Der Kampf der Bauern in Venezuela

Eines der heißen Themen angesichts Nahrungsmittelknappheit und Wirtschaftskrise: der Stand des Kampfes der Bauern und der Landreform

freies_land_freie_menschen_venezuela.jpg

"Freies Land, freie Menschen": bei einem Treffen der Bauernbewegung mit Präsident Maduro im April nahmen auch die freigelassenen 32 Landbesetzer aus Mérida teil
"Freies Land, freie Menschen": bei einem Treffen der Bauernbewegung mit Präsident Maduro im April nahmen auch die freigelassenen 32 Landbesetzer aus Mérida teil

"Dann schießen sie auf den armen Bauern, töten die Schweine, reißen die Hütte nieder, manchmal vergewaltigen sie die Tochter, der Sohn wird geschlagen und schweigend muss der Bauer sterben. Genau dann geschehen die Dinge, die in der Welt geschehen sind, weil die Menschen Würde haben. Plötzlich wird der Bauer widerspenstig, schnappt sich eine Machete und alles kann passieren. Die Probleme treten wegen des Machtmissbrauchs auf." (Hugo Chávez, Cuentos del arañero)

Venezuela ist ein Land mit weiten, offenen und ungenutzten ländlichen Räumen, die über ausgezeichnete Umweltbedingungen für den Anbau von Feldfrüchten, Viehzucht und viele andere produktive Tätigkeiten verfügen. Es handelt sich um ein Land, das immer vom Boden abhängig gewesen ist, sowohl von der Landwirtschaft als auch später vom Erdöl, und heute bilden die Bauern mit das Rückgrat der Unterstützung für die bolivarische Regierung. Die Rückeroberung des Landes von den landbesitzenden Eliten war und ist jedoch voller Widersprüche und zuweilen sogar mit Blutvergießen verbunden.

Die historische Entwicklung Venezuelas wurde von verschiedenen gewalttätigen Prozessen wie der kolonialen Beseitigung der materiellen Grundlagen seiner indigenen Gemeinschaften und der konsequenten Entwicklung großflächiger Landgüter unter Kontrolle der landbesitzenden Oligarchie während und in Folge der Unabhängigkeitskriege des 19. Jahrhunderts unterbrochen.

Indem sie große, zuvor im Besitz der indigenen Bevölkerung Venezuelas befindliche Ländereien an sich rissen, machten die kolonialen Machteliten das Land zum wichtigsten Produktionsmittel und schufen Eigentum und Nießbrauch von Agrarland, wo zuvor "unsere indigenen Völker ein tausend Jahre altes soziales Agrarkapital geschaffen hatten".1(Sanoja, 2011, pp.181-182)

Die neue sozial-ökonomische Agrarstruktur gründete sich auf die großen Landgüter, die Verteilung und Teilung des Landes und die grausame Vertreibung der ursprünglichen Besitzer, also der Menschen, durch die blindwütige Ausbeutung der Arbeitskraft und ständige Verfolgung.

Nicht nur gestützt auf diese Verfolgung der indigenen Bevölkerung, sondern auch auf den Sklavenhandel aus Afrika konsolidierte sich die Oligarchie als landbesitzende Klasse. Heute ist die afro-venezolanische Bevölkerung, die Nachkommenschaft des Sklavenhandels, ein bedeutender Teil der gesamten Bauernbewegung. In diesem Kontext von Sklaverei und Knechtschaft kam es und kommt es bis in die heutige Zeit zu zahlreichen Volksaufständen im Land.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschob sich die hegemoniale Kontrolle der Grundstückserträge hin zur Ausbeutung des Erdöls, wobei das Landeigentum der landbesitzenden Oligarchien immer wichtiger wurde. Dies führte dazu, dass sich heutzutage 75 Prozent des produktiven Bodens in der Hand von nur 5 Prozent Grundbesitzern befindet2.

Der Kampf um Boden: die Bauern, die Bolivarische Revolution und die Grundbesitzereliten

Der von da an geführte Kampf der Bauern gegen die Herrschaft der Grundbesitzereliten gewann im Verlauf des 20. Jahrhunderts an Bedeutung und mit dem Beginn der Bolivarischen Revolution und dem Amtsantritt von Präsident Hugo Chávez im Jahre 1999 gelang es ihm, den Großgrundbesitz streitig zu machen. Die Möglichkeit eines bedeutenden und machtvollen Fortschritts in diesem Kampf der historisch ausgeschlossenen Bevölkerung begann mit der Annahme der Verfassung der Bolivarischen Republik Venezuela im Jahre 1999 und des Agrarreformgesetzes von 2001, die beide die rechtlichen Rahmenbedingungen zugunsten der Bauern und weg von den landbesitzenden Klassen, insbesondere den ausländischen Großgrundbesitzern, verschoben haben.

Infolge des Gesetzes von 2001, das vor allem die Übernahme ungenutzter, unproduktiver Ländereien durch organisierte bäuerliche Gemeinschaften legalisierte und Latifundien (große Landparzellen) verbot, begann in Venezuela ein Prozess der Landgewinnung, in dem die Bauerngemeinschaften endlich die Möglichkeit sahen, das Land in Besitz zu nehmen, auf dem ihre Familien seit Generationen gearbeitet hatten.

Die Beziehung gegenseitiger Kooperationen und Bündnisse, die zwischen der von Hugo Chávez, der selbst aus einer ländlichen Gemeinde stammte, geführten nationalen Regierung und der Bauernbewegung geschmiedet wurde, rief eine sofortige Reaktion der Landbesitzer hervor. Sie traten die neuen Vorschriften in Bezug auf Landbesitzrechte immer wieder mit Füßen und bestanden darauf, dass "es der Privatsektor ist, der weiß, wie man zu produzieren hat", dass "Enteignungen unproduktiv sind" und dass "Massenproduktion die beste Art zu produzieren ist." Dies sind nur einige der Täuschungen, die von dieser Macht – der landbesitzenden Oligarchie – beim Versuch benutzt wurden, sich ihre Besitztümer an Land zurückzuholen, auch wenn "in der gegenwärtigen Situation 70 Prozent der in venezolanischen Haushalten konsumierten Lebensmittel das Produkt kleinbäuerlichen Landwirtschaft sind"3 – ein Produktionsmodell mit unbestreitbaren sozio-ökonomischen Vorzügen4.

Heute sagt unsere Verfassung, dass ein System von Großgrundbesitz gegen die Interessen der Gesellschaft gerichtet ist, ein Recht, das von den Bauern zuweilen auf Kosten ihres eigenen Lebens erkämpft und verteidigt worden ist. Von 2001 bis 2006 haben die von Auftragsmördern und Paramilitärs als Mittel der Aufrechterhaltung des Monopols auf Landbesitz begangenen Morde 300 Bauern das Leben gekostet5.

Kürzlich haben die Bauern die Marke von sechs Millionen Hektar Land6 unter ihrer Kontrolle erreicht. Obwohl das eine ganze Menge zu sein scheint, stellt es nur 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche auf nationaler Ebene dar.

Viele Schlachten sind noch zu schlagen, um den Krieg gegen die Grundbesitzerklasse zu gewinnen, einige von ihnen werden bereits gekämpft und viele werden es auf lange Sicht noch sein. Zum Beispiel "gibt es etwa 6.000 Verfahren zur Rückgewinnung von Land, die zwar eröffnet, jedoch nie abgeschlossen wurden"7, was bedeutet, dass "90 Prozent dessen, was von den Bauern zurückgeholt wurde, wieder verloren gehen könnte"8. Das ist es, was von der landbesitzenden Oligarchie angestrebt wird, mittels der Komplizenschaft einiger Akteure im Staat – in der Exekutive, der Judikative und im bürgerlichen Staatsapparat ebenso innerhalb der Sicherheitskräfte9 – und durch den Einsatz des Paramilitarismus um "die Bauern zu verfolgen und zu bedrohen"10.

Wiedergewinnung, Geburt und Revolution: Juana Maria

Nach dieser kurzen historischen und geographischen Zusammenfassung kommen wir zu der kürzlich im westlichen Bundesstaat Mérida, konkret in Caño Avispero in der Gemeinde Obispo Ramos de Lora von Bauern vorgenommenen eindrucksvollen und bedeutsamen Landnahme.

Die Übernahme dieses Stück Landes, das bis dahin "Magdalena Ranch" genannt wurde, begann im Jahre 2017 infolge einer Inspektion durch regionale und nationale Behörden, nachdem gemäß geltenden Gesetzesnormen offiziell Klage erhoben worden war. Laut Juan Carlos, dem Anwalt der Bauern, führte die Klage zum Nachweis, dass die Landparzellen unter der Kontrolle lokaler Landbesitzer, der Familie Celis Aranguren, zum Anbau von Feldfrüchten geeignet und brachliegend sind. Die Gesamtfläche umfasst 880 Hektar, von denen 94,6 Prozent völlig verwahrlost waren, was laut venezolanischem Gesetz zur legalen Inbesitznahme durch die Bauern berechtigt. Dies waren die Ergebnisse der offiziellen Inspektion.

Die Bauern, die diese Landübernahme durchgeführt haben und die Bauern im übrigen Land verteidigen die Verfassung nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, sondern zum Nutzen aller Venezolaner in einem Kontext ökonomischer Rezession, niedriger nationaler Produktion, Importabhängigkeit und großen Mangels. Zu ihren Grundsätzen gehören der Schutz des Zugangs zu Nahrung, eine würdevolle Arbeit sowie die Erhaltung des Bodens gegen den nach Pachtgeld gierenden Grundbesitzer, landwirtschaftliche Kommerzialisierung und den Hunger.

Wie das folgende Beispiel zeigt, ist dies ein Kampf, bei dem der venezolanische Staat nicht immer eine klare Rolle spielt, wobei der Staat, wie wir meinen, in derselben Weise auf der Seite der Verfassung stehen sollte wie die Bauern. Allerdings sind persönliche Vorteile für einige Funktionäre der Landbehörde in Mérida, Angehörige der Sicherheitskräfte – der Bolivarischen Nationalgarde (GNB) und der Nationalen Polizeibehörde (CICPC) – und sogar für einige Beamte der Bürger- und Justizbehörden wichtiger als die Durchsetzung der Verfassung.

Im Lauf dieses besonderen Kampfes zur Verteidigung unserer Anti-Großgrundbesitzer-Verfassung wurden mehrere Landarbeiter verhaftet, und des unerlaubten Betretens, der Abholzung, der Entwaldung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt beschuldigt. Obwohl die Rettung des Bodens über die dazu vorgesehenen Kanäle betrieben worden war, verprügelten lokale Autoritäten die Bauern und verhafteten drei Personen unter falschen Anschuldigungen.

Angesichts dieser Ungerechtigkeit solidarisierten und wehrten sich die anderen an der Landbesetzung teilnehmenden Landarbeiter und mobilisierten zur Verteidigung der Festgenommenen. Am Ende wurden alle, insgesamt 32, verhaftet; darunter, wie wir betonen müssen, sechs Menschen über 60, zwei Krebskranke sowie eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. All diese Machenschaften, Drangsalierungen und schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen konnten schließlich nicht verhindern, dass in kaum sechs Monaten die Legalisierung des Bodeneigentums erreicht wurde, was in anderen Fällen nicht einmal in Jahrzehnten möglich gewesen war; oder in anderen Worten, die Freigabe von Land und die Emanzipation der Landarbeiter und ihrer Familien, die Widerstand leisteten und bis zum Schluss für Gerechtigkeit gekämpft haben.

Die befreite Landparzelle trägt jetzt den Namen von Juana María, zu Ehren des kleinen Bauernmädchens, das zusammen mit seiner Mutter eingesperrt war. Das landwirtschaftliche und politische Potenzial wird durch verschiedene Bauern- und politische Organisationen weiter entwickelt. Aber sie werden für die Entfaltung ihrer vollständigen Möglichkeiten ohne das engagierte Handeln eines revolutionären Staates kämpfen müssen, wozu die Finanzierung – Kredite, landwirtschaftliche Unterstützung, Saatgut, etc. – sowie eine geeignete und qualifizierte technische Ausbildung gehört, um mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten; dazu gehört ebenso die ökonomische, physische und psychologische Sicherheit für diese kämpfenden Landarbeiter. Sie sind die Grundlage für Nahrungsmittelsouveränität und eine führende Kraft durch ihren beispielhaften Kampf in Zeiten, in denen Moral, produktive Arbeit und die Übernahme von Verantwortung für das Land die stärksten Belege für Patriotismus darstellen, die wir finden können.

Die Rettung ganz Venezuelas

Nach der Landbefreiung von "Juana María" brachte Präsident Nicolás Maduro auf nationaler Ebene seine Ablehnung solcher illegaler Zwangsräumungen zum Ausdruck und verbot sie. Er forderte darüber hinaus, dass die Verfassunggebende Versammlung (ANC) die Räumungen untersuchen und einen detaillierten Bericht über die Landgewinnungsprozesse in mindestens sieben venezolanischen Bundesstaaten (Barinas, Monagas, Zulia, Mérida, Portuguesa, Lara und Yaracuy) erstellen soll.

Er forderte die Bauern auch auf, ihre Produktionspläne auf den sechs Millionen Hektar, die ihnen übergeben worden waren, zu überarbeiten, um unter Berücksichtigung der erst kürzlich zugewiesenen weiteren 440.000 Hektar weitere Ressourcen für einen erweiterten Produktionsplan bewilligen zu können. Ende April fand ein Treffen zwischen Landarbeitern aus diesen sieben Bundesstaaten und einer ANC-Kommission, dem Bundesstaatsanwalt und dem Minister der Volksmacht für produktive Landwirtschaft und Boden statt, um die Zwangsräumungen und gewaltsamen Vertreibungen in diesen Staaten zu untersuchen, wie auch um laufenden und zukünftigen Produktionspläne zu bewerten.

Diese Zusammenkünfte beginnen zum Beispiel in Barinas, insbesondere im Fall von Fundo Gavilán – La Chaqueta, Früchte zu tragen, wo über 100 Landarbeiter im Februar zwangsvertrieben worden waren. Das Venezolanische Bodeninstitut (INTI) hat mit einer Untersuchung begonnen, um über die Rückgewinnung von 2.733 Hektar Land durch den Rat der Landarbeiter "Mil Zamoras Una Patria" zu entscheiden.

Landrückgewinnungen verbreiten sich in ganz Venezuela und am 5. Mai begaben sich die verfassunggebende Präsidialkommission und das INTI auf das Landgut La Victoria in Chivo (Gemeinde Francisco Javier Pulgar) im westlichen Bundesstaat Zulia zu einer Inspektion, und leiteten den entsprechenden Prozess zur Übergabe von Ländereien an die Bauern ein. Diese hatten seit 2012 das Brachliegen von 400 von insgesamt 642 Hektar Land angeprangert, das bis 2016 im Besitz von María Auxiliadora Bracho de Muchacho war.

Nieves Rios von La Victoria berichtet: "Seit dem 16. November 2017 war den Landarbeitern der Zugang versperrt. Die Parzelle war unter dem Befehl des Grundbesitzers Bracho de Muchacho militarisiert, sie brachten Vieh auf das Gelände, um den Mais loszuwerden, den wir in den brachliegenden Bereichen angepflanzt hatten, die aufgrund der einschlägigen amtlichen Bestimmungen bereits dem Staat gehörten".

Darüber hinaus beklagten sie ihre Behandlung seitens der Bolivarischen Nationalgarde: "Wie ist es möglich, dass die GNB kommt, um einen um vier Uhr morgens zwangszuräumen? Es schmerzt uns, dass die GNB, von der man sagt, dass sie zum Volk gehört, zur Räumung eingesetzt wird. Einige befolgen Befehle, aber wir trauen der GNB oder dem örtlichen befehlshabenden Offizier nicht", sagte der Landarbeiterführer Luis Rodríguez.

Die Bauernbewegung hatte zahlreiche Schritte unternommen, um den nationalen Behörden den gegenwärtigen Zustand dieses Landgutes zu zeigen, das sie seit Jahren für sich reklamiert. Und sie hat auch aufgezeigt, wie verletzlich die Landarbeiter sind, wenn der Staat nicht angemessen und verantwortlich handelt, um sich um ihre Forderungen und Ratschläge zu kümmern.

Im Fall der in Santa Barbara im Bundesstaat Zulia gelegenen Farm "La Bolívar La Bolivariana", die sich über 1.474 Hektar erstreckt und aus fünf sozialistischen Bauernräten besteht, welche 500 Familien vertreten, sind diese Landarbeiter in sechs Jahren dreimal zwangsvertrieben worden. Obwohl die Ländereien im Jahr 2008 vom Staat beschlagnahmt worden waren, wurden sie nicht den Bauern zugeteilt, sondern der Firma "Maricela", die damals der Bürgermeisterin María Malpica gehörte – deren Amtszeit zu Missbrauch und Ausschluss der Bauern führte – um schließlich unter der Kontrolle des landwirtschaftlichen Zweigs der Streitkräfte, AgroFANB zu landen.

Virgilio Sánchez, dem Führer des Landarbeiterrates "Pacha Mama" zufolge, beschlossen die Bauern auf das Land zurückzukehren, da es unproduktiv war: "Maduro hat gesagt, dass Brachland dazu bestimmt ist, zu produzieren". Ihre Forderungen sind, dass die Regierung sie berücksichtigt, da ihr Hauptanliegen ist, den Boden produktiv zu machen, um ihre Familien zu unterstützen sowie die Nahrungsmittelversorgung zu garantieren, die in Venezuela so dringend gebraucht wird.

Das Ziel von sechs Millionen an die Bauernbewegung übergebenen Hektar kann, ebenso wenig wie solche Schlagzeilen: "Erneuerung von Landgewinnungsprozessen und Anstrengungen zur Untersuchung von Missbräuchen" nicht auf ein Wahlspektakel im Hinblick auf die Wiederwahl von Präsident Nicolás Maduro beschränkt bleiben. Stattdessen sollten sie für den Fortschritt in Richtung auf Lebensmittelsicherheit und -souveränität und auf ein neues Produktionsmodell stehen, das auf kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Ökosozialismus beruht.

TatuyTV ist ein kommunitärer Fernsehsender in Venezuela

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr