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22.11.2014 Mexiko / Menschenrechte

Kein Zweifel an der Entschlossenheit der Studenten

Die Forderungen und die Aktionen der Studenten aus Ayotzinapa sind unbequem. Die Lehrerausbildung ist traditionell ein Ort des Widerstands
Protestcamp auf dem Marktplatz von Chilpancingo

Protestcamp auf dem Marktplatz von Chilpancingo

Quelle: Karolin Morales
Die Proteste in Chilpancingo, der Hauptstadt des südmexikanischen Bundesstaates Guerrero, sind allgegenwärtig. Die Regierung muss immer noch eine glaubwürdige Antwort finden auf die Frage nach dem Verbleib der 43 gewaltsam entführten Lehramtsstudenten der Universität Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa am 26. September diesen Jahres. Erwiesen ist bereits, dass die Lokalregierung, die Polizei und die Drogenkartelle an dem Verbrechen beteiligt sind. Bisher wurden mehr als 70 Personen festgenommen. Weiterhin verdächtig erscheint die Rolle des Militärs und der Bundesregierung.
 
Auf dem Marktplatz von Chilpancingo zelten seit Wochen Mitglieder der Lehrergewerkschaft aus Guerrero, der CETEG (Coordinadora Estatal de los Trabajadores de la Educación de Guerrero) sowie der nationalen Lehrergewerkschaft CNTE (Coordinadora Nacional de Trabajadores de Educación). An fast jedem Taxi oder Kleinbus sind die Hashtags #hastaencontrarlos (bis sie gefunden sind) #hastaqaparezcan (bis sie wieder auftauchen) angesprüht. Die Wände der Gebäude rund um den Marktplatz sind übersäht mit Kommentaren. Der bekannteste lautet „Vivos los llevaron, vivos los queremos“ – „Lebend haben sie sie genommen, lebend wollen wir sie zurück“. 
 
Beinahe täglich finden Aktionen der Lehrergewerkschaften und der „Ayotzis“ statt. Das ist der Spitzname der Studenten der Universität. Es kommt zu Demonstrationen, Kundgebungen. Vermummte verüben Brandanschläge auf Regierungsgebäude. Zahlreiche Filialen von Supermarktketten sowie der Flughafen in Acapulco sind besetzt. In Guerrero sind zur Zeit 1000 Schulen geschlossen, berichtet die Tageszeitung Noticias de Guerrero. Aktivisten halten die Mautstationen auf der Autobahn von Chilpancingo nach Acapulco besetzt und kassieren dort Gebühren. Das bringt finanzielle Unterstützung für die Bewegung. Die Häuser des inzwischen verhafteten Bürgermeisters von Iguala, José Luis Abarca, dem Drahtzieher des gewalttätigen Verschwindenlassens, blieben allerdings von Angriffen verschont. Vermutlich fürchten die Aktivisten, dass sich die Staatsmafia blutig rächen könnte.

Forderungen und Aktionen der Studenten aus Ayotzinapa sind unbequem 

Regierungsnahe Medien berichten äußerst kritisch über den Umstand, dass bereits seit längerem zahlreiche Dritte durch die politischen Aktionen der Studenten und der CETEG in Mitleidenschaft gezogen werden. Dabei besteht die Tendenz zur Kriminalisierung der Studenten. Nach ihrem Verschwinden wurden die Lehramtsstudenen von den Medien als Mitglieder einer Bande des organisierten Verbrechens dargestellt. Journalisten wollten in der Bezeichnung "Los Rojos" (die Roten) einen solchen Zusammenhang sehen.
 
Inzwischen wurde dieser Verdacht vom Bundesstaatsanwalt Mexikos, Jesús Murillo Karam, offiziell entkräftet. Der Tendenz zur Kriminalisierung entgegnet das linksgerichtete mexikanische Online-Portal subversiones.org, dass die Studenten einen streng geregelten Tagesablauf haben und sich als Mitglied ihrer Gemeinschaft in ihrer Freizeit politisch für die Zukunft ihrer Bildungsstätte und des Berufs der Landschullehrer engagierten.
 
Die etwa 500 Studenten der Escuela Normal Rural Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa stammen vor allem aus ländlichen, strukturschwachen Regionen mit indigener Bevölkerung. Sie bestehen ein Aufnahmeexamen und erhalten eine kostenlose fünfjährige Ausbildung im Internat der Landschule. Unter den Dozenten sind marxistische Grundanschauungen weit verbreitet. Die Ausbildung bereitet die Studenten auf eine zweisprachige Unterrichtstätigkeit an ländlichen, jahrgangsübergreifenden Schulen in abgelegenen Regionen vor, wo in Spanisch und der indigenen Sprache Nahual unterrichtet wird. Während der Ausbildung leisten die Studenten auch soziale Dienste für die Landbevölkerung wie Erntearbeiten. Die Schule verfügt über eigene Felder zur Bewirtschaftung und künstlerische Werkstätten.
 
Die Escuela Normal Rural Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa existiert schon seit 1926, also seit 88 Jahren. Das ehemals europäische Konzept der Normalschule für die Lehrerausbildung gibt es in Mexiko jedoch bereits seit dem 19. Jahrhundert. Die sozialistische Ausrichtung der Landschule in Ayotzinapa wurde auch von der Bildungspolitik des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas (1934-40) beeinflusst, der sich stark für Gleichberechtigung im Bildungswesen engagierte. 
 
Konflikte zwischen der lokalen Regierung und den Studenten in Ayotzinapa existieren seit Jahrzehnten. Die Landschule war mexikanischen Regierungen seit ihrer Gründung ein Dorn im Auge. Diverse Guerilleros sind aus dem Internat hervorgegangen. Hier studierte etwa der Gründer der Guerilla "Partei der Armen", Lucio Cabañas. Die gewaltsame Begegnung zwischen Polizei und Studenten am 26. September diesen Jahres war keinesfalls die erste. Schon 2011 wurden Studenten gefoltert und hingerichtet. Studenten der Hochschule wurden 2012 in Chilpancingo bei einer Demonstration erschossen. Dennoch haben die politischen Aktivitäten nicht nachgelassen. Mittlerweile werden die Studenten auch von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International unterstützt. 
 
Sergio Ocampo, Guerrero-Korrespondent der Zeitung La Jornada und Moderator beim Radio der Universität von Guerrero in Chilpancingo erklärt, dass es keine Bemühungen der mexikanischen Regierung zur Verbesserung der Situation gäbe. Die Radikalität der Studenten würde jedoch keinesfalls durch den Zugang zu Bildung gefördert, wie gerne von der Regierung behauptet. Es ist das Argument, um die Schule zu schließen. Der Grund seien eher die strukturell und sozial marginalisierten Bedingungen, in denen die Studenten aufwachsen. Als Gemeinschaft in einem Internat könnten sich die Studenten zudem hervorragend organisieren. Ein Komitee der Studenten bestimmt die politischen Aktionen. An diesen nähmen schon die Erstsemester teil, als eine Art Feuertaufe für den Einstieg in die Internatsgemeinschaft, so Sergio Ocampo.  
 
Seit 2000 habe sich der Konflikt der Landschule in Ayotzinapa mit der Regierung jedoch verschärft. Der damalige mexikanische Präsident ließ zusätzlich zu den neun öffentlichen weitere 17 private Landschulen in Guerrero eröffnen. Seither gibt es regelmäßig Auseinandersetzungen um die etwa 300 zu vergebenen Lehrerposten – bei über 2000 Absolventen. Offizielle Bedingung für die Einstellung ist ein bundesweit einheitliches Examen. In dieser standardisierten Prozedur sehen sich die Studenten der öffentlichen Landschulen gegenüber den Privatschulen benachteiligt und diskriminiert. Zudem befürchten sie eine Verdrängung der indigenen Sprache. An privaten Landschulen wird nicht zweisprachig unterrichtet und die Absolventen sprechen keine indigene Sprache.
 
Während die Studenten Ayotzinapas also von der Regierung einerseits Stellen als Landschullehrer und den Weiterbestand ihrer Ausbildungsstätte einfordern, engagieren sie sich ebenso an der Seite der Landbevölkerung und in den Universitäten gegen politische Entscheidungen. Anlass der Aktionen des 26. Septembers diesen Jahres war der Jahrestag des brutal niedergeschlagenen Studentenprotestes in Mexiko Stadt von 1968, an dem die Studenten aus Ayotzinapa traditionell Reisebusse kapern und damit in ihre Schule und in die Hauptstadt fahren.
 
Die ländliche Bevölkerung des Bundesstaates sympathisiert laut Sergio Ocampo überwiegend mit den Anliegen der Ayotzis und der CETEG. Die konservative urbane Bevölkerung klagt jedoch über die Aktionen, insbesondere die stundenlangen Autobahnblockaden seien belastend. Einige Augenzeugen berichten von Repressalien an den Mautstationen. Dort würden sie unter Druck gesetzt, der Bewegung Geld zu spenden. Auch in Schulen komme es zu Erpressungen, so dass die Direktoren riskierten, dass ihre Schulgebäude angezündet werden, wenn sie sich dem Streik nicht anschließen. 
 
Zwar bleibt es oft unsicher, ob es sich wirklich bei allen Aktionen um die Studenten und Angehörige der CETEG handelt, oder ob nicht auch Provokateure mitmischen. An der Entschlossenheit der Studenten, für ihre Ziele zu kämpfen, besteht jedoch kein Zweifel.
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