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15.03.2017 Ecuador / Politik

"Hier spricht das Volk" – Gespräche in Ecuador

Amerika 21-Autorin Kerstin Sack war als internationale Wahlbeobachterin bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 19. Februar in Ecuador und bereiste das Land mehrere Wochen
Alianza País-Kandidat Lenín Moreno bei einer Wahlkampfveranstaltung

Alianza País-Kandidat Lenín Moreno bei einer Wahlkampfveranstaltung

Quelle: @35PAIS

In den vergangenen Wochen konnte ich in Ecuador mit zahlreichen Menschen sprechen, die immer wieder die Wahlen thematisierten.

Es begann mit dem Taxifahrer in der Innenstadt der Hauptstadt Quito. Er zeigte sich überzeugt, dass "sein" Präsident gewinnen würde. Auf Nachfrage nannte er Guillermo Lasso, den ehemaligen Banker und Vertreter einer neoliberalen Politik. Ein Argument des Taxifahrers für Lasso war der versprochene "freie Zugang" zu den Universitäten. Die Regierung von Rafael Correa habe eingeführt, dass die Studenten eine Prüfung vor dem Eintritt in die Universität ablegen müssten, um dann nach einem Punktesystem auf die Universitäten des Landes verteilt zu werden. Das würde bedeuten, dass sein Sohn, der offensichtlich nicht zu den Besten gehört, dann nicht in Quito studieren könne, sondern möglicherweise in eine andere Stadt müsse. Ebenso sei es mit der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Da müsse er bei der öffentlichen (kostenlosen) Versorgung länger auf einen Facharzttermin warten als bei den privaten Krankenhäusern. Der Gedanke, dass es bei der Privatisierung öffentlicher Leistungen für seinen Sohn schlechtere Aussichten auf einen Studienplatz in Quito geben könnte, kam ihm nicht. Ich war beeindruckt von den Auswirkungen der Argumente der Opposition auf einen prekär Beschäftigten, der ganz offensichtlich gegen seine eigenen Interessen wählen wollte.

Das nächste Gespräch fand in meiner Unterkunft mit einem Angestellten statt. Er berichtete, dass seine Arbeitgeberin ihn aufgefordert habe, die christsoziale Kandidatin Cynthia Viteri zu wählen. Falls er das nicht tue, wäre sein Arbeitsplatz in Gefahr. Er zeigte sich zwar etwas unsicher, dann aber doch überzeugt, dass die "hohen" Steuern für Unternehmen der jetzigen Regierung (32 Prozent) dazu führen würden, dass die großen Firmen das Land verließen und dann die Arbeitslosigkeit steige. Weiter erzählte er, dass auch bei den vorangegangenen Wahlen sein Arbeitgeber eines Unternehmens mit 40 Beschäftigten sie aufgefordert habe, für die Opposition zu stimmen.

Ganz anders seine Frau, die auch in der Pension arbeitet. Ja, die Chefin hat von ihnen verlangt die Opposition zu wählen. Aber sie ließe sich nicht unter Druck setzen. Sie würde wieder "Correa" wählen. Diese Regierung habe so viel für Leute wie sie getan. Und sie zählte die kostenlose Gesundheitsversorgung, den kostenlosen Zugang zu Bildung, den Bau von Schulen, Universitäten und Straßen auf. Ihr ginge es seitdem besser und sie werde für die Regierung stimmen. Sie habe keine Angst. Nach der Wahl erklärte sie stolz, sie habe ihrer Chefin gesagt, wen sie gewählt hatte. Uneinigkeit gibt es zwischen dem Ehepaar auch bei der Stichwahl am 2. April. Da geht wohl eine Stimme zu Lenín Moreno und die andere zu Guillermo Lasso.

CREO-Suma-Kandidat Guillermo Lasso beim Wahlkampf-"Selfie" mit Anhängern

Quelle: @CREOEcuador

Unterwegs in einer anderen Unterkunft treffe ich eine Alleinerziehende von drei Kindern. Das älteste ist stark geistig behindert. Wir kommen ins Gespräch und auch hier schnell zu den Wahlen. Sie erzählt mir von den Konflikten in ihrer Familie. Die Mutter versteht nicht, warum sie eine Pension betreibt und die Regierung unterstützt. Sie hingegen ist vehement auf der Seite von Lenín Moreno. Er habe sehr viel für die Behinderten getan. Auch habe sie einen Kredit vom Staat bekommen, um ihre Pension und damit ihren Lebensunterhalt aufzubauen. Ganz abgesehen von den anderen Fortschritten, die es für Arme gebe. Wie zum Beispiel das Bonus Programm, das Menschen mit niedrigem Einkommen mit 30 US-Dollar im Monat unterstützt. Einige Tage später trifft die Mutter ein. Als sie erfährt, dass ich internationale Wahlbeobachterin war, stürzt auf mich ein Redeschwall ein. Sie sei bei den Demonstrationen vor der Wahlbehörde dabei gewesen. Die ganze Regierung sei korrupt und wenn sie nicht einen solchen Druck gemacht hätten, gäbe es immer noch kein Wahlergebnis. Früher sei alles besser gewesen, da habe es keine Korruption gegeben. Und schließlich: 100 Prozent der Bevölkerung würde bei der Stichwahl Lasso wählen. Als ich meine Zweifel äußerte, weil die Armen sicherlich nicht für Lasso stimmen würden, gab sie sich geschlagen. Einverstanden, es würde 50 zu 50 ausgehen.

Am Rande der Stadt treffe ich auf die Eigentümerin eines Imbissstandes. Auch hier nach kurzer Zeit ein Gespräch über die Wahlen. Sie argumentiert sehr engagiert, warum die jetzige Regierung die richtige ist. Schließlich habe sie viel für die Armen getan. Das sei von Lasso nicht zu erwarten.

Als ich einem Taxifahrer von der Mutter erzählte, die behauptete, früher habe es keine Korruption gegeben, lachte er. Er habe jahrelang bei der Bank für Wohnungswesen gearbeitet. Es kam immer sehr viel Geld auf die Bank, aber irgendwann sei es immer verschwunden gewesen und keiner wusste wohin. Er sei ja kein "Correista", aber Korruption habe es immer gegeben. Dieses Mal hätte er ihn nicht gewählt, aber bei der Stichwahl würde er das tun. Jetzt würde Correa Leute als Diebe und Korrupte beschimpfen. Das sei früher nicht möglich gewesen. Da hätte sich niemand getraut etwas zu sagen, weil die Gefahr bestanden habe erschossen zu werden. In Ecuador habe sich viel verbessert, vor allem sei das Land jetzt bekannt in der Welt und es kämen viele Touristen. Außerdem sei alles sauberer und sicherer geworden.

Derweil streiten sich die linken und progressiven Kräfte auf intellektueller Ebene über die Unterstützung der Kandidaten. Viele Partei- und Organisationsführer wollen Lasso unterstützen, an der Basis dagegen grummelt es. Ihnen gefällt dieser Richtungsentscheid nicht. Wie die Wahl ausgehen wird, kann im Moment noch niemand voraussagen. Dazu gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Für die Armen und die Reichen geht es um viel: entweder weiter eine Politik der Umverteilung von Oben nach Unten – oder in die umgekehrte Richtung.

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