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23.09.2015 Kuba / Vatikan / Politik

"Im Namen dieses würdevollen Volkes begrüße ich Sie auf das Herzlichste"

Rede Raúl Castros bei der Begrüßungszeremonie für Papst Franziskus auf dem internationalen Flughafen José Martí in Havanna am 19. September 2015
Raúl Castro begrüßt Papst Franziskus am Flughafen in Havanna

Raúl Castro begrüßt Papst Franziskus am Flughafen in Havanna

Eure Heiligkeit:

Das Volk und die Regierung Kubas empfangen Sie mit tiefen Gefühlen der Zuneigung, des Respekts und der Gastfreundschaft.

Wir fühlen uns durch Ihren Besuch sehr geehrt. Sie werden bemerken können, dass wir unsere Heimat, für die wir fähig sind, die allergrößten Opfer zu bringen, zutiefst lieben. Wir haben uns immer vom Beispiel der Vorkämpfer Unseres Amerika leiten lassen, die uns Würde, Tapferkeit und Großzügigkeit vererbt haben. Durch sie haben wir es vermocht, den martianischen Leitsatz zu praktizieren, dass Heimat Menschheit bedeutet.

Das denkwürdige Treffen, das wir im vergangenen Mai in der Vatikanstadt hatten, hat uns die Gelegenheit geboten, Ideen über einige der wichtigsten Angelegenheiten der Welt in der wir leben auszutauschen,.

Die Völker Lateinamerikas und der Karibik haben sich vorgenommen, in Verteidigung der Unabhängigkeit, der Souveränität über die natürlichen Ressourcen und der sozialen Gerechtigkeit in Richtung auf ihre Integration voranzuschreiten.

Dennoch bleibt unsere Region weiterhin die ungleichste bei der Verteilung des Reichtums. Auf dem Kontinent sehen sich rechtmäßig konstituierte Regierungen, die für eine bessere Zukunft arbeiten, zahlreichen Destabilisierungsversuchen ausgesetzt.

Wir haben mit großer Aufmerksamkeit Ihre Verkündigungen verfolgt. Die apostolische Ermahnung "Die Freude des Evangeliums" bezüglich der sozialen Themen und die Enzyklika "Gelobt seiest du", die sich auf die Zukunft und die Erhaltung des Planeten und der Menschheit bezieht, haben mich zu tiefem Nachdenken angeregt. Sie werden zu Referenzen für den nächsten Gipfel über die Post-2015-Entwicklungsagenda, der noch im laufenden Monat in der UNO stattfindet, und für die 21. Internationale Konferenz zum Klimawandel, die im Dezember in Paris abgehalten werden wird.

Ihre Analysen der Ursachen für diese Probleme und der Aufruf zur Bewahrung des Planeten und das Überleben unserer Art erfahren in der Welt ein wachsendes Echo; sie sind ein Appell zur Beendigung des räuberischen Verhaltens der reichen Länder und der großen transnationalen Konzerne, zur Beseitigung der Gefahren, die in Form der Erschöpfung der Ressourcen und des Verlustes der Biodiversität über allen schweben.

Eure Heiligkeit hat sehr richtig angemerkt: "Die Menschheit ist dazu aufgerufen, sich über die Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Lebensstil, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen."

Der Führer der kubanischen Revolution, Fidel Castro Ruz, hat im Jahre 1992 während der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Río de Janeiro auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Menschheit vor der Selbstzerstörung zu bewahren, den Reichtum, das Wissen und die Technologien besser zu verteilen, um durch eine nachhaltige Entwicklung "den Hunger verschwinden zu lassen und nicht den Menschen", wie er betonte.

Das aktuelle internationale System ist ungerecht und unmoralisch. Es hat das Kapital globalisiert und das Geld zu seinem Götzen gemacht. Es verwandelt die Bürger in reine Verbraucher. Anstatt das Wissen und die Kultur zu verbreiten, entfremdet sie diese mit Reflexen und Verhaltensmustern durch Medien, die nur den Interessen ihrer Besitzer, den transnationalen Medienkonzernen dienen.

Die tiefe und andauernde Krise entlädt sich mit brutaler Härte über den Ländern der Dritten Welt. Auch die Ausgeschlossenen in der industrialisierten Welt, die Minderheiten, die arbeitslosen Jugendlichen und die schutzlosen Alten und diejenigen, die vor Hunger und Konflikten Zuflucht suchen, entkommen ihr nicht. Das, was mit den Immigranten und den Armen geschieht, ist eine Beleidigung für das menschliche Gewissen. Das sind die Empörten dieser Welt, die ihre Rechte und das Ende von soviel Ungerechtigkeit einfordern.

Eure Heiligkeit:

In Ihren Worten an die beiden Welttreffen der Volksbewegungen im Oktober vergangenen Jahre in der Vatikanstadt und im Juli dieses Jahres in Santa Cruz de la Sierra in Bolivien, haben sie erneut die Notwendigkeit betont, Solidarität zu üben und vereint gegen die strukturellen Ursachen der Armut und der Ungleichheit, für die Würde des Menschen zu kämpfen und haben sich auf das Recht auf Land, auf ein Dach über dem Kopf und auf Arbeit bezogen.

Um diese Rechte zu erringen wurde bei uns die kubanische Revolution in Gang gesetzt. Sie wurden von Fidel in seinem historischen Verteidigungsplädoyer eingefordert, das unter dem Titel "Die Geschichte wird mich freisprechen" bekannt geworden ist.

Um eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft zu erreichen haben wir seit dem Sieg der Revolution mit höchster Anstrengung gearbeitet und die größten Risiken auf uns genommen.

Wir haben dies unter der Blockade, unter Verleumdungen und Angriffen, unter hohen Kosten an Menschenleben und wirtschaftlichen Schäden getan. Wir haben eine Gesellschaft mit Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit begründet, mit breitem Zugang zur Kultur und in Anlehnung an die Traditionen und die fortgeschrittensten Ideen Kubas, Lateinamerikas, der Karibik und der Welt.

Millionen von Menschen haben unter kubanischer Mitwirkung ihre Gesundheit wiedererlangt: 325.710 Mitarbeiter waren dabei in 158 Ländern tätig; heute stellen 50.281 kubanische Gesundheitsarbeiter in 68 Ländern ihre Dienste zur Verfügung. Dank des Programms "Yo sí puedo" [Ja, ich kann] sind 9.376.000 Menschen in 30 Staaten alphabetisiert worden; und mehr als 68.000 ausländische Studenten aus 157 Ländern haben in Kuba ihren Universitätsabschluss gemacht.

Wir schreiten mit Entschlossenheit bei der Aktualisierung unseres wirtschaftlichen und sozialen Modells voran, um einen blühenden und nachhaltigen Sozialismus aufzubauen, der auf den Menschen, die Familie und die freie, demokratische, bewusste und schöpferische Beteiligung der ganzen Gesellschaft und insbesondere der Jugend ausgerichtet ist.

Den Sozialismus zu bewahren heißt die Unabhängigkeit, die Souveränität, die Entwicklung und das Wohlergehen der Nation zu garantieren. Wir sind aufs festeste entschlossen, uns allen Herausforderungen zu stellen, um eine erfüllte und gerechte Gesellschaft mit hohen ethischen und spirituellen Werten zu erreichen. Wie schon der ehrwürdige Priester Félix Varela zum Ausdruck brachte, wollen wir, "dass die zukünftigen Generationen von uns die Würde der Menschen erben und bedenken, was ihre Wiedergewinnung kostet, damit sie fürchten, sie zu verlieren."

Die Einheit, die Identität und die regionale Integration gilt es zu verteidigen. Die Proklamation Lateinamerikas und der Karibik als Zone des Friedens, die von den Staats- und Regierungschefs während des im Januar 2014 in Havanna abgehaltenen zweiten Gipfels der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten unterzeichnet wurde, ist einem Komplex von Verpflichtungen lebenswichtiger Bedeutung gewidmet, wie der friedlichen Lösung von Streitigkeiten mit dem Ziel, für immer die Anwendung und Drohung mit Gewalt in unserer Region zu bannen; sich weder direkt oder indirekt in die inneren Angelegenheiten irgend eines anderen Staates einzumischen und die Prinzipien der nationalen Souveränität, der Gleichheit der Rechte und der freien Selbstbestimmung der Völker zu beachten; die Beziehungen der Freundschaft und der Zusammenarbeit untereinander und mit anderen Nationen zu fördern; sowie das unveräußerliche Recht eines jeden Staates, sein politisches, ökonomisches, soziales und kulturelles System zu wählen, als wesentliche Bedingung zur Sicherung des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Nationen in Gänze zu respektieren.

Für Kuba besitzen die Vorhaben und Prinzipien der Vereinten Nationen volle Gültigkeit. Einzig deren Respektierung kann den Frieden und die internationale Sicherheit, die zunehmend bedroht sind, garantieren.

Wir haben mit höchstem Interesse von den Worten Eurer Heiligkeit im Rahmen des Gedenkens an den 70. Jahrestag der nuklearen Angriffe auf die Städte Hiroshima und Nagasaki Kenntnis genommen.

Die Existenz der Atomwaffen stellt eine Bedrohung des ureigenen Überlebens der Menschen dar und verstößt gegen die ethischen und moralischen Prinzipien, die die Beziehungen zwischen den Nationen leiten müssen. Ihre Anwendung würde das Verschwinden der menschlichen Zivilisation bedeuten. Der Einsatz für die Abrüstung und insbesondere für die nukleare Abrüstung ist nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Recht aller Völker der Welt.

Eure Heiligkeit:

Wir haben uns für Ihre Unterstützung des Dialoges zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba bedankt. Die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen ist ein erster Schritt im Prozess hin zu einer Normalisierung der Verbindungen zwischen beiden Ländern gewesen, die der Lösung von Problemen und der Wiedergutmachung von Ungerechtigkeiten bedürfen wird. Die Blockade, die den kubanischen Familien menschliche Schäden und Entbehrungen zugefügt hat, ist grausam, unmoralisch und illegal und muss aufhören. Das Territorium, dass widerrechtlich von der Marinebasis in Guantánamo besetzt ist, muss an Kuba zurückgegeben werden. Auch andere Angelegenheiten müssen beigelegt werden. Diese gerechten Forderungen werden von den Völkern und der überwältigenden Mehrheit der Regierungen der Welt geteilt.

In diesem Jahr, Eure Heiligkeit, begehen wir den 80. Jahrestag ununterbrochener Beziehungen zwischen dem apostolischen Heiligen Stuhl und Kuba, die gut sind und sich auf der Basis des gegenseitigen Respekts vorteilhaft entwickeln.

Die Regierung und die Katholische Kirche in Kuba unterhalten ihre Beziehungen in einem erbaulichen Klima, genau wie es auch mit allen Religionen und religiösen Institutionen im Land der Fall ist, die moralische Werte vermitteln, die die Nation schätzt und pflegt. Wir praktizieren die religiöse Freiheit als geheiligtes Recht unserer Verfassung.

Wir messen der Anwesenheit Eurer Heiligkeit in unserem Land sehr große Bedeutung bei. Ihr Zusammentreffen mit einem arbeitsamen, gebildeten, opferbereiten, großzügigen Volk mit tiefen Überzeugungen und patriotischen Werten, das dazu bereit ist, seinen heroischen Widerstand fortzusetzen und eine Gesellschaft aufzubauen, die eine vollständige Entwicklung von Frauen und Männern in Würde und Gerechtigkeit garantiert, wird transzendent und bereichernd sein.

Im Namen dieses würdevollen Volkes begrüße ich Sie auf das Herzlichste.

Vielen Dank.

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