafia", die "von Krankenhaus zu Krankenhaus wechselt, Korruption und Versorgungsengpässe vermehrt und diejenigen verfolgt, die Missstände anprangern".

Im Krankenhaus Teodoro Maldonado Carbo in Guayaquil wurde zum Beispiel fünfmal so viel für Masken und Handschuhe bezahlt, wie sie handelsüblich kosten. Die Klinik General Guasmo Sur, ebenfalls in Guayaquil, kaufte Leichensäcke für über 130 US-Dollar, deren Listenpreis beträgt lediglich zwölf Dollar.

Anders als die Gesundheitsministerin geht die Ärzt:innenkammer jedoch nicht nur von einzelnen Krisenbereichen aus. Santiago Carrasco, Präsident der Kammer, zufolge befindet sich das Gesundheitssystem insgesamt in einer kritischen Lage. Sein Vize, Wilson Tenorio, warnte davor, dass die Krise im öffentlichen Gesundheitswesen "nicht mehr tragbar" sei und forderte eine effizientere und transparente Verwaltung.

In den Spitälern Ecuadors mangelt es selbst an grundlegenden Dingen wie Bettlaken und Lebensmitteln. Mehrere Krankenhäuser haben daher Lebensmittelbanken um Hilfe gebeten. Das Enrique Garcés Krankenhaus in Quito erhielt so im letzten halben Jahr 1,7 Tonnen Gemüse, Fleisch und Reis.

Ein Arzt aus dem Monte Sinai Krankenhaus in Guayaquil, der anonym bleiben wollte, kommentierte gegenüber der Nachrichtenplattorm Primicias: "Die Mitarbeiter:innen bringen Reis, Eier und was sie sonst noch haben, mit und kochen in Schichten. Das Essen wird auch unter den Patienten aufgeteilt. So weit ist es noch nie gekommen".

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Das Budget der Krankenhäuser für Lebensmittel, Sicherheit und Reinigung wurde 2025, verglichen mit 2023, von 115 Mio. US-Dollar auf 37 Mio. US-Dollar gekürzt. Der Gesamtetat des Gesundheitssektors schrumpfte im selben Zeitraum von 3,2 Mrd. US-Dollar auf 2,8 Mrd. US-Dollar.

Häufig scheitert es aber auch an der Verwendung der vorhandenen Mittel. Beim Budget für den Kauf medizinischer Ausrüstung sollen zum Beispiel trotz der Engpässe bis Juli nur sechs Prozent bzw. 16 von 277 Mio. US-Dollar ausgegeben worden sein.

Ein weiterer Mitarbeiter des Monte Sinai Krankenhauses mit dem Pseudonym "Juan" erzählte der BBC: "Wenn jemand zur Operation ins Krankenhaus kommt, muss er alles selbst mitbringen. Es fehlen Spritzen, Kanülen, Nahtmaterial, Beruhigungsmittel, Schmerzmittel".

Ein Symbol der Krise ist das Foto von Yawa Sumpa Puar Alexandra, einer Achuar Indigenen, die den Leichnam ihrer einmonatigen Tochter in einem Karton erhielt. Das Kind war Ende November im Krankenhaus von Macas in der Amazonasregion behandelt worden.

"Wie kann man sie nur so gehen lassen, mit einem toten Baby in einem Karton. Es ist traurig, wie die Ärzte uns behandeln", kommentierte ein Mitglied der Achuar-Gemeinde. Der ecuadorianische Indigenendachverband Conaie kritisierte, der Vorfall spiegele "eine tiefe Krise des Gesundheitssystems wider, von der indigene Gruppen und die einfache Bevölkerung" besonders betroffen seien. Das Gesundheitsministerium kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an.

Die Probleme im medizinischen Sektor gehen über die derzeitige Regierung hinaus. Sie sind ein Ergebnis "jahrelanger unzureichender Finanzierung, Haushaltskürzungen, schlechter Umsetzung und fehlender strategischer Planung", wie GK City schreibt.

Eine kohärente, langfristige Planung wird durch die zahlreichen Wechsel an der Spitze des Gesundheitsministeriums erschwert. Pinto ist bereits die fünfte Gesundheitsministerin innerhalb von 20 Monaten. Im neuen Jahr wird sich zeigen, ob es ihr gelingen wird, die Krise zu lösen.

Für viele Ecuadorianer:innen kommen jegliche Reformen zu spät. Neben den direkten medizinischen Auswirkungen hat die Krise auch deutliche soziale Folgen. Um ihre medizinischen Rechnungen zu begleichen, müssen sich viele Menschen Geld "zu extrem hohen und ausbeuterischen" Zinsen leihen. "Entweder das oder ihr Familienmitglied stirbt. Die Gesundheitskrise breitet sich auf das gesamte soziale Gefüge aus. Sie geht über das Gesundheitswesen hinaus", erklärte "Juan".