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11.08.2014 Lateinamerika / Politik

"Die Bedeutung der BRICS ist die Schaffung einer multipolaren Welt"

Der argentinische Politologe Juan Manuel Karg sprach mit dem renommierten Priester und Soziologen François Houtart
Der belgische Priester und Soziologe François Houtart

Der belgische Priester und Soziologe François Houtart

Im Interview analysiert der belgische Priester und Soziologe François Houtart das regionale Panorama in Lateinamerika. Houtart, der seit Jahren in Quito, Ecuador, lebt, weist auf die Existenz von zwei Gruppen von Ländern auf unserem Kontinent hin: Diejenigen, die versuchen, sich von den USA und Kanada zu lösen, und andere, die mit der Pazifik Allianz verbunden und auf eine Vorzugsbehandlung durch die Ländern des Nordens aus sind.

Er spricht außerdem von der Bedeutung, dass die Region sich mit den BRICS verbindet, analysiert den Moment der sozialen Bewegungen in unseren Ländern und hat auch Zeit, als ein Priester der von der Befreiungstheologie kommt, das Papsttum von Franziskus und dessen aktuelle Wandlungen einzuschätzen.


Wie sehen Sie den aktuellen Kontext Lateinamerikas, angesichts einiger Analysten, die von einer möglichen konservativen Restauration in der Region sprechen?

Es ist offensichtlich, dass es auf dem lateinamerikanischen Kontinent große Unterschiede gibt. Im Großen und Ganzen können wir sagen, dass es eine Reihe von Ländern gibt, die die neoliberale Linie weiterverfolgen, und dies erklärt sich aus einem gewissen Bündnis mit den USA. Die Pazifik-Allianz folgt dieser Linie, das ist ganz klar. Auf der anderen Seite gibt es eine weitere Gruppe von Ländern, die die regionale Integration in Lateinamerika anders denken und die vor allem versuchen, sich von den imperialen Verbindungen mit den USA und Kanada zu lösen und eine neue Dynamik zu entwickeln, die zum Teil als links bezeichnet.

Das sind die groben Linien, aber es ist wichtig zu sagen, dass, als der russische Präsident Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping unlängst nach Lateinamerika kamen, sie die Länder der post-neoliberalen Regierungen besuchten. US-Vizepräsident Joe Biden besuchte fast gleichzeitig die anderen Länder, was zeigt, dass es große Unterschiede zwischen den beiden Blöcken gibt.

Was bedeutet Ihrer Meinung nach die Reise von Putin und Xi Jinping in unsere Länder für unseren Kontinent? Welche Bedeutung hat unsere Verbindung mit den BRICS?

Die Bedeutung liegt im Aufbau einer multipolaren Welt. Dies scheint mir grundlegend für die von Russland und China verfolgte Politik: Der Aufbau eines Wirtschaftsblocks, der unabhäng von den USA ist, insbesondere vom US-Dollar als globale Leitwährung. In diesem Sinne wurden Vereinbarungen getroffen, die sehr wichtig sind, zum Beispiel im Energiebereich. Und das Treffen der BRICS in Fortaleza, Brasilien, war ebenso eine Weiterführung dieser Politik, um eben zu versuchen, einen Pol zu etablieren, der nicht abhängig von der Logik des Dollars ist.

Nach dem Treffen der BRICS versammelten sich kürzlich die G20 in Australien. Diese Länder, allen voran die USA und die Europäische Union, forderten eine stärkere Liberalisierung der Märkte. Was ist ihre Haltung zu diesem Thema?

Der Begriff Freihandelsabkommen ist ein schöner Name, um die Beziehung zwischen dem Hai und der Sardine darzustellen. Das heißt: Es ist eine Beziehung totaler Ungleichheit. Betrachten wir die Freihandelsabkommen die Lateinamerika vor allem mit den USA hat: Die Geschäfte werden unter völlig unausgewogenen Kräfteverhältnissen gemacht. Es sind unfaire Vereinbarungen, um es so zu sagen, weil die Parteien nicht die gleiche Stärke haben.

Was bleibt nach dem Auftauchen der verschiedenen post-neoliberalen Regierungen auf dem Kontinent von Initiativen wie dem Weltsozialforum, an denen Sie von Beginn an teilgenommen haben?

Das Weltsozialforum, das ich ganz aus der Nähe verfolgt habe, war das Ergebnis der neoliberalen Politiken in der Welt. Es hat Auswirkungen gehabt und eine bestimmte Kraft für die Verbreitung eines neuen sozialen Bewusstseins auf globaler Ebene, und auch, um neue Lösungen vorzuschlagen.

Nun haben wir, vor allem in Lateinamerika, meist progressive politische Regierungsformen, die weitgehend das Ergebnis der Aktion der sozialen Bewegungen sind. Diese Regierungen haben viel von der Kraft der sozialen Organisationen absorbiert, haben auch ihre Anführer einbezogen, und andererseits post-neoliberal Agenden vorgeschlagen, aber nicht post-kapitalistische.

Und so stehen die sozialen Bewegungen vor schwierigen Situationen: Zum Beispiel ist die Landlosenbewegung MST in Brasilien einerseits mit einer Regierung konfrontiert, welche die Agrarreform nicht durchführen will, sie kann aber auf der anderen Seite die Regierung nicht direkt angreifen, weil diese zum Teil das Ergebnis ihrer eigenen Aktion ist. Und außerdem gibt es keine sichtbaren Alternativen.

Was ist Ihre Meinung über die Veränderungen, die in der Kirche durch Papst Franziskus umgesetzt werden?

Es ist offensichtlich, dass der Stil von Papst Franziskus ganz anders als der seiner Vorgänger ist, vor allem Papst Benedikt XVI. und Johannes Paul II.. In diesem Sinne sollten wir uns über diesen Wandel freuen, der sich in einer großen Anzahl von Verhaltensweisen und Aussagen ausgedrückt hat, die wirklich eine wesentliche Änderung zeigen. Doch Franziskus kommt nicht von der Befreiungstheologie, sondern von der Soziallehre der Kirche. In Letzterer werden die Auswirkungen des Kapitals verurteilt, aber nicht die zugrunde liegende Logik diskutiert. Die Befreiungstheologie geht weit darüber hinaus. Ich denke, Papst Franziskus befindet sich in einem "radikalen Flügel" der Soziallehre der Kirche.

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