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Chile: "Rote Morgendämmerung"

Propaganda des Widerstands zu Zeiten der Diktatur Pinochets
Die Papelógrafos haben in Chile Facebook und Whatsapp bis heute überlebt

Die Papelógrafos haben in Chile Facebook und Whatsapp bis heute überlebt

Quelle: Michael Roth

Nach dem Militärputsch 1973 wurde in Chile jede oppositionelle Presse verboten. Später durften Zeitschriften wie APSI, Hoy, Análisis, Fortín Mapocho, La Época, El Humanista und andere unter strenger militärischer Zensur erscheinen. Um Gegenöffentlichkeit zu schaffen, organisierten vor allem Schüler und junge Arbeiter nächtliche Aktionen.

Der folgende Text ist eine freie Übersetzung und Niederschrift eines Interviews mit Valia Osorio. Sie wurde als 14-Jährige während des letzten nationalen Protesttages gegen Diktator Augusto Pinochet im Juli 1986 zusammen mit Sandra und Ivan von militarisierter Polizei beim Errichten einer Straßensperre in Renca überrascht, verhaftet, sexuell misshandelt, psychologischer und körperlicher Folter ausgesetzt und nach einer Woche wieder auf freien Fuß gesetzt. Heute ist Valia verheiratet, hat zwei Söhne und arbeitet als technische Angestellte im “Hospital del Salvador” wo sie auch freigestellte Gewerkschaftssekretärin ist. Sie bezieht eine bescheidene monatliche Wiedergutmachung (Comisión Valech) von 130.000 Pesos (175 Euro) und ist bis heute in psychiatrischer und psychologischer Behandlung. 2018 hat sie eine Klage auf Wiedergutmachung gegen den chilenischen Staat eingereicht.

Mit Beginn der Militärdiktatur wurde es notwendig den Widerstand auf allen Ebenen und in allen Formen zu organisieren. Angefangen von solidarischen Suppenküchen in den armen Arbeitervierteln, über friedliche Ankettungsaktionen der Familienangehörigen von Verhafteten und Verschwundenen, massiven Protestaktionen ab 1983 bis hin zu bewaffnetem Widerstand wie dem gescheiterten Attentat auf Pinochet am 7. September 1986. Dazu musste zuallererst einmal die Bevölkerung informiert werden. Die demokratische und oppositionelle Presse und Radios waren seit dem Putsch verboten und so war es das Gebot der Stunde mit allen möglichen, in der Regel improvisierten Mitteln die Propaganda der Opposition zu organisieren.

In Renca, einer Arbeitergemeinde im Norden Santiagos, hatten wir in allen Wohnvierteln den kommunistischen Jugendverband reorganisiert und im Laufe der Zeit schlossen sich uns Freunde der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) an. Ab den 80er Jahren organisierten wir die “Roten Morgendämmerungen” (Amanecer Rojo).

Jede Gruppe hatte die Aufgabe, wöchentlich in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag Propagandaaktionen durchzuführen. Das war nicht einfach. Man musste sich heimlich treffen, das entsprechende Material vorbereiten und schließlich verteilen. Ohne Auto, PC, Drucker oder Handy war jedes Unternehmen eine Herausforderung, die wir jedes mal neu meistern mussten.

Die Flugblätter wurden auf selbstgemachten Siebdruckrahmen vervielfältigt. Da Papier teuer und das Geld knapp war, wurde jedes Blatt beidseitig bedruckt. Das bedeutete eine Seite drucken, das Blatt zum trocknen aufhängen und schließlich die zweite Seite bedrucken. Roberto arbeitete zu dieser Zeit in einer Druckerei und brachte uns bei, wie wir die Siebdruckrahmen mit einfachen Mitteln selbst herstellen.

Manchmal konnten wir Restrollen aus den Zeitungsdruckereien auftreiben. Die wurden auf einige Meter lange Streifen (Papelógrafos) zusammengeschnitten und dann mir Parolen beschriftet. Um die Papelógrafos an die Wände zu kleben, bereiteten wir einen Kleber aus Wasser, Mehl und Ätznatron zu. Ätznatron war billig und in jedem Metallwarengeschäft zu bekommen, man benutzt es immer noch, um verstopfte Abwasserleitungen zu reinigen. Dieser Kleber hatte außerdem den Vorteil, dass die Plakate und Papeleógrafos, einmal getrocknet, regenbeständig waren und nicht so leicht entfernt werden konnten.

Besonders effektiv war es, die Parolen direkt auf die Wände zu malen. Sie hielten länger und konnten nur mit erneutem Übermalen beseitigt werden. Dazu verwendeten wir rote Kalktünche für die Buchstaben und gelbe für die Umrandungen. Da mit großen, sichtbaren Buchstaben geschrieben werden musste, waren Pinsel eher ineffektiv, da man sie ständig in die Farbe eintauchen musste. Durch Zufall machten wir eine Erfindung. Wir füllten Einliter-Plastikflaschen mit Farbe und verstopften die Flaschenöffnung mit einem Haushaltschwamm, mit dem man bequem einige Meter schreiben konnte indem man vorsichtig auf die Flasche drückte und so den Schwamm ständig mit genügend Farbe tränkte.

Roberto war der Experte zum Schreiben aber da er gelegentlich Probleme mit der Rechtschreibung hatte musste Maria, die ihm folgte und die Buchstaben umrandete ihm immer den folgenden Buchstaben soufflieren. Wir, zwei oder drei weitere Jugendliche hielten ihnen den Rücken frei und alarmierten, wenn sich die Polizei oder andere Verdächtige, als “zapos” (Frösche wegen der großen Augen die alles beobachten) bekannte Zuträger der Polizei näherten. Diese Aufgabe nahmen oft wir Mädchen wahr. Wir haben uns ziemlich aufreizend bekleidet und die herannahenden Polizeiwagen haben sich mit ihren aufgeblendeten Scheinwerfern, um uns besser sehen zu können, oft selbst verraten. Das wäre heute, mit der Feminismusbewegung wohl eher nicht mehr machbar aber zu unserer Zeit ein wirksamer Trick.

Wenn wir dann mit der nächtlichen Aktion fertig waren gingen wir oft noch vor die Tore der großen Industriebetriebe, um mit den Arbeitern zu reden und ihnen bei der Gründung von Betriebsgewerkschaften zu helfen. So konnten die Arbeiter in den von uns betreuten Betrieben mit unserer Mithilfe den Organisationsgrad von 2.000 auf über 8.000 Gewerkschaftsmitglieder erhöhen. Dort war es auch wo wir kleine Broschüren zur Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung verkauften oder gegen eine kleine Spende, Pfennigbeträge, Flugblätter zu aktuellen Anlässen anboten. Manchmal war es Material zum 1. Mai oder zum Internationalen Frauentag oder Flugblätter die von anderen Aktionen übrig waren. Etwas veraltet oder aktuell, nichts wurde weggeworfen. Es waren die Arbeiter, die mit kleinen Beträgen die sie ihren kargen Löhnen abzweigten, die unsere “Kriegskasse” aufbesserten. So hatten wir immer genügend Geld, um unsere nächste nächtliche Aktion zu finanzieren.

Die Papelógrafos haben Facebook und Whatsapp bis heute überlebt und man findet sie immer wieder an Mauern und Brücken.

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