Brasília. Zwischen 1985 und 2023 wurden Schätzungen zufolge mehr als 88 Millionen Hektar Amazonas-Regenwald zerstört. Ursachen sind unter anderem Rinderzucht, Bergbau und Bodenspekulation. Das geht aus einer aktuell veröffentlichten Studie in Environmental Science & Policy hervor. Sie zeigt, dass Landraub in Brasilien wie ein systemisches Geflecht funktioniert. Darin werden Bodenspekulation, Entwaldung, Gewalt und die Vereinnahmung staatlicher Strukturen miteinander verknüpft, und der Wald wird in ein finanzielles Spekulationsobjekt verwandelt.
Verfasst wurde die Studie "Forms of land grabbing in the Amazon: From land deals to illegal land appropriation" (Formen der Landnahme im Amazonasgebiet: Von Landgeschäften bis hin zur illegalen Landaneignung) von Rayane Pacheco, Natalia Valdivieso Kastner und Amy Penfield von der Universität Bristol. Der Beitrag zählt zu den umfassendsten Übersichten über einen zentralen Treiber der Amazonaszerstörung: die illegale private Aneignung öffentlichen Landes, die sogenannte Grilagem.
Die Autorinnen machen deutlich, dass Landkonflikte in Amazonien nicht bloß als Ausweitung der Agrargrenze oder als einzelne Konfliktfälle verstanden werden können. Vielmehr handelt es sich um ein System der Vermögensbildung, das auf der illegalen Privatisierung öffentlichen Eigentums, der Vertreibung traditioneller Bevölkerungsgruppen und der Umwandlung des Waldes in ein Finanzgut beruht.
Die Studie fordert zudem, den Begriff Land Grabbing weiter zu fassen. Zu unterscheiden sei zwischen Land Deals – dem großflächigen Erwerb oder der Vergabe von Land durch Regierungen und Unternehmen – und illegalen Seizures oder Encroachments, also der gewaltsamen Aneignung öffentlicher oder privater Flächen durch private Gruppen.
Während internationale Literatur Landraub oft mit ausländischen Investoren verbindet, dominiert im brasilianischen Amazonas vor allem die widerrechtliche Aneignung öffentlichen Landes durch einheimische Akteure aus der Agrarindustrie, dem Bergbau, der Holzwirtschaft und der Grundstücksspekulation.
Für die Übersichtsarbeit wurden 219 Publikationen aus den Jahren 1982 bis 2026 ausgewertet; 83 Prozent beziehen sich auf Brasilien. Davon behandeln 44,5 Prozent speziell die illegale Aneignung oder Besetzung von Land. Die häufigste Form ist die private Aneignung öffentlicher Flächen durch private Akteure.
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Die Studie widerlegt den Mythos, die Waldzerstörung sei vor allem Ergebnis spontaner Handlungen von Kleinbäuer:innen oder Landbesetzer:innen. Vielmehr funktioniert moderner Landraub wie eine organisierte Unternehmenskette: Kapitalgeber finanzieren die Operationen, Manager organisieren Dokumentenfälschung und Abläufe, bewaffnete Pistoleiros vertreiben Bewohner:innen und traditionelle Gemeinschaften, Strohleute registrieren fiktive Grundstücke und Teile des Staatsapparats, darunter Notariate, Behörden und Politiker:innen, wirken mit. Es geht also nicht um diffuse Kriminalität, sondern um eine organisierte "Landmafia".
Der Ablauf ist typisch. Nach der Besetzung öffentlichen Landes wird zunächst selektiv Wertholz eingeschlagen, dann der Wald gerodet, abgebrannt und in Weideland umgewandelt. Viehhaltung dient als Beleg einer "produktiver Nutzung", erhöht den Marktwert und verbessert die Chancen auf eine spätere Legalisierung. Danach wird das Land registriert, parzelliert und an Agrarunternehmen oder Investoren weiterverkauft. Entwaldung ist damit kein Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil der Landaneignung.
Auch das Umweltkataster Cadastro Ambiental Rural (Car), eigentlich zur Umweltüberwachung gedacht, wird laut Studie als informeller Besitznachweis missbraucht. Weil es auf Selbstauskunft beruht, können illegale Besetzer öffentliche Flächen auf ihren Namen registrieren und so Rechtmäßigkeit vortäuschen, als Grundlage für spätere Eigentumsansprüche oder Agrarkredite.
Hinzu kommen Gesetzeslockerungen, der Verzicht auf Sanktionen und nachträgliche Legalisierungen, die neue Anreize für Landraub schaffen. Dieser ist nicht nur ein Eigentums- oder Umweltproblem, sondern ein Mechanismus der Kapitalakkumulation, der Privatisierung öffentlichen Vermögens, der Immobilienspekulation, der Agrarindustrie, des Holzeinschlags, des Bergbaus, der Geldwäsche und der Gewalt gegen indigene Völker, traditionelle Gemeinschaften und Kleinbäuer:innen verknüpft.
Die Autorinnen empfehlen daher, öffentliche Wälder ohne Schutzstatus rasch als Naturschutz- oder indigene Gebiete auszuweisen, Systeme zur Landrechtsklärung zu stärken, ohne illegale Besetzungen zu belohnen, Umweltkataster und Grundbuch zu verknüpfen, den Schutzabbau per Gesetz zu stoppen und die Finanzmechanismen hinter Landraub und Geldwäsche zu untersuchen.
Die Studie zeigt insgesamt, dass der Amazonas weiter als Raum privater Akkumulation missbraucht wird. Solange die private Aneignung öffentlichen Landes hochprofitabel und politisch toleriert bleibt, ist die fortschreitende Entwaldung keine Ausnahme, sondern die vorhersehbare Folge eines Entwicklungsmodells, das auf der Kommerzialisierung des Waldes und der Vertreibung seiner Bewahrer beruht.

