"Das Brasilien von Bayer. Das Brasilien von Monsanto"

Rede von Alan Tygel von der brasilianischen Permanenten Kampagne gegen Agrargifte bei der Jahreshauptversammlung der Bayer AG

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Die Permanente Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben organisiert in Brasilien den Widerstand gegen Pestizide und transgen modifizierte Pflanzen und Saatgut
Die Permanente Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben organisiert in Brasilien den Widerstand gegen Pestizide und transgen modifizierte Pflanzen und Saatgut

Am 25. Mai 2018 war Alan Tygel von der brasilianischen Permanenten Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben (Campanha Permanente Contra os Agrotóxicos e Pela Vida) auf Einladung der Kritischen Aktionäre auf der Jahreshauptversammlung der Bayer AG am 25. Mai 2018 in Bonn

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Alan Tygel, ich bin von der brasilianischen Permanenten Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben.

Aus der Sicht von Bayer ist Brasilien ein sehr vielversprechendes Land. Brasilien ist das Land, das am meisten Agrargifte verbraucht, und dies weltweit. Und Brasilien ist das Land, das das größte Wachstum beim Verkauf von Agrargiften verspricht. In Brasilien war Bayer im Jahr 2014 die Firma, die am zweitmeisten Agrargifte verkaufte. Nach dem Kauf von Monsanto wird Bayer auf Platz 1 landen, mit einem Marktanteil von rund 23 Prozent.

Und Brasilien hat die weltweit zweitgrößte Anbaufläche von gentechnisch modifizierten Saatguts. Im Gegensatz zum Land mit dem weltweit größten Flächenanbau gentechnisch veränderter Pflanzen – den USA – hat Brasilien aber noch Platz beim Baumwollanbau. Hinzu kommt, dass die für die Registrierung gentechnisch veränderter Pflanzen zuständige Behörde, die CTNBio, in Fragen Anbaugenehmigungen für neue transgene Kulturen sehr unternehmenfreundlich die Bewilligungen ausstellt. So wird es wenig wundern, wenn in Kürze zwei Millionen Hektar Land für den transgenen Reisanbau freigegeben werden.

Das ist das Brasilien von Bayer. Das ist das Brasilien von Monsanto.

Es gibt aber auch ein anderes Brasilien. Das Brasilien, wo ich wohne. Das ist das Land der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, das Land der Diversität der Nahrungsmittel, das Land des Manioks und des einheimischen Mais. Es ist dieses Brasilien, wo unsere Permanente Kampagne gegen Agrargifte und für das Lebe’ die Stimmen von Millionen von Menschen zu einer Stimme vereint. Und diese Stimme sagt "Nein!" zu Agrargiften und zu transgen modifizierten Pflanzen und Saatgut. Und diese Stimme sagt "Ja!" zum Aufbau einer Bewegung hin zur Agrarökologie.

In dem anderen Brasilien sind es jedes Jahr 6.000 Menschen, die wegen Intoxikation durch Agrargifte medizinisch behandelt werden müssen. Aber wir wissen, dass die realen Zahlen mit Sicherheit zehnfach größer ist. Denn die Mehrzahl der Vergifteten lebt auf dem Land, dort wo es keinen oder kaum Zugang zu medizinischer Versorgung gibt. Landwirte begehen Selbstmord, Kinder werden mit Schäden geboren, Babys weisen Anzeichen von Pubertät auf. Alles nachgewiesenermaßen wegen der Agrargifte.

In Ihrer Politik zu sozialer und Umweltverantwortung schreibt Bayer, dass Sie empfehlen, die Hinweise der Packungsbeilage, die genaue Eichung der Anwendungsgeräte, die Nutzung vorgeschriebener Schutzkleidung, die Reinhaltung der Gerätschaften sowie die korrekte Entsorgung des Abwassers nach Gebrauch zu beachten.

Ich frage Sie daher: Meinen Sie, dass Bayer durch solche Hinweise frei sei von Schuld für all die Vergiftungen und all das Leid? Sind also die Opfer selbst schuld?

Das in Brasilien registrierte Portfolio an Agrargiften von Bayer umfasst 109 Produkte, die aus 50 verschiedenen Wirkstoffen hergestellt werden. Ihre Verkaufsschlager in Brasilien sind die auf Basis von Carbendazim und Imidacloprid hergestellten Produkte. Beide Wirkstoffe stehen auf der Liste der zehn am meisten genutzten Stoffe. Ist es nun purer Zufall, dass der eine der beiden Stoffe in der Europäische Union (EU) verboten ist, der andere gerade verboten wird? Daneben verkauft Bayer in Brasilien acht weitere in Produkten verwendete Wirkstoffe, die in der EU verboten sind: Thidiazuron, Thiodicarb, Ioxynil, Iprodion, Indaziflam, Ethiprole, Ethoxysulfuron und Chlorhydrat Propamocarb.

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Alan Tygel bei der Protestaktion während der Jahreshauptversammlung der Bayer AG
Alan Tygel bei der Protestaktion während der Jahreshauptversammlung der Bayer AG

Ich frage Sie: Halten Sie Ihre Politik, in Deutschland längst verbotene Agrargifte in Entwicklungsländer zu schicken, für ethisch vertretbar? Was wird Bayer mit dem Glyphosat von Monsanto tun, wenn es in der EU in Kürze verboten wird, da es krebserregend sei?

Gegenwärtig wird in Brasilien ein enormer Druck ausgeübt, damit das bestehende Gesetz zu Agrargiften gekippt werde. An seiner Stelle schlagen die Kongressabgeordneten der Großfarmerfraktion ein Gesetz zu Pflanzenschutzmitteln vor. Dieses würde die Rolle der Gesundheits- und des Umweltbehörden bei der Registrierung der Agrargifte beschneiden und es würde die Vorschriften des Registers krebserregender Agrargifte abschaffen. Aktuell haben 250.000 Menschen eine Petition gegen dieses Gesetzesvorhaben unterzeichnet, aber dieses Gesetz wird offen unterstützt von Sindiveg, dem Branchenunternehmerverband, bei dem Monsanto und Bayer Mitglieder sind.

Im vergangenen Jahr hat Monsanto an neun Treffen mit dem brasilianischen Agrarministerium teilgenommen, und Bayer an sechs, einige von diesen Treffen waren direkt mit Brasiliens Landwirtschaftsminister Blairo Maggi.

Hält Bayer es für gerechtfertigt, zum Zwecke der Schwächung der Gesetzgebung in unterentwickelten Ländern und um in Deutschland bereits verbotene Produkte nach Brasilien liefern zu können, Lobbyarbeit zu machen?

In Bezug auf die transgenen Pflanzen gibt es bei Bayer in Brasilien ebenfalls einiges zu kritisieren: Gegenwärtig hat Bayer in Brasilien elf Patente auf transgene Saatgüter. Nach der Übernahme von Monsanto, das 23 Patente hat, wäre Bayer die Herrin über fast der Hälfte aller 75 in Brasilien gemeldeten transgenen Modifikationen.

Heute reden Sie viel darüber, transgene Pflanzen seien nachhaltig und trügen zur Reduzierung der Agrargifte bei. In Wahrheit aber erleben wir eine tragische Umweltverseuchung, den Verlust eines jahrhundertelang bewahrten genetischen Erbes und einen massiven Anstieg beim Verbrauch der Agrargifte.

Der Fall des Falters Baumwoll-Kapseleule (Helicoverpa Armigera) zeigt sehr klar das Problem: Im Jahr 2012 explodierte die Population des Falters, da der gentechnisch veränderte BT-Mais ihm nichts mehr anhaben konnte. In weiten Teilen des brasilianischen Nordosten kam es daraufhin zu einer extremen Notsituation, es kam zu einem volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe. Als Reaktion darauf importierte Brasilien ein Agrargift, das eigentlich im Land schon längst verboten war, weil es höchst nervenschädigend wirkt: Emamectinbenzoat. Das so transgen-freundlich eingestellte Agrarministerium sah zwar die Schuld bei dem transgenen Mais, aber setzte sich im letzten Jahr dennoch über das Gesetz hinweg – und erteilte dem Emamectinbenzoat in Brasilien die Zulassung.

Zwischen 2007, als das erste transgene Produkt aus dem Hause Bayer in Brasilien registriert wurde, und dem Jahr 2014 stieg der Verbrauch von Agrargiften um 52 Prozent an. Jüngsten Studien zufolge geht dieser Anstieg zum großen Teil auf das transgene Soja zurück, ein Bereich, in dem Monsanto der Verkaufs-Champion ist.

Vor diesem ganzen Hintergrund würden wir gerne wissen: Beinhaltet Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit diesen hohen Verbrauch an Agrargiften, der durch die Anwendung transgener Pflanzen induziert wird? Beinhaltet Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit die Kontamination der Umwelt und ökologisches Ungleichgewicht, das durch eine tiefe Missachtung der Menschenrechte der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern hervorgerufen wird?

Sehr verehrte Damen und Herren Aktionärinnen und Aktionäre. Wenn Sie meinen, Brasilien sei das Land des Gewinnes egal um welchen Preis und auf wessen Kosten, und wenn Sie meinen, dass Sie in unser Land all Ihren Müll, der hier zu nichts mehr taugt, abladen können, dann seien Sie gewiss, dass wir Widerstand leisten werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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