Die Rückeroberung des geraubten Bodens in Kolumbien

Im Naturschutzgebiet Caño Limón fördert der Konzern OXY Erdöl. Vertriebene Familien sind zurückgekehrt und haben ihr Land wieder übernommen

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Betreten verboten: Das Erdölfeld Caño Limón inmitten eines Naturschutzgebietes
Betreten verboten: Das Erdölfeld Caño Limón inmitten eines Naturschutzgebietes

Caño Limón ist der Name einer Region im Bezirk Arauquita im Departement Arauca unmittelbar an der Grenze zu Venezuela. Und es ist der Name eines gigantischen Erdölfelds. Einen Steinwurf entfernt von den Erdölquellen verläuft der mächtige Fluss Arauca, der Kolumbien und Venezuela voneinander trennt. Seine Nebenarme prägen die Landschaft aus Sumpfgebieten, Lagunen und feuchttropischen Wäldern. Der US-amerikanische Erdölkonzern OXY (Occidental Petroleum) wollte im Ölfördergebiet Caño Limón keine Landwirtschaft und vertrieb die kleinen Campesinos und Campesinas mit Hilfe des kolumbianischen Staates. Doch diese kehrten zurück, denn Ersatzland oder andere Möglichkeiten, ihr Überleben zu sichern, verwehrte man ihnen.

Bisher kannten wir den Namen Caño Limón nur aus den Nachrichten. Vor einigen Tagen erst, beim Mittagessen in einem kleinen Straßenimbiss, flackerte über den Bildschirm wieder einmal die Meldung eines mutmaßlichen Anschlags der ELN-Guerilla auf die 780 Kilometer lange Erdölpipeline im Besitz der kolumbianischen Firma Ecopetrol. Dabei bekommen die Zuschauer die verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Natur gezeigt. Der Reporter spricht von auslaufendem Öl als einer Umweltkatastrophe. Laut der Agentur Reuters sei die Pipeline wegen wiederholter Anschläge und Diebstahl sogar für sechs Monate außer Betrieb gewesen, bevor sie nach Reparaturarbeiten am 10. Juli wieder in Betrieb genommen worden sei. Die halbstaatliche Betreibergesellschaft Ecopetrol meldet allein im Jahr 2018 bereits 63 Anschläge.

Die Pipeline verbindet das Fördergebiet in Arauca mit dem Küstenort Coveñas an der Karibik, von wo aus durchschnittlich 50 000 Barrel Rohöl pro Tag aus diesem Fördergebiet in alle Welt verschifft werden.

Auf der Fahrt in eine der Landbesetzungen im Protest gegen die Ölförderung passieren wir zahllose Militärsperren, steigen aus und ein, öffnen immer wieder das Gepäck, werden durchsucht und befragt. Bei der letzten Kontrolle sind nicht nur Militärs anwesend, sondern auch Mitarbeiter des Ölkonzern OXY, der in Caño Limón das Öl fördert. Sie betreiben den Kontrollposten offenbar gemeinsam, es wird sogar behauptet, dass OXY das Militär direkt finanziert. Wir betreten umkämpftes Gebiet und schon kurz nach der Einfahrt in das Ölabbaugebiet sehen wir die ersten Hütten durch den Wald schimmern.

In dieser unwegsamen Region lebten traditionell vor allem drei indigene Gruppen, bevor die spanische Kolonisation 1657 auch diese Gegend erreichte. Die große Besiedelungswelle allerdings trat erst 1962 ein, als der Staat Bauern ansiedelte, fast alle waren Vertriebene und Opfer des kolumbianischen Konflikts seit 1948. Vor rund 55 Jahren also siedelte hier auch die Familie von Nixon Torres, Sprecher der Landbesetzung, die wir besuchen. In den 1990er-Jahren traf die steigende Nachfrage nach Öl die ressourcenreiche Region. Die Regierung nutzte das Unwissen der Bäuerinnen un Bauern und anderen Anwohnern aus, versprach Arbeit und Fortschritt. Keiner hegte damals den Verdacht, dass der angebliche Boom für Vertreibung und Elend sorgen sollte. "Ein Bauer ohne Land ist kein Bauer. Aber das sollten wir erst später begreifen", kommentiert Nixon Torres. Die Regierung vertrieb unter Einsatz der Polizei und des Militärs die Bauernfamilien und die hier ansässige indigene Gruppe der Sikuani. Die Indigenen mussten in die umliegenden Dörfer fliehen und verloren ihre kulturelle und ökonomische Selbstbestimmung. Staatliche Kräfte machten die Bauernsiedlungen dem Erdboden gleich, vergifteten die Ernte und inhaftierten massenhaft Anwohner. "Mein Vater war im Gefängnis, als ich 1991 geboren wurde", beginnt Torres. Wir befinden uns in der sogenannten Schule der Besetzung, ein Dach, ein paar provisorisch zusammengezimmerte Holzbänke im Schlamm. Die schwüle Hitze wirkt wie Valium. Nicht nur um den jungen, schwarzen Hund fliegen ganze Armeen von Fliegen, auch um uns herum schwirren die Moskitos und Stechfliegen. Immer wieder ertönen geheimnisvolle Rufe, vermutlich von Vögeln, aus dem sumpfigen Urwald. Um dieses Land kämpfen die Besetzer. Mit ihren Eltern und Großeltern wurden sie 1995 von hier vertrieben, 175 Familien mussten damals aus Caño Limón fliehen. Sie sollten laut einem Abkommen zwischen der Regierung, der Ölfirma OXY und den Gemeindesprechern umgesiedelt werden, jedoch bekamen sie nichts. 175 Familien waren zu der Zeit viele Personen, so erklärt Torres mit einem Grinsen: "Das Thema der Verhütung interessierte damals noch nicht."

Erst 2013 trauten sich die ehemaligen Anwohner wieder auf ihr Land zurück. 99 Familien organisierten sich und eroberten ihr Territorium. Torres war von Beginn an dabei und berichtet: "Kaum waren wir aufgebrochen, stellten sich uns Militär und Polizei, Verfassungsschutz und die privaten Schergen von OXY in den Weg." "Dort wo in meiner Kindheit unser Haus war, die Schule, der Weg zwischen den Häusern, fanden wir nur Urwald vor", ergänzt ein älterer Mann, das Gesicht unter einem breiten Hut. Beide sind sich einig: "Wir erkennen das Militär und die Polizei nicht als legitim an. Für uns sind das nichts als Söldner." Bei der ersten Besetzung gab es unzählige Verletzte, staatliche Kräfte schossen mit scharfer Munition.

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Zurückgekommen um zu bleiben: Vertriebene Bauernfamilien haben sich in Caño Limón wieder angesiedelt
Zurückgekommen um zu bleiben: Vertriebene Bauernfamilien haben sich in Caño Limón wieder angesiedelt

Aber die entschlossenen Familien begannen, das Land zurückzuerobern. Sie bauen Nahrungsmittel an, halten Tiere und bauen sich improvisierte Behausungen inmitten der Natur. Sie bewirtschaften als Kollektiv die Felder mit Mais, Kürbis, Yuca, Kochbanane, Kakao, Salaten und Kräutern sowie Obstplantagen mit Maracuja, Papaya, Guave und Zitrusfrüchten. Zudem hat jede Familie eine kleine Parzelle, auf der sie eigenes Gemüse anbauen kann. Alle haben gleich viel Land, unabhängig davon, wie umfangreich der Besitz ihrer Familien vorher war. Nun kochen zwei der Bauern zwischen aus Plastikplanen improvisierten Hütten und Scharen von Hühnern auf Holzfeuer einen sancocho für uns, einen deftigen Eintopf.

Immer wieder versuchen bis heute Militär und Polizei, im Auftrag von OXY die Siedler zu vertreiben. Sie zerstören die Camps, vernichten die Vorräte an Lebensmitteln, bedrohen die Menschen in den Lagern. "Aber wir haben uns entschieden", sagt der Bauernsprecher: "Hier holen sie uns nur mit den Füßen zuerst heraus." OXY hat mindestens 16 Bauern angezeigt, wegen Umweltzerstörung, Raub, Verletzung von Eigentum und Bedrohung staatlicher Institutionen. Paramilitärs haben Morddrohungen gegen die Siedler ausgesprochen. Ständig gibt es Schmierereien dieser ultrarechten Mörderbanden. Selbst dem Protest wohlgesonnene Politiker und Richter bekommen Morddrohungen. Immer wieder tauchen bewaffnete Männer in der Siedlung auf und fragen nach einzelnen Personen. Die Zugänge und Wege werden zerstört oder mit Stacheldraht versperrt. "Aber für jeden versperrten Weg tun wir einen neuen auf. Wir kennen diese Region besser, der Wald ist unser Zuhause", erklärt ein Bauer. Neben den Bedrohungen versuchte die Ölfirma auch zu verhandeln. Sie wollte die Familien umsiedeln, aber diese trauen den Versprechen nicht mehr. Die Verbundenheit mit dem Land ist stärker als die Angst vor staatlicher Gewalt. Zudem gebe es laut Torres nichts zu verhandeln: "Wir wollen, dass kein Öl gefördert wird. Weiter haben wir mit OXY nichts zu besprechen." Die Bauern sind fest entschlossen, keine weitere Förderanlage zuzulassen.

Der versprochene Fortschritt trat nicht ein, stattdessen wurde das Öl zum Fluch. Wenige Meter neben den Hütten verläuft ein schlammiger Fluss, ehemals schiffbar, heute sind nur Morast und Pfützen übergeblieben. Der Ölkonzern pumpt das gesamte Wasser der Region ab. Laut Torres gab es 29 solcher Zuflüsse zur Lagune Lipa. Dieses einmalige Ökosystem aus Flüssen und Seen mit endemischen Tier- und Pflanzenarten wurde von OXY bereits zerstört. Mehr als 200 Förderanlagen hat die Firma in Caño Limón in Betrieb, eine davon keine 50 Meter von der Siedlung entfernt. Insgesamt umfasst das Erdölfeld ein Gebiet von rund 100.000 Hektar. Torres und seine Mitstreiter haben bereits 4.000 davon zurückerobert. Torres möchte das Gebiet als bäuerliche Autonomieregion deklarieren.

Besonders perfide ist die Strategie der Regierung, Naturschutzgebiete auszurufen, um sie nachher den Erdöl- und Bergbaufirmen zu übergeben. So auch in Caño Limón, wo das Umweltministerium bereits in den 1980er-Jahren eine Schutzzone einrichtete. Mit der Erklärung zum Naturschutzgebiet wurde auf 142.125 Hektar das Jagen und Fischen sowie die Landwirtschaft verboten. Damit war sowohl den Indigenen als auch den Bauern die Lebensgrundlage der Subsistenzwirtschaft entzogen. Eben diese Region wurde dann an die Ölfirma OXY übergeben, die dort angeblich nachhaltig den Rohstoff abbauen darf. Für Torres ist das die verkehrte Welt: "Mein Maisfeld soll die Umwelt zerstören, aber eine Ölförderanlage nicht?" "Die Umweltbehörde arbeitet mit den Interessen der Wirtschaft Hand in Hand", kritisiert er weiter.

Bereits zwei Jahre nach Beginn der Förderung kamen unabhängige Studien zu dem Schluss, dass die Ökosysteme der Flüsse massiv bedroht seien. Sie berichteten von dramatischem Fischsterben. Die Artenvielfalt der Region, die einst zum Ausrufen des Schutzgebietes geführt hatte, war bereits beträchtlich reduziert und die Wasserläufe radikal verändert. Die landwirtschaftliche Produktion war wenige Jahre nach Arbeitsbeginn auf den Ölfeldern spürbar zurückgegangen – alleine der Maisanbau um 70 Prozent.

Wer auf Arbeit bei OXY gehofft hatte, wurde schnell enttäuscht, denn die Firma brachte Facharbeiter mit und stellte nur wenige Menschen von vor Ort ein – allerdings ohne langfristige Verträge. Zum Abschied trauen wir uns dann doch noch zu fragen, was bisher nicht angesprochen wurde: Was halten die Bewohner vom Friedensprozess? Einer der Männer, der bisher nicht gesprochen hatte, sagt nachdenklich: "Wir haben von der Regierung und den Farc nichts erwartet.“ Und auf meine Nachfrage bezüglich des Friedensprozesses mit der ELN und deren Anschlägen erwidert er mit einer Gegenfrage: "Was ist ein Anschlag auf eine Ölpipeline, die dann sofort blockiert, gegen den täglichen Angriff seitens OXY und der Regierung gegen unsere Lebensform? Weißt du eigentlich, wie viele Barrel Öl jeden Tag als Kollateralschaden bei der Ölgewinnung austreten?"

Dieser Artikel entstand im Rahmen der jährlichen Caravana por el Territorio y la Dignidad de los Pueblos organisiert vom Red de Hermandad y Solidaridad con Colombia (RedHer). Er ist zuerst in der ila 419 "Kolumbien – Schwieriger Friedensprozess" erschienen

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