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Bundesbehörden in Mexiko in Massaker verstrickt

Zeitschrift Proceso veröffentlicht neue Rechercheergebnisse auf Basis von Videos, Dokumenten und Zeugenaussagen. Version der Regierung bröckelt
Demonstranten schrieben mit Licht auf den zentralen Platz von Mexiko-Stadt: "Es war der Staat"

Demonstranten schrieben mit Licht auf den zentralen Platz von Mexiko-Stadt: "Es war der Staat"

Quelle: Ranllus Sleman

Mexiko-Stadt. Gut zweieinhalb Monate nach einem mutmaßlichen Massaker an Studenten in Mexiko beginnt die offizielle Version der Geschehnisse zu bröckeln, nach der es sich um einen lokalen Konflikt gehandelt hat. Ein US-mexikanisches Rechercheteam berichtet nun, dass die Bundespolizei hinter der Verschleppung und mutmaßlichen Ermordung der 43 jungen Männer steht. Bislang hatten Vertreter der Regierung und der Staatsanwaltschaft darauf beharrt, dass lokale Polizeieinheiten aus den Ortschaften Iguala und Cocula zunächst drei Lehramtsstudenten ermordet und dann weitere 43 an die kriminelle Bande "Guerreros Unidos" übergeben habe. Deren Mitglieder hätten dann alle Studenten getötet.

Der Bericht der mexikanischen Zeitschrift Proceso weist nun nach, dass Bundespolizisten an dem Angriff auf die Studenten am 26. September teilgenommen haben. Die Arbeit stützt sich auf offizielle Dokumente, Zeugenaussagen und Videoaufnahmen. Daraus geht auch hervor, dass die Bundesregierung unter Präsident Enrique Peña Nieto in Echtzeit über die Geschehnisse informiert gewesen war.

Die Recherche von Proceso wurde von dem Programm für investigativen Journalismus der Universität Kalifornien in Berkeley unterstützt. Ausgewertet wurden dafür neben den genannten Quellen auch juristische Unterlagen. "Demzufolge hat die Bundespolizei (PF) aktiv und direkt an dem Angriff teilgenommen", heißt es in dem Bericht.

Nach Ansicht der Autoren zielte die Attacke auf die Universität der Lehramtsstudenten im Ort Ayotzinapa auf die politische und organisatorische Führungsebene der Institution ab. Darauf weise hin, dass eines der Opfer Mitglied in der Gruppierung "Komitee für den Kampf der Studenten" war. Zehn weitere seien bekannte politische Aktivisten gewesen.

Bis jetzt beharren Regierungs- und Justizvertreter auf Bundesebene darauf, dass der damalige Bürgermeister von Iguala, José Luis Abarca, den Angriff angeordnet hat. Er habe befürchtet, dass die politisierten Studenten einen öffentlichen Rechenschaftsbericht seiner Ehefrau, María de los Ángeles Pineda Villa, stören. Pineda Villa leitete im Verwaltungsbezirk ein Familienprogramm der Regierung.

Nach dieser Version haben lokale Polizeieinheiten die Studenten festgenommen. Mitglieder der Bande "Guerreros Unidos" hätten sie später ermordet und die Leichen verbrannt. Von diesen Geschehnissen hätten Bundespolizisten und die in der Nähe stationierte Armee nichts mitbekommen. Eben diese Darstellung scheint nun widerlegt.

Proceso zitiert unter anderem aus einem bislang unveröffentlichten Bericht der Regierung des Bundesstaates Guerrero, der im Oktober verfasst und vor gut einem Monat an das Innenministerium in Mexiko-Stadt gesandt wurde. Dem Papier zufolge wurden die Studenten bereits von Bundesagenten observiert, als sie die Universität im Ort Ayotzinapa verlassen haben. Um 17:59 Uhr habe eine Einheit mit dem Namen "Centro de Control, Comando, Comunicaciones y Cómputo (C4)" aus Chilpancingo, der Hauptstadt von Guerrero, den Aufbruch der jungen Männer nach Iguala vermeldet. Um 20 Uhr trafen Bundespolizisten und Kollegen aus Guerreo an einer Autobahn ein, an der die Studenten eine Spendensammlung durchführten. Um 21:22 Uhr wurde der Einsatzleiter der Bundespolizei, Luis Antonio Dorantes, über den aktuellen Stand der Dinge informiert. Und um 21:40 Uhr verzeichnete die nachrichtendienstliche C-4-Einheit die ersten Schüsse.

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14.12.2014 Nachricht von Harald Neuber