"Neben dem Drogenhandel ist der Benzinschmuggel das ganz große Geschäft"

Gespräch mit Juan Carlos Taunus, Koordinator von "Kolumbianer in Venezuela" über die Hintergründe und Motive für die Grenzschließung

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Benzinschmuggel nach Kolumbien
Benzinschmuggel nach Kolumbien

Die Wahrheit ist, wenig überraschend, weit entfernt von dem Bild, das die Medien und die kolumbianische Regierung mit Unterstützung der internationalen Rechten zeichnen.

Die Entscheidung Venezuelas, die Grenze in zehn venezolanischen Kommunen zu schließen, erzeugte bei der faktischen Staatsmacht Kolumbiens Entsetzen. In der Tat wurde damit ein Markt geschlossen, der lukrativer als der Drogenhandel ist: der Benzinschmuggel. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro schloss damit zudem einen der vielfachen Kanäle für Wirtschaftssabotage. In Cúcuta, der kolumbianischen Grenzstadt, müssen 3.000 Geldwechsler des Schwarzmarktes, die von der Regierung in Bogotá legalisiert wurden, nun neue Märkte suchen.

Gegenoffensive gegen den Paramilitarismus. 500 Tonnen Produkte beschlagnahmt

Mit dem heuchlerischen Vorwand, die 1.071 ohne Papiere aus Venezuela Ausgewiesenen verteidigen zu wollen, versuchen Santos und die kolumbianische Oligarchie die Aufmerksamkeit vom echten Problem an der Grenze abzulenken. In der politischen Elite Bogotás ist der Zynismus groß, doch im Journalismus ist er weitaus unverfrorener.

Unsere kolumbianischen Kollegen wissen mehr als jede andere Person, dass allein die eine Million Liter Benzin, die über die Grenzstelle San Antonio-Cúcuta ins kolumbianische Territorium eingeführt wurde, von der kolumbianischen Paramilitär-Mafia in Venezuela für umgerechnet 0,02 US-Dollar pro Liter gekauft und für fast einen Dollar in Kolumbien verkauft wurden. Das Gleiche passiert mit Medizin, Lebensmitteln, Grundbedarfsgütern, die allesamt vom venezolanischen Staat subventioniert werden, aber dort gekauft und über die Grenze geschmuggelt werden. Seit dem 21. August, als die venezolanische Armee in den Bundesstaat Táchira kam, sind mehr als 500 Tonnen von Produkten in geheimen Lagerhallen, Kellern und anderen Orten beschlagnahmt worden.

Mit der ersten Grenzschließung in zehn Städten hat die Regierung Maduro nun die Gegenoffensive gegen den Paramilitarismus aufgenommen und geht damit gegen diejenigen vor, die in Venezuela ein wirtschaftliches Chaos anrichten wollen, von dem die venezolanische Opposition im Bündnis mit der kolumbianischen Oligarchie und, vor allem, mit dem US-amerikanischen Imperialismus profitiert.

Was sagen die Kolumbianer in Venezuela?

Juan Carlos Taunus (JCT) ist Koordinator der Vereinigung "Kolumbianer in Venezuela" (Colombianos en Venezuela). Vor 20 Jahren musste er als politischer Flüchtling das Nachbarland verlassen. In Venezuela hat er viele Jahre lang das Problem der kolumbianischen Migration untersucht und einen detaillierten Zensus durchgeführt. Er ist Bezugsperson zum Thema Migration und zur Frage, wieso mittlerweile 5,6 Millionen Kolumbianer nach Venezuela emigriert sind. Für meine Kollegen ist er eine äußerst wichtige und zuverlässige Quelle, wenn es um das Thema der Kolumbianer in Venezuela geht.

Eine Million Liter Benzin pro Tag

Die venezolanische Regierung hat verstanden und erkannt, dass die Grenzschließung Ergebnisse bringt. Wir haben ermittelt, dass dadurch pro Tag 173.000 Gallonen Benzin gespart werden, umgerechnet also eine Million Liter Treibstoff. Das ist viel Geld, sagt Juan Carlos.

Laut der Weltbank kostet ein Liter Bleifrei 95 in Venezuela 0,02 Dollar oder 0,97 Bolívar Fuerte (nach dem offiziellen Kurs). Auf Twitter hat eine Kollegin und Journalistin von Telesur, Madelene García, geschrieben, dass die kolumbianische Mafia 20 Liter Benzin in Venezuela für insgesamt 0,16 Dollar kauft und in Kolumbien für 14 kolumbianische Pesos, also ungefähr 19 Dollar verkauft.

Der "Schwarzmarkt": 732 Bolívar für einen Dollar

Auf der venezolanischen Website "Dólar Today" steht, dass der Kurs für den "Schwarzmarktdollar" 732 Bolívar pro Dollar erreicht hat, während der offizielle Wechselkurs bei 6,3 Bolívar pro Dollar liegt. Da die kolumbianische Mafia Millionen von Dollars besitzt, kann sie in Venezuela ungefähr 750 Liter Benzin für einen "Schwarzmarktdollar" kaufen.

JCT: Das ist die erste Dimension des Problems. Es hat sich gezeigt, dass neben dem Drogenhandel der Benzinschmuggel das ganz große Geschäft ist.

Heißt das, dass die Entscheidung von Maduro, die Grenze zu schließen und Durchsuchungen zu veranlassen, positive Folgen gehabt hat?

JCT: Auf jeden Fall. Es hat bewiesen, dass es möglich ist, Teile der internen Probleme damit in den Griff zu bekommen. Der kolumbianischen Regierung gefällt das natürlich ganz und gar nicht, denn sie muss nun eine Wirtschaftspolitik entwickeln, um das zu lösen, was Venezuela bislang getan hat. Wieso? Weil die Wirtschaft in Cúcuta zu 80 Prozent von venezolanischen Produkten gestützt ist. Die Wirtschaft in Cúcuta hat keinerlei Garantie von Seiten der Nationalregierung Kolumbiens erhalten, dass alles, was bislang aus Venezuela eingeführt wurde, von Staatsseite ersetzt werden wird. Und dabei handelt es sich um einen beträchtlichen Betrag, mehr oder weniger vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts Kolumbiens.

Allein in Cúcuta gibt es 3.000 Devisenhändler, die mit den venezolanischen Devisen spekulieren. Wie ist es möglich, dass der Staat nicht gegen sie vorgeht?

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JCT: Dort gibt es sieben Wechselbüros und gleichzeitig 3.000 Geldwechsler auf der Straße. Damit existieren zwei offizielle Wechselmöglichkeiten. Die Geldwechsler sind Strukturen, die – über ein ökonomisches Instrument in Kolumbien – legalisiert wurden. Sie sind wie gemacht für den Schmuggel. Die große Stütze des Schmuggels ist der Geldwechsel. Und den entwerteten Wechselkurs des Bolívar bestimmen die Geldwechsler. In Kolumbien gibt es eine Resolution, Resolution 8-2000, die diese Art von Aktivitäten für legal erklärt. Anders formuliert gibt es eine rechtmäßige Grundlage, die es erlaubt, den Bolívar an der Grenze illegal zu entwerten. Diese Geldwechsler dienen als Stütze für den Schmuggel.

Anders ausgedrückt ist das dreiste Spekulation, die von der Regierung des Nachbarlands legitimiert wird?

JCT: Absolut! Das ist die einzige Gesetzgebung auf der Welt, die zwei Wechselkurse für eine Währung (Devise) erlaubt. Es gibt nämlich einen Kurs für den offiziellen Wert und eine anderen Kurs, der einen anderen Wert festlegt.

Ich vermute, dass es schwer zu errechnen ist, wieviel Wechselvolumen die Grenze passiert.

JCT: Zwischen 18 und 19 Millionen Dollar erzielt dieses Schmuggelgeschäft im Jahr, und da ist das Benzin noch nicht eingerechnet.

Sind in diesem Schmuggel auch Medizin und alle anderen in Venezuela subventionierten Produkte einbezogen?

JCT: Ja. Zu den 28 Millionen Menschen, die Venezuela selbst versorgen muss, kommen drei Millionen im Grenzgebiet. Dazu kommen 15 Millionen Menschen, die im Inneren Kolumbiens ein oder mehr venezolanische Produkte konsumieren. Man kalkuliert, dass 18 Millionen Kolumbianer (von insgesamt 44 Millionen Einwohnern) venezolanisches Benzin konsumieren.

Sind die Anschuldigungen Maduros, dass die ganze Grenzregion im Bundesstaat Táchira von kolumbianischem Paramilitarismus durchsetzt ist, gerechtfertigt? Gibt es eine paramilitärische bewaffnete Mafia in diesem Gebiet?

JCT: Auf jeden Fall. Die Regierung hat mit der Grenzschließung eine Aktion durchgeführt, die auf die eine oder andere Art den Paramilitarismus bremsen wird. In der Tat ist die paramilitärische Aktivität dort sehr hoch. Drei Kommunen von Táchira sind vom Paramilitarismus komplett durchsetzt.

300.000 vertriebene Kolumbianer flüchten nach Venezuela

Tanus gibt an, dass zwischen Januar und Juni dieses Jahres mehr als 300.000 Kolumbianer nach Venezuela eingereist sind. Natürlich bleiben nicht alle, aber die Daten zeigen, dass 30 bis 35 Prozent in Venezuela verbleiben. In Kolumbien, so fügt Tanus hinzu, gibt es keine Aussichten auf Arbeit, Gesundheit oder Urlaub, was in Venezuela als Menschenrechte garantiert wird, selbst für die Kolumbianer, die sich einbürgern lassen.

Und was für Vorschläge hat "Kolumbianer in Venezuela" zum Thema der Grenze?

JCT: Wir arbeiten derzeit an einem Antrag an die Union Südamerikanischer Nationen (Unasur), dass sie eine Kommission der Gemeinschaft kolumbianischer Einwanderer empfängt, damit wir uns über mögliche Menschenrechtsverletzungen austauschen können. Wir werden angeben, wo Menschenrechte verletzt werden, wer die Akteure sind. Und wir werden ihnen erzählen, wer uns einen würdevollen Umgang bietet, wie wir in Venezuela leben, wie das Verhalten der Regierung Maduro gewesen ist, wie frühere Regierungen mit uns umgegangen sind und welches Verhalten die kolumbianische Regierung uns gegenüber an den Tag legt.

"Ich glaube, man sollte sich einmal anschauen, wie die Kolumbianer, die in Kolumbien vertrieben wurden und in den vergangenen Jahren nach Venezuela gekommen sind, aufgenommen wurden", resümiert Juan Carlos Tanus abschließend.

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