Kolumbien / Politik

Carlos Lozada: "Kolumbien braucht einen politischen Pakt, um mit dem Paramilitarismus Schluss zu machen"

Der Guerillaführer und Mitglied des Generalsekretariats der Farc befindet sich derzeit mit über 270 Guerilleros in der Übergangszone Icononzo, Tolima

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Carlos Lozada beim Interview mit Verdad Abierta
Carlos Lozada beim Interview mit Verdad Abierta

Dort halten die Kämpfer inmitten langer Arbeitstage, um das Gelände herzurichten, die militärische Disziplin des Krieges aufrecht und studieren das Friedensabkommen.

"Für uns ist dieser politische Pakt extrem wichtig, um mit dem Paramilitarismus Schluss zu machen. Und wir denken, dass die Anstrengung in diesem Moment angeführt von den Farc und der nationalen Regierung unternommen werden muss", betont Julián Gallo Cubillos. Der Guerillaführer ist als Carlos Antonio Lozada bekannt und Mitglied des Farc-Generalsekretariats, der höchsten Entscheidungsinstanz der Aufständischen.

Zusammengekommen in der Übergangszone im Verwaltungsbezirk von Icononzo, Tolima, mit Männern und Frauen der Fronten 51, 53, 25,17 und der Kompanie José María Carbonel, die seit Jahren für seine Sicherheit zuständig gewesen ist, glaubt Lozada fest an die Durchführbarkeit des Vereinbarten, denn seiner Auffassung nach gebe es "die große Möglichkeit vom Gesichtspunkt des politischen Raumes, dass die Sektoren inner- und außerhalb des Staates, die noch immer auf der Durchführung dieser Art von Aufstandsbekämpfungs-Politiken beharren und gegen die soziale und populare Bewegung vorgehen, darauf verzichten, dieses Konzept des inneren Feindes weiterzuverfolgen."

Lozada besteht darauf, dass die Regierung jetzt das unter Punkt 3 des Friedensvertrages über Sicherheitsgarantien vereinbarte umsetzen müsse, um zu verhindern, dass die Morde an sozialen Anführern und Menschenrechtsverteidigern weitergehen. Ein Pilotplan auf lokaler Ebene müsse initiiert werden, der sicherstellt, dass nie wieder Waffen in der Politik eingesetzt werden.

Der Guerillaführer sprach mit Verdad Abierta nicht nur über die Zunahme illegaler bewaffneter Gruppen in verschiedenen von den Farc verlassenen Regionen des Landes; er spricht auch über die Überlegungen der subversiven Organisation im Hinblick auf das Plenum des Zentralen Generalstabes, das im März stattfinden soll, und über die Missstände, die es bei der Einrichtung der Übergangszone gibt, in der er sich befindet.

In den vergangenen Monaten gab es eine Welle von Morden an Anführern sozialer Bewegungen und Menschenrechtsaktivisten. Hinzu kommen die Klagen aus verschiedenen Regionen des Landes über die zunehmende Präsenz paramilitärischer Gruppen. Wie kann man von der Kritik und der Klage dahin kommen, weitere Tote zu verhindern?

Die Vereinbarung unter Punkt 3 über das Ende des Konfliktes, in dem es um Sicherheit geht, enthält etwas, was der kolumbianische Staat noch nie hatte, und das ist eine umfassende Strategie um diese Banden und diese Art von Kriminalität zu bekämpfen, die es in den verschiedenen Regionen des Landes gibt. Ein grundlegender Aspekt dieser Vereinbarung hat wesentlich mit der Notwendigkeit zu tun, dass alle Sektoren und alle Sicherheitskräfte, die Wirtschaftlichen, die Kirchen, die Parteien, die sozialen Bewegungen und die kolumbianische Gesellschaft als Ganze einen politischen Pakt schließen, der sie dazu verpflichtet, den Gebrauch von Waffen in der Politik aufzugeben. Für uns ist dieser politische Pakt extrem wichtig, um den Paramilitarismus zu beenden.

Wer soll Ihrer Auffassung nach diesen Vorschlag des politischen Paktes vorbringen?

Wir denken, dass die Anstrengung im jetzigen Moment von den Farc und der nationalen Regierung angeführt werden muss. Der Pakt wäre eine große Möglichkeit vom Gesichtspunkt des politischen Raumes, damit die Sektoren inner- und außerhalb des Staates, die noch immer auf der Durchführung jener Art von Aufstandsbekämpfungs-Politiken beharren und gegen die soziale und populare Bewegung vorgehen, darauf verzichten, dieses Konzept des inneren Feindes weiterzuverfolgen.

Zusätzlich ist in der Vereinbarung in einer Note die Notwendigkeit protokolliert, eine Art regionalen Pilotplan zu verwirklichen und wir fordern die Regierung auf, diesen sofort umzusetzen. Damit würde sie zeigen, dass sie tatsächlich den politischen Willen hat, dieses Phänomen anzugreifen.

Politischer Weg

Im Januar fand das Plenum des Zentralen Generalstabs der Guerilla in den Llanos von Yarí statt. Konnten Sie einige der Punkte umsetzen, die in der 'Road Map' vorgesehen sind?

Wir haben an den Vorbereitungsthesen des nächsten Plenums gearbeitet, das im März stattfinden wird und bei dem wir den Gründungskongress der neuen politischen Partei einberufen werden.

Welche Thesen sind dies?

Die Dokumente dazu werden noch ausgearbeitet, aber eine der Thesen hat mit einer Übergangsregierung zu tun, in der sich alle Sektoren, die den Frieden im Land unterstützen, engagieren, damit die nächste Regierung die Umsetzung der Vereinbarungen garantiert, die von vielen Sektoren unterstützt werden und zum Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens beitragen.

Was die Zusammensetzung der neuen politischen Partei angeht: Welche Rolle wird die klandestine kolumbianische kommunistische Partei (PC3) bei der Bildung dieser neuen Kollektivität spielen?

Die Farc bestehen nicht nur aus Männern unter Waffen, es gibt auch Milizen. Zunächst muss erwähnt werden: mit der Regierung wurde vereinbart, dass die Milizionäre nicht in die Übergangszonen kommen, dass sie aber für die Anwendung des integralen Systems für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Garantien der Nicht-Wiederholung registriert werden.

Im Fall der Bolivarischen Bewegung und der Strukturen der klandestinen Partei, die nicht unter Waffen und auch nicht an militärischen Aktionen beteiligt waren, so arbeiten sie noch mehr als zuvor schon; ihre Rolle ist, zum Aufbau der neuen Bewegung oder politischen Partei unter anderem mit Thesen, Positionen, Leitlinien, Allianzen, Annäherungen beizutragen. Sicher werden sie sich in die neue legale politische Struktur integrieren, die von den Basisstrukturen aus entstehen wird.

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Guerilleros bauen provisorische Unterkünfte in der Übergangszone  Icononzo
Guerilleros bauen provisorische Unterkünfte in der Übergangszone Icononzo

Das heißt, diese klandestine Struktur wird es nicht mehr geben?

Die PC3 wird beendet, selbstverständlich. Die Klandestinität hatte ihren Daseinszweck und das war die Existenz des Konfliktes, des Krieges. Sie war die Schutzgarantie für das Leben dieser Militanten, die, ohne bewaffnet zu sein, in dieser oder jener Weise für das politische Projekt gearbeitet haben, für das wir diesen Kampf geführt haben. Wenn der Krieg also verschwindet, gibt es keinen Grund mehr, dass irgendjemand in der Klandestinität bleibt.

Keine Fortschritte in Icononzo

Ende dieser Woche ist es einen Monat her, dass die letzte Gruppe Guerilleros in diese Übergangszone kam. Sind die Installationen und die Anpassung des Terrains vorangekommen?

Hier ist alles noch so, wie wir es vorgefunden haben, es gibt gar nichts. Die Regierung hatte sich dazu verpflichtet, die, wie wir sagen, Gemeinschaftsräume, zu bauen sowie die Trinkwasseranlage und die Abwasserversorgung zu installieren, ebenso die Klassenräume, in denen die Guerilleros ihre akademischen Aktivitäten weiterführen, ein Freizeitzentrum, den Sportplatz, die Küchen, die Essräume, die Wege auf dem Gelände; zudem sollte sie die Materialien bereithalten, damit die Truppe anfangen kann, ihre Unterkünfte zu bauen. Dies waren die Verpflichtungen der Regierung und bis heute gibt es, wie man sehen kann, nichts davon.

Auf dem Weg vom Dorf hierher hat uns derjenige, der uns gebracht hat, erzählt, dass auf Ihre Anweisung hin der Beginn der Arbeiten gestoppt wurde, sowohl in der Zone wie auch in der Umgebung. Was war geschehen?

Wir haben festgestellt, dass die Regierungsfunktionäre einseitig einen Vertrag geschlossen haben, um die Arbeiten umzusetzen, ohne die Vereinbarung zu beachten, die bereits über die Art der Bauten geschlossen worden war, die in den Übergangszonen gebraucht werden; und die außerdem die Größe der Bauten festlegte.

Dies brachte uns zu der Entscheidung, die Arbeiten auszusetzen, bis ein Funktionär mit Entscheidungsbefugnis kommt und im Einvernehmen mit uns die Art und Größe der Bauten beschließt. Denn von einem Schreibtisch in Bogotá aus Entscheidungen zu treffen und weder die Realität des Terrains noch derer, die in der Zone leben werden zu kennen, ist nichts als eine Willkürmaßnahme und blindes Vorgehen. Wie können sie einen Vertrag unterzeichnen und behaupten, dass wir uns anpassen? Diese Situation hat die Arbeiten hier in der Zone verzögert, wir warten darauf, dass dieser Funktionäre herkommt.

Welche Position haben die Vertragsnehmer?

Sie sagen, die wurden angewiesen, die Wege mit Schotter aufzuschütten, aber weder Kanalisation noch Abwasserkanäle zu bauen, die es erlauben, dass die Verbesserungen, die gemacht werden, auch aufrechterhalten werden können; das ist auch eine Sache, die wir fordern, denn es ist ziemlich sicher, dass wenn der Winter kommt, diese Reparatur hinfällig wird und wir werden abgeschnitten sein, weil wir keinen Zugangsweg zur Zone haben.

Was wurde also beschlossen für die Guerilleros?

Wir arbeiten an einigen provisorischen Bauten, wir können nicht mit verschränkten Armen warten, dass die staatliche Bürokratie beschließt, mit den Arbeiten zu beginnen. Morgen wird eine Delegation aus der Region in die Zone kommen, denn wir nutzen das selbe Wasser wie sie und das führt bereits zu einigen Gesundheitsproblemen bei den Einwohnern. Da der Staat nicht fähig ist, hierher zu kommen und die örtlichen Funktionäre sich angesichts dieser Situation taub stellen, haben wir uns darauf verständigt, eine Minga1 durchzuführen und mit Pickel und Schaufel Abwasserkanäle zu bauen, denn wir können nicht weiter die Gesundheit in diesen Gebiete beeinträchtigen.

Wenn man durch die Übergangszone geht, nimmt man wahr, dass viele Guerilleros junge Leute sind, einige ohne Schulbildung, andere haben die Sekundarstufe abgeschlossen, es gibt viele Frauen und einige sind schwanger. Was erhoffen Sie sich für ihre Zukunft?

Ich denke, dass die Verantwortung des Staates sehr groß ist. Aber die Verpflichtung, die wir in der Leitung der Farc haben, besteht darin, hart daran zu arbeiten, damit dieser Prozess der Wiedereingliederung sicherstellt, dass sie die wirtschaftliche Möglichkeit haben nicht nur würdig zu leben, sondern sich persönlich in dem Bereich zu verwirklichen, den jeder für sich wählt; und, wie es sicher sein wird, mit unserem politischen Projekt verbunden zu bleiben, weiterhin für das Ziel zu arbeiten, das wir immer verfolgt haben und für das so viele junge Frauen und Männer das Leben in dieser heroischen Anstrengung verloren haben, die der Widerstand in den 52 Jahren der Konfrontation bedeutet hat.

Was ist aus dieser ersten Phase der Umsetzung der Vereinbarungen festzuhalten?

Wir haben politischen Willen auf Seiten der Regierung gesehen, die Projekte im Kongress vorzulegen. Hervorzuheben ist auch die Rolle des Parlaments bei der Annahme des Amnestie-Gesetzes, trotz der Hindernisse, die in den Debatten aufgebaut wurden, damit der Übergang der Farc in eine politische Partei garantiert ist; trotz allem gibt es Aspekte, die den politischen Willen zeigen, bei der Umsetzung voranzukommen.

Und für die Zukunft: "Carlos Antonio Lozada" oder Julián Gallo Cubillos?

Ich habe noch keine Entscheidung getroffen, ob ich diesen Namen behalte oder den ursprünglichen Namen wieder annehme. Ich würde denken, meinen Geburtsnamen, aber ich weiß es noch nicht, ich habe darauf noch keine Zeit verwandt. Bald werden wir eine Entscheidung treffen müssen.

  • 1. Als Minga wird bei indigenen Gemeinschaften die freiwillige, gemeinsame Arbeit für die Gemeinde bezeichnet
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