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15.01.2017 Kuba / Kultur / Politik

Esther Bejarano singt, um eine antifaschistische Botschaft zu verbreiten

Die kubanische Tageszeitung Granma über die Tour der Sängerin und Holocaust-Überlebenden
Esther Bejarano im Gespräch mit der Tageszeitung Granma in Kuba

Esther Bejarano im Gespräch mit der Tageszeitung Granma in Kuba

Quelle: Jose M. Correa

Esther Bejarano stand jeden Morgen mit dem Gedanken auf, dass sie sterben könnte. Sie war eine der Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz und sah in dem Lager des Horrors, wie fast täglich eines der Stockbetten leer blieb. Ebenso wie ihre Kameradinnen in der Qual, im Kampf und der Zwangsarbeit war sie Opfer der Gewissheit, dass sie als Nächste verschwinden könnte. Bis sie aufgefordert wurde, sich am Mädchenorchester von Auschwitz zu beteiligen und so die Vernichtung überlebte.

"Bei mir zu Hause gab es ein sehr intensives musikalisches Leben. Ich lernte Klavier. Als ich in Auschwitz war, wurde ein Orchester gegründet. Und sie fingen an, unter den Gefangenen zu suchen, wer ein Instrument spielen konnte. Ich konnte Klavier spielen, aber dort gab es keins. Es gab ein Akkordeon und die Orchester-Chefin fragte mich, ob ich spielen könne. Nie zuvor hatte ich ein Akkordeon in meinen Händen gehabt, aber ich sagte ja. So kam ich in das Orchester, musste nicht so hart arbeiten wie vorher und schaffte es, zu überleben", erinnert sich diese 92-jährige Künstlerin im Granma-Interview.

Die Sängerin, Pianistin und Akkordeon-Spielerin behauptete sich nicht nur gegen die Finsternis, die es bedeutete, Opfer jener Jahre zu sein. Die fand in der Musik, zuletzt auch in der Arbeit mit Rappern, einen Weg, damit der Horror-Marsch nie wieder gehört wird.

Esther ist eine überzeugte Antifaschistin. Um ihre Botschaft so weit wie nur möglich zu verbreiten, tourte sie mit der deutschen Rap-Gruppe Microphone Mafia auf mehreren internationalen Bühnen. Auf ihrer Reiseroute landete sie mit ihren 92 Jahren auf dem Rücken und einer bewährten Vitalität in Kuba.

"Ich bin eine glühende Antifaschistin. Wenn es möglich ist, werde ich das ganze Leben lang kämpfen, damit der Faschismus nie wieder aufkommt, der meine Schwester umgebracht hat. Mit diesem Ziel habe ich Konzerte in vielen Ländern Europas und der Welt gegeben. Wir singen Lieder gegen den Krieg und für die Liebe. Ich habe begriffen, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugend erfährt und versteht, was während des Faschismus geschah, damit das nicht wieder passiert. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit dieser Rap-Gruppe und wir sind schon eine große Familie, denn sie sind Antifaschisten wie ich."

Esther nutzt jeden Auftritt, damit das Publikum weiß, wie sie immer noch so auf den Beinen ist in einem Alter, in dem sie gemäß den Naturgesetzen, zu Hause seine sollte, umgeben von der Zuneigung und Betreuung ihrer Familie. Sie redet sehr schnell, rastlos, jeder Satz soll ein getreuer Ausdruck des Zieles sein, das ihr Leben durchdringt.

"In der Gruppe sind wir drei Generationen und repräsentieren drei Religionen: die jüdische, den Islam und das Christentum. Wir haben eine ausgezeichnete Kommunikation. Das ist etwas, was wir der Welt beibringen wollen. Ganz unterschiedliche Personen können eine gute Arbeit schaffen mit einem wirklichen Respekt vor der Verschiedenheit, aber immer darauf konzentriert, das Gute und die Gerechtigkeit zu vertreten", sagt die Sängerin, die in ihrer Jugend Sopran sang. "In meinem Alter komme ich natürlich nicht mehr in dieses Register, aber ich singe weiter", scherzt sie und erinnert erneut an das Ziel ihrer Auftritte.

Esther gesteht, dass die heutige Welt nicht die ist, die sie aufbauen wollte, als sie den Nazi-Faschismus überlebte und damit begann, antifaschistische Themen zu interpretieren und Kindern in Schulen Vorträge über die Konsequenzen des Holocaust zu halten.

Die deutsch-französische Künstlerin kam vor über einer Woche nach Kuba und hat einen unglaubliche Terminplan erfüllt, koordiniert von der Rap-Agentur des Musikinstitutes. Sie gab mit Microphone Mafia ein Konzert im Palacio de La Rumba, traf sich mit kubanischen Rappern, besuchte die jüdische Gemeinde in Havanna und sang in Camagüey, um nur einige Aktivitäten zu nennen.

Die Sängerin hat gerade ihr drittes Konzert in Kuba gegeben, wohin sie gemeinsam mit ihrem Sohn Yoram kam. Die "Show" war am Freitag in den Gärten des Musikinstitutes. Dort konnte das Publikum diese Sängerin live sehen, die zu einer lebenden Legende geworden ist, der die Musik buchstäblich das Leben gerettet hat.

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