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19.09.2017 Venezuela / Politik / Soziales

Venezuela: "Die Menschen radikalisieren die Bolivarische Revolution"

Gespräch mit Christina Schiavoni über die Ernährungs- und Gesundheitssituation, die aktuelle politische Entwicklung und die Beteiligung der Bevölkerung an der Politik
Monatsmarkt in Caracas, Venezuela. Dort werden handwerklich hergestellte Alternativen zu den im Supermarkt fehlenden Produkten angeboten

Monatsmarkt in Caracas, Venezuela. Dort werden handwerklich hergestellte Alternativen zu den im Supermarkt fehlenden Produkten angeboten

Inmitten der imperialistischen Einmischung führen die Menschen in Venezuela die Aufgabe weiter, ihre Gesellschaft neu zu organisieren. Das reale Leben in Venezuela ist weit entfernt von den Berichten, die regelmäßig in den Mainstream-Medien verbreitet werden. Das folgende Interview mit Christina Schiavoni, einer Forscherin und Aktivistin für Nahrungsmittelsouveränität, bietet eine andere Sicht des Lebens der venezolanischen Bevölkerung, als die, die wir üblicherweise von den Medien bekommen. Es geht sowohl um die Ernährungs- und Gesundheitssituation als auch um die aktuelle politische Entwicklung und die Einbeziehung der Menschen in die Politik. Das Interview führten Farooque Chowdhury und Fred Magdoff im August 2017

In den großen Medien kommen derzeit täglich Nachrichten zu Venezuela. Würden Sie bitte Ihre aktuellen Erfahrungen indem Land schildern?

Gewiss. Ich bin Aktivistin für Ernährungssouveränität und Doktorandin. Ich komme aus den USA und mein Forschungsinstitut ist in den Niederlanden, aber ich lebe seit eineinhalb Jahren in Venezuela und forsche über die Ernährungspolitik. Es ist ein dynamischer Moment, um hier zu sein und diese Untersuchung durchzuführen! Zum besten Teil gehört, dass ich mit einer befreundeten Familie im Arbeiterviertel El Valle von Caracas lebe. Das gab mir einen direkten Einblick in die alltäglichen Realitäten, mit denen die Mehrheit der Bevölkerung konfrontiert ist, die städtisch und aus der Arbeiterklasse ist. Zugleich hatte ich Gelegenheit, andere Teile der Stadt zu besuchen und in mehr als die Hälfte der 23 Teilstaaten zu reisen, um andere Realitäten mitzuerleben.

Das Wichtigste, was ich über das tägliche Leben in Caracas hervorheben möchte, ist, dass die Menschen tatsächlich weitermachen. Märkte sind belebt, Kinder spielen auf den Straßen, es gibt kulturelle Aktivitäten etc. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dieser Realität und dem, was in den Nachrichten präsentiert wird und so aussieht, als sei Caracas ein Kriegsgebiet. Zum Beispiel stammten die Bilder von maskierten Demonstranten in direkter Konfrontation mit Polizeikräften von Demonstrationen, die sich weitgehend auf die wohlhabenderen Teile der Stadt beschränkten. Für Comunidades 1 wie El Valle ist das Alltagsleben mehr oder weniger so wie immer. Wenn Demonstranten allerdings Straßen blockierten, selbst in anderen Teilen der Stadt, hatte dies allgemein Auswirkungen auf den Verkehr, was es den Menschen erschwerte, zur Arbeit, zur Schule, zu den Terminen usw. zu kommen. Und dann gab es natürlich die Auswirkungen anhaltender Aktivitäten wirtschaftlicher Destabilisierung. Darauf komme ich gleich zurück.

Was ich zudem betonen möchte – und ich hoffe, wir sprechen darüber noch genauer – ist, dass die organisierenden und mobilisierenden Basisbewegungen, für die die Bolivarische Revolution in all den Jahren bekannt gewesen ist, gerade jetzt sehr lebendig und präsent sind. Das hat die Mainstream-Medien nie interessiert, aber selbst die Alternativmedien waren in ihrer Berichterstattung eher nachlässig und viel zu oft ist es so, als wären die Menschen, Gemeinden und Bewegungen, die eine enorme Menge an inspirierender Arbeit vor Ort leisten, unsichtbar.

Wie ist die Ernährungssituation - Verfügbarkeit und Zugang - in dem Gebiet, in dem Sie sich aufhalten?

Als ich im März 2016 zum ersten Mal nach Venezuela kam, war der Zugang zu Nahrungsmitteln jeden Tag eine große Herausforderung für die Familie, mit ich der ich lebe und für andere in El Valle und weiteren Arbeitervierteln. Maismehl, die Hauptzutat für Arepas, einer Art Brot, das für Venezolaner ein tägliches Grundnahrungsmittel ist, fehlte in den Supermarktregalen. Auch Speiseöl, Milchpulver und Zucker. Das bedeutete großen Stress und Unsicherheit für viele Familien. Der einzige Weg für die meisten Leute, um an diese Artikel zu kommen, war langes Anstehen bei den Läden, wo diese in begrenzter Anzahl erhältlich waren oder sie auf dem Parallelmarkt zu einem oft überhöhten Preis zu kaufen. Auf zwei Aspekte möchte ich hinweisen: es gab in Venezuela nie eine allgemeine Nahrungsmittelknappheit, sondern eher einen Mangel an wichtigen Nahrungsmitteln; und viele der fehlenden Produkte, einschließlich Maismehl, werden nicht ganz zufällig kontrolliert vom größten privaten Nahrungsmittelkonzern, dessen Eigentümer ein prominentes Mitglied der Opposition ist.2

Diese Situation hat sich nun durch die Bildung der lokalen Komitees für Lebensmittelversorgung und Produktion (Comités Locales de Abastecimiento y Producción, Claps) wesentlich verbessert. Sie wurden im Frühjahr 2016 kurz nach meiner Ankunft initiiert und es gibt sie heute im ganzen Land. Durch diese Komitees organisieren sich die Comunidades selbst, um direkt mit der Regierung den Zugang zu und die Verteilung der Basisprodukte zu koordinieren, die in den Supermärkten fehlen. Die Familie, mit der ich lebe, bekommt jetzt ein großes Monatspaket mit Maismehl und anderen Grundbedarfsgütern. Größtenteils dank der Claps haben die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften drastisch abgenommen, ebenso der Einfluss des Parallelmarktes, auch wenn es ihn weiterhin gibt. Insgesamt gibt es ein viel größeres Sicherheitsgefühl nicht nur in El Valle, sondern auch in den anderen Comunidades, die ich in Caracas und anderswo im Land besucht habe. Das heißt überhaupt nicht, dass die Probleme des Zugang zu Lebensmitteln jetzt gelöst sind. Während manche Claps an mehr transformierenden Aktivitäten beteiligt sind, so sind die meisten bestenfalls eine Überbrückungsmaßnahme, um fundamentale Lücken im venezolanischen Ernährungssystem zu beseitigen, wie sie sich in den Engpässen zeigen. Venezolanische Ernährungssouveränitäts-Aktivisten haben Vorstellungen für viel tiefgreifendere Transformationen und arbeiten tatsächlich darauf hin, indem sie auf den bisherigen Anstrengungen der letzten Jahrzehnte aufbauen. Dies war ein Schwerpunkt meiner Forschung.

Haben Sie irgendwelche Nahrungsmittelunruhen oder Plünderungen von Lebensmittelgeschäften in dem Gebiet, in dem Sie sich aufhalten, erlebt?

In den anderthalb Jahren in El Valle habe ich an einem Abend im April dieses Jahres Plünderungen beobachtet. Daran waren vor allem Gruppen junger Männer beteiligt und es wird gesagt, sie wurden dafür bezahlt, aber das kann ich persönlich nicht belegen.

Tragischerweise starben mehrere Menschen, als eine Gruppe in eine Bäckerei eindrang, die im Umbau war, und dort von Stromschlägen getroffen wurde.

Die Plünderung wurde in erster Linie von den Anwohnern selbst gestoppt, die auf die Straße strömten um sich den Plünderern entgegenzustellen und sie haben sichergestellt, dass sich ein solches Ereignis nicht wiederholt. Was mich in diesem düsteren Augenblick beeindruckt hat, war das Ausmaß der Reaktion. Früh am darauf folgenden Tag waren massenhaft Nachbarn auf den Straßen, machten sauber und reparierten beschädigte Ladenfassaden und auf dem zentralen Platz wurde eine große Versammlung der Comunidad abgehalten.

Ich war auch beeindruckt von der scharfen Analyse und dem politischen Bewusstsein in den Diskussionen darüber, was geschehen war und warum. Mit Ausnahme dieser Nacht war El Valle recht friedlich, im Gegensatz zu den wohlhabenderen Vierteln, wo sich die oppositionellen Demonstrationen konzentrierten.

Wie ist die Gesundheitssituation, dort wo Sie sind? Wie steht es um die derzeitige Verbreitung von Krankheiten/Gesundheitsproblemen, den Betrieb von Gesundheitszentren/Krankenhäusern, die Verfügbarkeit von Medikamenten und anderen Gesundheitsgütern?

Hier geschehen gegensätzliche Dinge. Auf der einen Seite ist der Zugang zu Gesundheitsversorgung heute in Comunidades wie El Valle besser als jemals zuvor. Früher mussten die Leute meist aus der Comunidad hinausgehen, um medizinische Versorgung zu bekommen, wenn sie sich das überhaupt leisten konnten. Heute gibt es an vielen Straßenecken von El Valle die für das Barrio Adentro-Programm der Regierung typischen Gesundheitszentren mit blauen Dächern, ebenso gibt es größere Einrichtungen wie eine Geburtsklinik und ein Rehabilitationszentrum, die von meinem Wohnort zu Fuß zu erreichen sind.

Durch die Bolivarische Revolution ist Gesundsheitsversorgung nun zugänglich und kostenlos. Zwei der Freunde, mit denen ich zusammen lebe, haben kürzlich eine neue Brille und eine spezielle Physiotherapie bekommen. Dies sind qualitativ hochwertige Leistungen, die allen Mitgliedern der Comunidad kostenfrei zugänglich sind.

Andererseits konnte der Sohn eines Nachbarn sein Mittel gegen Krampfanfälle nicht bekommen und ein andere chronisch kranke Nachbarin hat ebenfalls Schwierigkeiten, ihre täglich notwendigen Medikamente zu erhalten. Und derartige Situationen gibt es im ganzen Land noch viel mehr. Der Mangel an Medikamenten und bestimmtem Medizinprodukten ist ein großes Problem. Und schlimmer noch, wie bei der Lebensmittelknappheit gibt es Belege, die darauf hinweisen, dass dieser Mangel auch erzeugt wird.

Die bekannte venezolanische Ökonomin Pasqualina Curcio hat dokumentiert, dass die wichtigen Pharmaunternehmen, die verantwortlich für den Import von Arzneimitteln sind, von der Regierung mehr US-Dollar denn je erhalten und dennoch ist die Verfügbarkeit von Medikamenten zurückgegangen.

Auf jeden Fall sind weitere Maßnahmen erforderlich, um dies in Angriff zu nehmen.

Ich sollte auch erwähnen, dass die staatlich unterstützten Gesundheitszentren in den Comunidades zu den Angriffszielen gewaltsamer oppositioneller Demonstrationen gehörten. Das ist empörend.

Sind Wirtschafts- und Produktionstätigkeiten in dem Gebiet wegen der politischern Unruhen auf nationaler Ebene zum Stillstand gekommen?

Die Hauptwirtschaftsaktivität in El Valle ist der Einzelhandel, sowohl in der formellen wie der informellen Wirtschaft. Es gibt hier ein großes Einkaufszentrum und viele unabhängige Läden und Straßenhändler. Einkaufszentren und Straßenmärkte sind geschäftig, aber in diesen Tagen reicht das Geld der Leute wegen der hohen Inflationsraten nicht weit und das macht den Einzelhändlern sicher zu schaffen. Ich kann also sagen, dass die Dinge noch lange nicht zum Stillstand gekommen sind, aber viele Einzelhändler haben es sicher schwer.

Ich mache mir vor allem um die vielen informellen Straßenverkäufer Sorgen, weil es auch Bargeldknappheit gibt und deshalb viele Leute sich für die elektronische Bezahlung von Einkäufen mit Bankkarten entscheiden. Manche der größeren Straßenhändler haben ihre eigenen mobilen Kartenlesegeräte und einige der kleineren schließen sich mit den größeren oder benachbarten Händlern zusammen, um Zahlungen per Pin zu akzeptieren. Aber ich bin sicher, dass die geringeren verfügbaren Einkommen der Menschen zusammen mit den Währungsproblemen ihren Tribut fordern.

Ich sorge mich auch um die wirtschaftlichen Folgen der Straßenblockaden der Opposition, die den Transport, wie ich bereits erwähnt habe, weiträumiger unterbrochen haben. Ich weiß nicht genau, wie stark das Einzelhändler in El Valle getroffen hat, aber es gibt einen wöchentlichen Bauernmarkt in einem anderen Teil der Stadt, auf den ich gern gehe, und er war aufgrund der Straßensperren mehrmals geschlossen. Ich denke an den Verlust an Lebensmitteln und die ökonomischen Kosten für die Bauern und die Verkäufer, jedes Mal, wenn der Markt geschlossen blieb und ich denke an all die ähnlichen Situationen, die es überall im Land geben muss.

Um auf die Knappheit zurückzukommen: ich möchte auch über die Kehrseite der Medaille sprechen, das sind die vielen findigen und kreativen Antworten, die darauf entstanden sind. Viele Haushalte, auch meiner, bauen an was sie nur können: auf Fensterbrettern, in Höfen etc und städtische Landwirtschaft nimmt zu, gefördert durch ein neu gegründetes Ministerium für Urbane Landwirtschaft. Viele Leute entwickeln auch kulinarische Neuerungen, oder sie kehren zu alten Methoden zurück, um die in den Regalen fehlenden Produkte zu ersetzen. Zum Beispiels mahlen wir jetzt regelmäßig unseren eigenen Mais zu Hause, um unsere Arepas zu machen, die gesünder und schmackhafter sind. Auch wenn verarbeitetes Maismehl nun dank der Claps leichter zugänglich ist, mahlen viele Leute weiterhin ihr eigenes Korn. Die Menschen experimentieren auch damit, Arepas aus anderem Mehl, wie aus Kochbananen, Maniok und Süßkartoffeln zu machen, die es immer gibt. Man sieht jetzt viel mehr Tauschhandel zwischen Nachbarn und auch neue Kleinstunternehmen, die entstehen und Produkte wie frischen Maisteig verkaufen.

Und das ist nur die Ebene des Haushalts und der Comunidad. Es gibt auch einige sehr innovative Bemühungen von sozialen Bewegungen, der Knappheit zu begegnen. Dazu gehört ein sehr beliebter Monatsmarkt in Caracas. Dort werden handwerklich hergestellte Alternativen zu den im Supermarkt fehlenden Produkten angeboten und es ist auch ein Projekt, das Produzenten und Konsumenten direkt verbindet und in den zwei Jahren seines Bestehens zehntausende Leute erreicht hat. Um nur einige Punkte zu nennen. In einigen Fällen verbinden sich diese von den sozialen Bewegungen betriebenen Anstrengungen mit den von der Regierung unterstützten, wie den Claps, und diese verstärkt ihre Wirkung.

Wie ist Ihre Erfahrung beim Einkaufen auf dem Markt?

Ein Lebensmitteleinkauf kann in diesen Tagen in Venezuela ein echtes Abenteuer sein. Supermärkte sind völlig irreal. Zunächst gibt es einen Anschein von Normalität, aber dann merkt man, dass manche Produkte fehlen und andere im Überfluss vorhanden sind. Es wird so zu einer Art Schnitzeljagd rauszufinden, ob die Produkte auf deiner Einkaufsliste alle da sind. Dem begegnete die Regierung unlängst durch mehr Importe von Lebensmitteln und ihr Vorgehen gegen illegale Praktiken, daher tauchen bestimmte Produkte, die fehlten, wieder auf, wenn auch zu höheren Preisen als zuvor.

Inflation ist definitiv ein Problem, die Lebensmittelpreise steigen ständig.3. Zur Zeit meide ich Supermärkte so weit wie möglich und entscheide mich für Straßenmärkte und Straßenstände, wo frische Lebensmittel allgegenwärtig und viel günstiger sind. Ich lebe eine Metro-Station entfernt vom größten Straßenmarkt der Stadt, der an jedem Wochenende stattfindet. Die Produkte werden dort meist von Zwischenhändlern verkauft, aber es gibt auch Märkte, wo man frische Produkte direkt von Herstellern kaufen kann. Es gibt auch die Alternativmärkte, die ich bereits erwähnt habe und die ich sehr mag. Sie sind nicht nur ein Markt, sondern auch eine Drehscheibe für Bildung und Organisation in Sachen Ernährungssouveränität.

Nun möchten wir zu einem heiklen Teil des Interviews kommen. Das ist die politische Szenerie, die Venezuela derzeit bestimmt. Wie ist Ihre Erfahrung, was politische Aktivitäten dort angeht? Wir bitten Sie, Ihre Darstellung auf das Gebiet zu konzentrieren, in dem Sie sich aufhalten.

El Valle ist eine Keimzelle der Organisierung und politischen Mobilisierung der Comunidad, die das Lebenselixier der Bolivarischen Revolution bildet. Versammlungen der Anwohner, sowohl geplant wie spontan, sind die Regel. Kurz nach meiner Ankunft war eines der Hauptprobleme, um das herum sich Leute organisiert haben, die Lebensmittelverteilung, besonders mittels der Claps. Ich nahm an einem sancocho teil 4, wo Leiter verschiedener Claps in El Valle zusammentrafen, um über Logistik und Politik zu sprechen. Die Vorstellungen gingen weit über die Verteilung von Nahrungsmitteln im Notfall hinaus hin zu einer neuen Art sozio-ökonomischer Aktivitäten in den Comunidades, um ihnen mehr Autonomie zu verleihen und die Macht des privaten Lebensmittelindustrie-Komplexes im Land zu reduzieren. Dann flößte die Ankündigung von Maduro am 1. Mai, eine constituyente (verfassungsgebende Versammlung) einberufen zu wollen, um die Verfassung zu überarbeiten und die Errungenschaften der bolivarischen Revolution zu sichern und gleichzeitig den Prozess zu vertiefen, El Valle eine fast schon elektrische Energie ein. Von da an wurde die constituyente das Hauptthema der Diskussionen, angefangen bei den Gesprächen unter Nachbarn über Versammlungen sozialer Bewegungen bis zu Treffen der PSUV, der größen chavistischen Partei. Die Diskussionen, die ich beobachtet habe, begannen breit – zum Beispiel über die Ziele der constituyente und verglichen mit dem früheren Prozess im Jahr 1999, als die Bürger die Verfassung in ähnlicher Weise umgeschrieben hatten – und haben sich dann immer mehr konzentriert, zum Beispiel auf bestimmte Artikel der Verfassung, die einer Revision oder Stärkung bedürfen. Diese letzte Wahl am 30. Juli wurde in El Valle stark gefeiert und seitdem finden viele Aktivitäten statt, die Leute beginnen mit der eigentlichen Arbeit an der constituyente.

Bitte berichten Sie über ihre Erfahrung des sogenannten Referendums der Opposition.

Das Referendum der Opposition hat in El Valle nicht viel Aufsehen erregt, obwohl einige Leute daran teilgenommen haben. Es stand sehr im Schatten eines Testlaufs der Wahlen zur constituyente, der am selben Tag stattfand.

Was ist ihre Erfahrung hinsichtlich der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung?

Dieser Wahltag war ein großer Tag in El Valle. Ich hielt mich einige Zeit beim nächstgelegenen Wahllokal auf, wo es eine sehr lange Warteschlange gab. Die Stimmung war sehr festlich. Von dort aus nahmen mein Freund und ich den Bus zur größten "Ausweichstelle", die in einem großen Stadion in der Nähe eingerichtet worden war.

Für die, die von den jüngsten Schlagzeilen über Venezuela verwirrt sind, ist das ein Punkt, der erklärt werden sollte. Die sogenannten friedlichen und Pro-Demokratie-Demonstranten der Opposition haben diejenigen bedroht, die an den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung teilnehmen wollten. Viele Leute hatten deshalb Angst, in ihren eigenen Vierteln zu wählen, besonders in solchen mit einer starken Präsenz der Opposition. Die Angst war nicht unbegründet, denn diese Demonstranten greifen bekanntermaßen auf Gewalt zurück und gingen so weit, Menschen bei mehreren Gelegenheiten lebendig anzuzünden, dies wurde mehrmals auf Video aufgezeichnet. Also wurde ein alternatives Wahllokal eingerichtet für die Leute, die in ihren eigenen Vierteln aus Angst um ihre Sicherheit nicht wählen konnten. Als wir dort ankamen, gab es lange Warteschlangen mit Leuten aus dem ganzen Großraum der Hauptstadt. Andere Wahllokale, an denen wir auf unserer Busfahrt vorbei kamen – mindestens drei – hatten ebenfalls lange Schlangen.

Können Sie die Debatten und/oder Diskussionen über wirtschaftliche und politische Fragen in dem Viertel beschreiben, wo Sie sich aufhalten?

Ein großes Thema der Debatten, besonders angesichts der constituyente, ist, wie die Revolution so lebendig wie möglich gehalten werden kann, vor allem nach fast zwei Jahrzehnten des Prozesses. Von besonderem Interesse ist das Gleichgewicht zwischen der uneingeschränkten Macht des Volkes (der konstituierenden Macht), und der mehr etablierten Macht der Regierung (der konstituierten Macht). Früher in der Bolivarischen Revolution waren die Grenzen zwischen den beiden so verschwommen, dass sie manchmal kaum mehr zu unterscheiden waren. Es gibt also Diskussionen und Debatten darüber, wie man die Führung so frisch und so direkt mit der Basis wie möglich verbunden und ihr gegenüber rechenschaftspflichtig halten kann.

Ebenso wird diskutiert, wie man die Prozesse der "protagonistischen und partizipativen Demokratie", die immer eine treibende Kraft der Bolivarischen Revolution gewesen sind, vertiefen kann. Chávez betonte in seiner letzter Rede vor allem die Bedeutung des weiteren Aufbaus der Kommunen5, der von Bürgern geleiteten sozialen Strukturen, die die Macht vom Staat direkt auf das Volk übertragen sollen. In der Tat gab es einen großen Anstoß für den Aufbau von Kommunen, aber es besteht auch eine Besorgnis, dass dies bei den Prioritäten der Regierung angesichts der aktuellen Herausforderungen ein wenig in den Hintergrund gerückt ist, wo die Regierung beispielsweise die Claps mehr in den Vordergrund stellt als die Kommunen. Viele sehen die constituyente als eine wichtige Öffnung für die weitere Entwicklung der Volksmacht in Venezuela, aber es wird betont, dass der Prozess unbedingt in den Händen des Volkes liegen muss ‒ der Basis der Revolution ‒ und nicht von denen bestimmt wird, die manche das Chavista-Establishment nennen.

Wie ist die allgemeine Stimmung der Menschen in der Gegend, in der Sie leben, so wie Sie das mitbekommen haben?

Es ist eine Stimmung der Entschlossenheit. Das ist das erste, das mir in den Sinn kommt. Obwohl es direkte Drohungen des Weißen Hauses gab, dass die USA "energische Schritte und rasche wirtschaftliche Maßnahmen" gegen Venezuela unternehmen würden, wenn die Wahlen zur konstituierenden Versammlung vorangetrieben würden, haben sich die Menschen in El Valle und anderswo in Rekordzahlen beteiligt.

Heute, da solche Einschüchterungen immer aggressiver werden, behaupten comunidades und Bewegungen weiterhin ihr Recht auf direkte demokratische Teilhabe an ihrem politischen System, indem sie nach Sektoren und Regionen für eine Revision ihrer Verfassung arbeiten.

Was mich am meisten beeindruckt ist die Ausgewogenheit von Pragmatismus und revolutionärer Vision, die ich erlebe, wenn Menschen konkrete Vorschläge unterbreiten und konkrete Maßnahmen ergreifen, um die vielen drängenden Herausforderungen anzupacken, während sie gleichzeitig daran arbeiten, die Bolivarische Revolution weiter zu vertiefen und zu radikalisieren.

Vielen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen und uns helfen, die Realität in Venezuela zu erfassen.

Christina Schiavoni befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Nahrungsmittelsouveränität in Venezuela und forscht dort derzeit für ihre Doktorarbeit, die sie an der Erasmus Universität in Rotterdam absolviert

Farooque Chowdhury ist freiberuflicher Autor aus Dhaka, Bangladesch. Unter seinen Büchern: Micro Credit, Myth Manufactured (ed.), The Age of Crisis

Fred Magdoff ist emeritierter Professor für Pflanzen- und Bodenkunde an der Universität von Vermont und Co-Autor von The Great Financial Crisis (2009) und What Every Environmentalist Needs to Know About Capitalism (2011)

  • 1. Comunidad: Einheit der in einem konkreten Gebiet zusammen lebenden Menschen (in einem Dorf, einer ländlichen Region, einem städtischen Bezirk
  • 2. Ausführlicher dazu: Special Report: Hunger in Venezuela? A Look Beyond the Spin, Christina Schiavoni and William Camacaro, 7.11.2016
  • 3. Hier empfehle ich der Leserschaft auch die Arbeit von Pasqualina Curcio, die untersucht hat wie Inflation, die seit langem ein Nebenprodukt der auf Erdöl zentrierten Ökonomie Venezuelas gewesen ist, absichtlich verschärft wird
  • 4. Leute versammeln sich rund um eine große Kasserolle mit herzhaftem Eintopf, das ist eine beliebte Sache in Venezuela
  • 5. Die Kommunen (Comunas) in Venezuela sind Zusammenschlüsse mehrerer Kommunaler Räte (Consejos Comunales) auf lokaler Ebene. Diese Räte sind eine Struktur der Selbstverwaltung in den Gemeinden. Gewählte Nachbarschaftsvertreter sind zur Planung und Haushaltsgestaltung in lokalpolitischen Angelegenheiten berechtigt. Sie sind seit 2006 gesetzlich verankert, haben Verfassungsrang und sollen die Grundlage für den Kommunalen Staat bilden. Ziel ist die Selbstregierung des Volkes und die Überwindung des bürgerlichen Staates. In den vergangenen zehn Jahren wurden mindestens 46.000 Kommunale Räte gebildet, im Januar 2017 existierten 1.700 Kommunen
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