Havanna. Angesichts der sich zuspitzenden Energie- und Versorgungskrise in Kuba haben die Vereinten Nationen einen Notfallplan im Umfang von 94,1 Millionen US-Dollar vorgelegt. Ziel sei es, die grundlegenden Dienste für die am stärksten gefährdeten Menschen im Land aufrechtzuerhalten und "Leben zu retten", erklärte Francisco Pichón, UN-Koordinator in Kuba, vor Journalisten.
"Wenn die aktuelle Situation anhält und die Treibstoffreserven des Landes erschöpft sind, befürchten wir eine rasche Verschlechterung mit möglichem Verlust von Menschenleben", sagte Pichón. Die Umsetzbarkeit des Plans hänge jedoch "offensichtlich von Lösungen bei der Treibstoffversorgung" ab.
Die UN befinden sich derzeit in Gesprächen mit der US-Regierung, um Treibstoffimporte für humanitäre Zwecke zu ermöglichen. Pichón erklärte, dass der Aktionsplan zusammen mit einem Modell zur Nachverfolgung des Treibstoffverbrauchs als Instrumente vorgeschlagen würden, "um zu einer Vereinbarung zu gelangen". Es würden "alle Lösungen in Betracht gezogen, einschließlich der Zusammenarbeit mit dem nicht-staatlichen Sektor", so der UN-Koordinator.
Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, bezeichnete die gesundheitliche Lage auf der Insel als "zutiefst besorgniserregend". Gesundheit müsse "um jeden Preis" geschützt werden und dürfe niemals "der Geopolitik, Energieblockaden und Stromausfällen ausgeliefert" sein, schrieb er in sozialen Medien.
Nach Angaben der kubanischen Behörden mussten rund 100.000 chirurgische Eingriffe verschoben werden. Krankenhäuser hätten Schwierigkeiten, Notaufnahmen und Intensivstationen in Betrieb zu halten. Krebspatienten und Schwangere kurz vor der Entbindung seien durch den fehlenden Strom für medizinische Geräte gefährdet. Auch die Kühlkette für Impfstoffe könne nicht mehr zuverlässig aufrechterhalten werden, und Impfprogramme verzögerten sich.
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"Die Krankenhäuser, Kliniken und Krankenwagen Kubas werden jetzt mehr denn je gebraucht und müssen dabei unterstützt werden, ihre lebensrettende Arbeit fortzusetzen", forderte der WHO-Chef.
Die kubanische Bevölkerung leidet unter Stromabschaltungen von teilweise mehr als 20 Stunden am Tag. Seit Herbst 2024 kam es zu sieben landesweiten Blackouts, davon zwei allein in der vergangenen Woche. Ursachen sind der Verfall der Kraftwerke und der akute Treibstoffmangel. Präsident Díaz-Canel hat am 6. Februar Rationierungsmaßnahmen zur Einsparung von Treibstoff angeordnet.
Die aktuelle Krise ist entstanden, nachdem US-Präsident Donald Trump nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar ein faktisches Ölembargo gegen Kuba verhängt und Ländern, die Havanna mit Erdöl beliefern, mit Zöllen gedroht hatte.
Washington hatte die Sanktionen im vergangenen Monat minimal gelockert und den Verkauf von Erdöl an Kubas Privatsektor erlaubt. Die Mengen, die auf diese Weise ankommen, sind jedoch gering. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel erklärte, die Gespräche mit Washington befänden sich "in einer Anfangsphase", während die USA weiter Schiffe umleiten und mithilfe der Küstenwache abfangen. Kubas Regierung betont zudem, dass das Land keinen internationalen Sanktionen unterliegt und das Recht habe, sich auf dem Weltmarkt mit Öl zu versorgen.
Der UN-Notfallplan, der eine Ausweitung der Hilfsmaßnahmen nach Hurrikan Melissa vom Oktober darstellt, konzentriert sich auf sechs Bereiche: Logistik, Gesundheit, Wasser- und Sanitärversorgung, Ernährungssicherheit, Unterkünfte und Schutz sowie Bildung. Er soll zwei Millionen Menschen in 63 Gemeinden und acht Provinzen erreichen. Bisher sind die finanziellen Mittel lediglich zu 27 Prozent gedeckt.

