Guatemala-Stadt. Der ehemalige Oberbefehlshaber der Armee Manuel Benedicto Lucas García hat die Untersuchungshaft im Militärkrankenhaus in Guatemala-Stadt verlassen und steht nun unter Hausarrest. Das ordnete die Richterin Marling Mayela González Arrivillaga vom Hochsicherheitsgericht in Guatemala-Stadt am vergangenen Dienstag an. Der 94-jährige ehemalige Leiter des Estado Mayor, der Kommandozentrale der guatemaltekischen Armee, ist unter anderem wegen Völkermordes an den indigenen Maya-Ixil und des gewaltsamen Verschwindenlassens angeklagt. Sein Verfahren gilt als der letzte Prozess in Guatemala gegen ranghohe Verantwortliche für die Massaker zu Beginn der 1980er Jahre.
Im Jahr 2024 stand der Prozess bereits kurz vor einem Urteil. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 2.860 Jahren gefordert, als einem Antrag der Verteidigung auf angebliche Befangenheit des Gerichtes stattgegeben wurde. Im Juni 2025 beschloss das Verfassungsgericht, das zuständige Gericht auszutauschen und das Verfahren komplett neu aufzurollen. Seitdem wird die Wiederaufnahme des Verfahrens immer wieder verzögert, erklärte Nery Rodenas, Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Menschenrechtsbüros des Erzbistums (ODHAG), gegenüber amerika21. Das ODHAG unterstützt die Nebenklage juristisch.
In dem Urteil am Mittwoch hatte Richterin González erklärt, dass die Haft nicht einer vorweggenommenen Strafe gleichkommen dürfe. Die Verteidigung hatte mit dem hohen Alter des Angeklagten argumentiert. Aus diesem Grund hatte er auch die Verhandlungen 2024 nur per Videoschalte verfolgt. Zur Entscheidung über den Hausarrest war er am Mittwoch allerdings persönlich anwesend.
Menschenrechtsorganisationen schrieben kurz nach dem Urteil, das Gericht habe die "Entscheidung in sieben Minuten getroffen", ohne dass "die Risiken einer Behinderung des Verfahrens und der Wahrheitsfindung oder eine Fluchtgefahr ausgeräumt worden wären".
Ihnen gefällt, was Sie lesen?
Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit. Regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen.
Manuel Lucas García war von 1978 bis zum 23. März 1982 Leiter des Estado Mayor unter der Regierung seines Bruders Fernando Romeo Lucas García. Der ehemalige General Lucas García wird wegen mindestens 31 Massakern mit mindestens 1.700 ermordeten Zivilisten angeklagt. Zudem wird Lucas García das gewaltsame Verschwindenlassen im Fall von Marco Antonio Molina Theissen zur Last gelegt. Emma Molina Theissen war Anfang der 1980er Jahre als Kurierin für den im Untergrund tätigen Jugendverband der Partido Guatemalteco del Trabajo tätig. Bei einer Kurierfahrt zwischen Quetzaltenango und Guatemala-Stadt wurde sie bei einer Kontrolle verhaftet, da die Armee wider Erwarten auch bei Frauen Leibesvisitationen durchführte und Dokumente bei ihr fand.
Aus der Haft in einer Militärbasis in Quetzaltenango gelang ihr sieben Tage später die Flucht. Einen Tag später wurde ihr damals 14-jähriger Bruder Marco Antonio bei einer Hausdurchsuchung im Elternhaus verhaftet und tauchte nie wieder auf. In dem Fall war Lucas García zu 58 Jahren Haft verurteilt worden, das Urteil wurde allerdings bereits 2024 annulliert. Der Fall, einer von vielen während des Bürgerkrieges, wurde aufgrund der beharrlichen Öffentlichkeitsarbeit der Familie juristisch verfolgt und ist in Guatemala breit bekannt.
Die Jahre 1978 bis 1983 galten als die blutigsten des 36-jährigen Bürgerkrieges. Nach der Amtszeit von Romeo Lucas García putschte sich am 23. März 1982 General Efraín Ríos Montt an die Macht. In seiner Amtszeit, die nur bis 1983 dauerte, wurden weitere schwere Massaker an der indigenen Bevölkerung verübt. Rios Montt wurde daher 2013 zu einer 80-jährigen Haftstrafe verurteilt, das Urteil wurde aber schon zehn Tage später wegen angeblicher Verfahrensfehler wieder aufgehoben. Ríos Montt starb am 1. April 2018, ohne dass erneut ein Urteil gesprochen wurde.

