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02.09.2013 Lateinamerika / Medien

Telesur: Acht Jahre verborgene Geschichten

Patricia Villegas, Leiterin von Telesur, über den multistaatlichen Fernsehkanal, Objektivität und den neuen Medienmarkt in Lateinamerika
Telesur-Leiterin Patricia Villegas

Telesur-Leiterin Patricia Villegas

Quelle: telesurtv.net

Unlängst hat der lateinamerikanische Fernsehsender Telesur sein achtjähriges Bestehen gefeiert. Im Interview sprach die Leiterin des Senders, Patricia Villegas, über die Geschichte des Kanals, Herausforderungen und Perspektiven.


Eines der Vorhaben von Telesur bei seiner Gründung war es, die mediale Hegemonie der etablierten internationalen Sender zu durchbrechen. Ist das gelungen?

Daran arbeiten wir jeden Tag. Das lässt sich nicht einfach über Statistiken nachweisen. Und, ja, es ist in diesen acht Jahren tatsächlich gelungen, den journalistischen Diskurs in Lateinamerika zu durchbrechen. Dies insbesondere in Bezug auf die Medien, die von sich sagen, für die Lateinamerikaner und von Lateinamerikanern gemacht zu sein. Es gab ein imaginäres Bild des Lateinamerikaners, das ziemlich weit entfernt von dem war, was sich tatsächlich in unseren Ländern abspielte.

Dafür gibt es herausragende Beispiele wie den Staatsstreich in Honduras, von dem in anderer Weise berichtet worden wäre, wenn da nicht die Kameras von Telesur gewesen wären. Sie haben die Bilder der Bevölkerung gezeigt, die sich dem Putsch entgegenstellte, sie haben die aufgebrochenen Türen am Haus von Präsident (Manuel) Zelaya gezeigt haben, sie haben ihn (nach seiner Entführung noch) im Schlafanzug in Costa Rica gezeigt oder beim Versuch, im Flugzeug ins Land zurückzukehren.

Da gab es den Putschversuch gegen Präsident Correa. Bis zum heutigen Tag behaupten transnationale Medien, dass es sich um einen Aufstand der Polizei und nicht um den Versuch eines Staatsstreiches gehandelt habe.

Auch auf internationaler Ebene haben wir über die Kameras im libyschen Tripolis inmitten des Einmarsches in dieses Land eine andere Geschichte erzählt, die verborgen wurde. Und wie war die hegemoniale Berichterstattung zu diesem Zeitpunkt? Es hieß, dass Muammar al-Gaddafi seine eigene Bevölkerung bombardiere. Wir aber kamen in ein Tripolis, das nicht bombardiert worden war, in dem die Leute sich auf dem Hauptplatz der Stadt versammelten.

Sie sprechen von Unterschieden in der Berichterstattung über Lateinamerika und von Themen, die in den traditionellen Medien verschwiegen werden. Was zeichnet das Programm von Telesur aus?

An dem Programm sind viele Leute beteiligt und wir Journalisten arbeiten an der Tagesordnung mit, die wir unserem Publikum Tag für Tag vorstellen. Das Erste, was wir im Laufe dieser Jahre gelernt haben, ist, dass wir drei oder vier Geschichten auswählen müssen, die dann unsere Hauptthemen des Tages werden. Es gibt Geschichten, die erfahrungsgemäß eindeutig verschwiegen werden. Da sind zum Beispiel alle Zusammenkünfte der neuen Organisationen, die in den letzten Jahren von den Präsidenten Lateinamerikas geschaffen wurden: Celac (Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten), Unasur (Union Südamerikanischer Nationen), ALBA (Bolivarische Alternative für die Völker Amerikas) und der Südamerikanische Verteidigungsrat. Eine unserer Linien besteht darin, das zu platzieren, was die traditionellen Medien nicht bringen werden.

Eine andere Form zur Entwicklung unserer Medienagenda sind die großen Geschichten, die zweifellos auch von anderen Medien abgedeckt werden, ohne jedoch interessante oder kritische Aspekte zu beachten. Zum Beispiel der Besuch des ersten lateinamerikanischen Papstes in Brasilien. Wir haben unseren Zuschauern diese Geschichte mit fünf Journalistenteams gleichzeitig vermittelt, zum Beispiel aus Sicht der Volkskirche (Iglesia Popular) oder der Befreiungstheologie, von der man annahm, dass es sie nicht mehr gibt. Wir haben entdeckt, dass dem nicht so ist.

Und da ist noch ein drittes Element, vielleicht das Wichtigste, dass nämlich niemand über einen Apparat verfügt wie ihn Telesur in Lateinamerika hat. Wir sind nicht von den Nachrichtenagenturen abhängig. So haben wir zum Beispiel eine selbst recherchierte Serie, die sich “Pachamama” nennt und in der die natürlichen Rohstoffe Lateinamerikas thematisiert werden.

Wenn von Ausgewogenheit die Rede ist, geht es auch um die Sichtweise des Journalisten, den Standpunkt, von dem aus eine Geschichte erzählt wird. Wie gewährleistet Telesur die Ausgewogenheit?

Ich glaube, dass diese Debatte über Objektivität und Ausgewogenheit in den großen Medien mitunter geführt wird, um diejenigen zu diskreditieren, die eine andere Art der Berichterstattung aufzubauen versuchen, die näher an den Ereignissen ist. Wir präsentieren verschiedene Versionen, die aber nicht unbedingt gegensätzlich sein müssen. Wir glauben nicht, dass man im Zeitraum von zwei Minuten alle Kontraste bringen kann. Man erhält sicherlich im Verlauf eines Tages unterschiedliche Sichtweisen.

Um zum Beispiel auf den Papst zurückzukommen: Wir haben zwar einen Großteil seines pastoralen Besuchs in Brasilien übertragen, aber wir haben auch einen kritischen Blick auf die Rolle der Kirche in Lateinamerika geworfen. Man könnte hier also von Ausgewogenheit sprechen. Machen das die anderen Medien auch? Bringen sie solche Fragestellungen? Meine Frage ist also: Was sind die gültigen Kriterien für Ausgewogenheit? Da gibt es, wie ich glaube, viel Heuchelei. Wäre, um über die Regierung von Rafael Correa zu sprechen, sein Bruder eine gültige Quelle? Oder wäre das ein krankhaftes Herumgestöbere, eine Einmischung in die privaten Angelegenheiten einer Familie? Kann der Bruder des Präsidenten informative Ausgewogenheit bieten? Wohl kaum.

Die Welt besteht aus vielen Farben, nicht nur aus weiß und schwarz, und genau das wollen wir reflektieren. Nicht alle Medien fühlen sich verpflichtet, die Realität wiederzugeben und stellen die Wahrheit über ihr Prestige. (Die spanische Tageszeitung) El País hat zum Beispiel ihr Ansehen mit dem Foto eines angeblich intubierten Hugo Chávez aufs Spiel gesetzt. Wollte sie damit ausgewogen sein? Wollte sie damit die Wahrheit sagen?

Mit dem Entstehen der öffentlichen Medien sind unterschiedliche Bilder des Journalistenberufs aufgekommen. Es gibt das Bild, in dem Journalisten der öffentlichen Presse offizielle Interessen repräsentieren und die Journalisten der Privatmedien die Interessen des Marktes. Ist Journalismus nicht Journalismus - wo auch immer er praktiziert wird?

Im Grunde glaube ich genau daran. Es erscheint mir verwerflich, dass viele journalistische Organisationen und Gremien sehr voreilig in ihrer Unterstützung der Kollegen bei den Privatmedien sind, nicht jedoch bei denen der öffentlichen Medien. Wenn wir etwas riskieren, unterstützt man uns nicht. Darüber hinaus sagt man uns, dass wir ja ohnehin von den Regierungen bezahlt würden, dass wir kein Urteilsvermögen, keine Autonomie und keine eigene Stimme besäßen. Und man unterstellt, dass diese Interessen des Staates nicht so edel seien wie die Interessen eines privaten Unternehmens, das die Ausübung des Journalismus wegen des Gewinnstrebens verteidigt.

Ich gehöre zu denjenigen, die denken, dass es von allem geben muss, dass eine Vielschichtigkeit bewahrt werden sollte. Es sollte ein immer kritischeres Publikum geben, das es erlaubt, inmitten der Vielfalt an Meinungen die Möglichkeit zu finden, zu verstehen, was in unserer Wirklichkeit vor sich geht. Und das Entstehen von öffentlichen Medien in den letzten Jahren ist ein Sieg unserer Gesellschaften. Noch vor wenigen Jahren hatte Ecuador keinen öffentlichen Fernsehsender. Heute ist das der Fall, und dieser Sender betreibt seine eigenen Recherchen. Vor acht Jahren gab es kein multistaatliches Medium und heute bilden wir ein Gegengewicht zu regionalen Kanälen, die noch nicht einmal aus unserer Region gesendet wurden. Es ist einfach heuchlerisch zu sagen, dass von einem anderen Ort der Welt aus ein Medium mit Lateinamerikanern für Lateinamerika gestaltet wird. Wir Journalisten haben über unsere jeweiligen Medien hinaus die Verantwortung, die Wahrheit zu berichten und die Realität in Frage zu stellen, sie zu problematisieren.

Sie sind seit der Gründung bei Telesur und seit 2011 in der Direktion tätig. Welche Selbstkritik würden Sie rückblickend üben?

Ich glaube, dass Telesur sehr viel mehr zur Suche nach abweichenden Geschichten beitragen und den medienübergreifenden Bereich stärken muss. Dadurch würde es uns ermöglicht, uns mit neuen Formen der Öffentlichkeit auseinanderzusetzen, wie zum Beispiel mit Jugendlichen, die heutzutage Informationen auf andere Weise konsumieren. Wir müssen außerdem sehr viel stärker die verschiedenen Genres bearbeiten, wir brauchen mehr regionale Berichte aus den Anden, der Karibik und dem Mittleren Osten. Wir müssen notwendigerweise unsere Journalistenteams erweitern. Wir müssen uns zum Beispiel in die östliche Karibik begeben. Das werden wir mit dem Programm “Causa justa” (Gerechte Sache) tun, das von (der ehemaligen kolumbianischen Senatorin) Piedad Córdoba geleitet wird. Telesur darf keinen Themen versuchen auszuweichen, wir dürfen den täglichen Sorgen der Menschen nicht ausweichen. Zurzeit sind wir damit beschäftigt, Telesur auf Englisch anzubieten. Dies wird dafür sorgen, dass Telesur auf Spanisch stärker und kompakter werden kann.

Da es sich um einen multistaatlichen Fernsehsender handelt, das heißt einen Sender, der von den Regierungen finanziert wird: Wie erhält er die inhaltliche Unabhängigkeit von der politischen Macht aufrecht?

Das ist eine zentrale Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Wir sind aus der politischen Lage heraus entstanden, die unsere Region durchlebt. Der Neoliberalismus hatte dem Recht auf Information geschadet. Wir sind aus diesen Befreiungsprozessen und der Neuerfindung der Staaten hervorgegangen. Aber dass wir diese Vision teilen, diese Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, bedeutet nicht, dass wir deren Präsidenten oder Ministerien unterstünden. Ich habe keinen einzigen Anruf von Präsident Correa erhalten, um mir zu sagen, welche Themen gesendet werden sollten oder welche nicht, oder dass er ein Thema habe, dass er unterbringen wolle.

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