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Der Papst – ein Freund der Diktatoren?

Während der Herrschaft der Militärs soll Jorge Mario Bergoglio progressive Jesuiten denunziert haben. Anzeige blieb ohne Folgen
Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst

Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Rom/Buenos Aires. Zum ersten Mal ist ein Lateinamerikaner an die Spitze der katholischen Kirche gelangt. Jorge Mario Bergoglio, der 76-jährige Erzbischof von Buenos Aires, wurde am Mittwochabend zum Nachfolger von Joseph Ratzinger gewählt. Bergoglio setzte sich im fünften Wahlgang durch.

Lateinamerika ist nach einer brutalen Missionierung zu Kolonialzeiten ein weitgehend katholischer Kontinent. Rund 560 Millionen Menschen, knapp die Hälfte der gut 1,1 Milliarden Katholiken, leben südlich der USA.

Zwar ist der Anteil von Katholiken an der Gesamtbevölkerung nirgends so hoch. Doch gerade in Mittelamerika haben in den vergangenen Jahren evangelikale Sekten massiv an Einfluss gewonnen. In Staaten wie Guatemala konnten sie schon die Hälfte der Bevölkerung für sich gewinnen. In Südamerika wurde in Staaten wie Bolivien mit der Aufwertung indigener Kulturen und Traditionen die Macht der katholischen Kirche indirekt in Frage gestellt. In mehreren progressiv regierten Staaten der Region kam es in den vergangenen Jahren zudem zu heftigen Konflikten mit dem katholischen Klerus, der traditionell der postkolonialen Oligarchie nahesteht. Die Wahl Bergoglios dürfte auch dem Versuch geschuldet sein, verlorenen Einfluss in Lateinamerika gutzumachen.

Bergoglio ist der erste Jesuit an der Spitze des Vatikans. Der 76-jährige hat die meiste Zeit seines Lebens in Lateinamerika verbracht. Nachrichtenagenturen bezeichneten ihn am Mittwoch als "Modernisierer" der ehemals konservativen argentinischen Kirche.

In dem südamerikanischen Land dürften aber nicht alle Menschen erfreut über die Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires sein. In den vergangenen Jahren wurde Bergoglio mehrfach vorgeworfen, Kontakte zur Militärdiktatur (1976-1983) gepflegt zu haben. Während der blutigen Herrschaft der Generäle waren bis zu 30.000 tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner ermordet worden. Wenige Tage vor der letzten Papstwahl 2005 war gegen Bergoglio sogar Anzeige erstattet worden, bislang aber ohne Ergebnis.

Der Menschenrechtsanwalt Marcelo Parrilli hatte dem Kardinal vorgeworfen, im Jahr 1976 in die Entführung zweier Jesuitenpriester verwickelt gewesen zu sein. Die beiden Glaubensbrüder waren fünf Monate nach ihrer Geiselnahme betäubt und halb nackt aufgefunden worden. Wie die argentinische Tageszeitung Pagina12 schreibt, war Bergoglio zu jener Zeit Leiter des Jesuitenordens in Argentinien. Er habe handfeste Konflikte mit Ordensmitgliedern gehabt, die sich der Demokratiebewegung gegen die Militärdiktatur angeschlossen hatten. Die beiden Entführungsopfer Franz Jalics und Orlando Yorio waren von ihm kurz vor der Entführung aus dem Orden ausgeschlossen worden. Gegenüber dem Ordensgeneral in Rom sagten sie später aus, sie seien von Bergoglio denunziert worden.

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